Birger T. Aasland, Geschäftsführer bei Arvato Systems
IT-DIRECTOR: Stichwort Klimatisierung: Kalt-Warm-Gänge und freie Kühlung sind bereits gängige Methoden für eine energieeffizientere Klimatisierung im Rechenzentrum. Welche weiteren Vorgehensweisen können hier Energiekosten sparen?
B. Aasland: Der konsequente nächste Schritt ist die Einhausung der Kalt-Warm-Gänge, um so die kalte Luft gezielt an die Systeme zu leiten. Kalte und warme Luft werden getrennt, Leistungen bis zu 8 KW können nur mit Luft abgefahren werden. Um hierbei die höchste Energieeffizienz zu erzielen, werden bei uns in den Klimaschränken regelbare EC-Ventilatoren eingesetzt, die nur so viel Luft wie benötigt umwälzen. Allein durch diese Maßnahme senken wir die benötigte Antriebsenergie der Ventilatoren um ca. 70 Prozent.
IT-DIRECTOR: Wie funktioniert eine Kühlung mit Erdwärme oder mit Grund- bzw. Meerwasser? Und wo liegen hierin die größten Vor- bzw. Nachteile?
B. Aasland: Wir setzen in unseren Rechenzentren derzeit auf ein ganzheitliches Energiekonzept, bei dem wir im Jahr 2011 die Bereiche Klima, Strom, Gebäude und Technik optimiert und aufeinander abgestimmt haben für bestmögliche Energiewerte. Bei dieser Umstellung haben wir auch die eingangs erwähnte Kühlungsmethoden geprüft, sind aber für die Größe und den Bedarf unserer Rechenzentren zu dem Ergebnis gekommen, dass die freie Kühlung für uns die optimale Lösung ist.
IT-DIRECTOR: Welche Methoden bzw. Technologien sorgen bei anderen RZ-Komponenten für mehr Energieeffizienz?
B. Aasland: Nehmen wir als Beispiel USV-Anlagen: Bei älteren USV-Anlagen lag der Wirkungsgrad bei ca. 80 Prozent, der Rest wurde in Wärme umgesetzt. Wir setzen auf neueste USV-Anlagen, die durch die IGBT-Technologie (insulated gate bipolar transistor) keine Verlustleistung durch Netzfilter aufweisen und so einen höheren Wirkungsgrad von bis zu 98,7 Prozent erzielen. Die geringere Abwärme spart dann natürlich bei der Kühlung der Anlage. Auch über eine granulare, optimale Rackauslastung erzielen wir ressourcenschonende Effekte.
IT-DIRECTOR: Inwieweit nutzen Rechenzentrumsbetreiber in Deutschland bereits erneuerbare Energie für den Betrieb ihres Data Center?
B. Aasland: Steigende Energiekosten werden immer mehr zum wirtschaftlichen Faktor für die Rechenzentrumsbetreiber, die Kunden werden gleichzeitig aber auch sensibler. Daher muss sich jeder Betreiber mit diesem Thema befassen. Wir optimieren dahingehend vor allem die Bereiche Klimalösung, Stromversorgung oder auch die Gebäudetechnik. Bei uns fängt das schon bei den Zulieferern an: Unser Energielieferant beispielsweise erzeugt 18 Prozent seines Stroms in einer umweltverträglichen Koppelproduktion. Zudem tauschen wir uns mit anderen Unternehmen über das „LEEN Programm“ des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) zum Thema erneuerbare Energien für das Rechenzentrum aus.
IT-DIRECTOR: Welche Zertifizierungen garantieren dem Endanwender, dass die genutzten RZ-Services aus einem energieeffizienten Rechenzentrum stammen?
B. Aasland: Da möchte ich beispielhaft zwei wichtige Zertifizierungen nennen: Zum einen den „Blauen Engel für Rechenzentrumsbetrieb“, der seit August 2011 vergeben wird, zum anderen das „Tüv-Siegel für Energieeffizienz im Rechenzentrum“.
IT-DIRECTOR: Was sind die wichtigsten Maßnahmen, die für Energieeffizienz in Ihrem Rechenzentrum sorgen?
B. Aasland: Die Optimierung der Klimatechnik ist für uns der wichtigste Baustein innerhalb unseres ganzheitlichen Energieeffizienzkonzepts. Dabei setzen wir auf Freikühlung, Erhöhung des Temperaturniveaus im RZ, Einsatz von EC-Ventilatoren und vor allem die Umsetzung von Kaltgangeinhausungen. Aber auch intelligente Gebäudetechnik und Betonkernaktivierung, Abwärmenutzung oder Virtualisierung und Blade Server tragen bei uns im Zusammenspiel zu optimalen Energiewerten bei.
IT-DIRECTOR: Wie energieeffizient arbeitet Ihr Rechenzentrum? Welchen PUE-Wert weist Ihr Data Center aktuell auf?
B. Aasland: Im Jahresmittel hatten wir bisher einen PUE-Wert von 1,60. Nach der Umsetzung des neuen Energiekonzeptes in 2011 erreichen wir nun PUE-Werte bis zu 1,33. Trotz massivem Wachstum bei der Anzahl Server, Netzwerk und Storage können wir dank des ganzheitlichen Energiekonzeptes einen Rückgang des Gesamtstromverbrauches in den Rechenzentren von über vier Prozent verzeichnen.
IT-DIRECTOR: Wie viel Energie konnten Sie mit Ihren Maßnahmen in den letzten beiden Jahren einsparen?
B. Aasland: Waren es in den vergangenen zwei Jahren noch gut 100.000 eingesparte KWh, so sparen wir mit den im letzten Jahr umgesetzten Optimierungen in den Bereichen Technik, Klima, Strom und Gebäude nun jährlich ca. 1,2 Mio. kWh ein. Durch neue Kaltgangeinhausungen können 50 Prozent Einsparungen bei den Klima-Strom-Kosten für diese Räume erzielt werden, durch den Austausch von Leuchtstoffröhren im RZ zusätzlich ca. 30.000 kWh oder 18 Tonnen CO2 pro Jahr. Durch Betonkernaktivierung haben wir zudem ca. 60 Prozent weniger Gasverbrauch in der Gebäudetechnik.
IT-DIRECTOR: Wie gewährleisten Sie die Hochverfügbarkeit Ihres Rechenzentrums? Wie garantieren Sie dabei, dass die Absicherung der IT nicht zu Lasten der Energieeffizienz geht?
B. Aasland: Ein modernes Rechenzentrum zeichnet sich durch Hochleistungsfähigkeit und Sicherheit bei gleichzeitiger Energieeffizienz aus. Daher sind in unseren Rechenzentren alle Versorgungskomponenten, wie Transformatoren, Generatoren, USV-Anlagen, Kälteerzeugung oder Umluftklimaschränke „N+1 redundant“ aufgebaut. So sind Ausfallsicherheit und Leistung für unsere Kunden gewährleistet, unabhängig von der effizienten und klimaschonenden Betriebsweise.
IT-DIRECTOR: Wenn Sie heute die freie Wahl hätten – an welchem Standort würden Sie sofort ein neues Rechenzentrum bauen? Und warum gerade an dieser Stelle?
B. Aasland: Wir setzen sehr stark auf den versorgungssicheren Standort Deutschland, bevorzugt auf die Region Ostwestfalen. „Made in Germany“ spielt für uns sowohl in der Leistungserbringung selbst als auch bei der Wahl der Standorte für unsere Rechenzentren eine sehr große Rolle. Für viele unserer Kunden ist das neben höchster Sicherheit und Verfügbarkeit ein ausschlaggebender Faktor.