Peter Ganten, Geschäftsführer der Univention GmbH
IT-DIRECTOR: Herr Ganten, welche Standards existieren bereits für das Cloud Computing?
P. Ganten: Viele und gar keine, das hängt ganz davon ab, auf welcher Ebene und aus welchem Blickwinkel man Cloud Computing betrachtet. Allgemein akzeptiert ist natürlich, dass auf Cloud-Ressourcen über Internettechnologien zugegriffen wird und im Bereich von Infrastructure-as-a-Service scheint sich mit OVF ein Standard für den Im- und Export virtueller Maschinen zu etablieren. Ebenso unterstützen viele Hersteller das ursprünglich von Amazon entwickelte EC2-API zum Zugriff auf IaaS-Infrastrukturen.
Das sind aber Quasi-Standards in einem sehr frühen Stadium und es ist oft sehr schwer zu erkennen, welches Feature beispielsweise von EC2 oder von OVF von allen Herstellern unterstützt werden. Man läuft dann schnell Gefahr, Dinge zu nutzen, die so nur mit einem Anbieter funktionieren und hat es beim Wechsel schwer. Aber immerhin entwickeln sich in diesem Bereich allgemein akzeptierte Standards und Schnittstellen.
Bei Software-as-a-Service und Platform-as-a-Service sieht es deutlich schlechter aus. Es gibt zwar ein paar anwendungs- oder verfahrensspezifische Standards für den Datenaustausch sowie für Authentifizierung und Autorisierung, aber Standards, die es ermöglichen, grundsätzlich auf dieselbe Weise z.B. auf Groupware- oder CRM-Daten zuzugreifen gibt es nicht. Insbesondere weil in solchen Softwaresystemen ja oft nicht nur Daten, sondern auch organisationsspezifische Prozesse abgebildet werden, entsteht daraus die Gefahr von hoher Herstellerabhängigkeit. Das ist letztlich ein Hemmnis für die Adoption von SaaS- und PaaS-Angeboten, die sich nicht von einem zu einem anderen Anbieter übertragen lassen.
IT-DIRECTOR: Was halten Sie von dem Softwareprojekt „OpenStack“? Inwiefern wird die Verbreitung der daraus resultierenden Technologien vorangetrieben?
P. Ganten: Wie angesprochen haben viele Hersteller in den vergangenen Monaten beschlossen, sich am OpenStack-Projekt zu beteiligen und es als Plattform für das Management von IaaS-Infrastrukturen zu verwenden. Das ist unter anderem deswegen möglich geworden, weil es Open Source Software und gleichzeitig hinreichend unabhängig von einzelnen Herstellern ist. Durch die Konzentration auf OpenStack hat dieses Projekt hohes Potential bekommen, das es freilich in Teilen noch einlösen muss. Es zeigt aber wie wichtig Standards in diesem Bereich sind und führt insgesamt zu einer schnelleren Adaption von Open-Source-Technologien im IaaS-Bereich. Dazu gehören insbesondere die Hypervisor-Technologien KVM und Xen.
IT-DIRECTOR: Inwieweit sollten die Bundesregierung oder die EU hinsichtlich der Etablierung von Cloud-Standards aktiv werden?
P. Ganten: Die Politik muss hier vorsichtig agieren und sollte eher moderieren. Denn Standards müssen von Industrie und Anwendern entwickelt und vorangetrieben werden. Ein von der Politik etablierter Standard, der sich nicht an praktischen Erfordernissen orientiert, nutzt niemandem etwas. Viel wichtiger ist es, dass Politik existierende Standards beispielsweise in Ausschreibungen forciert und darauf achtet, dass es sich dabei um wirklich offene Standards handelt, die nicht von einem einzigen Hersteller kontrolliert werden können. Anderenfalls wird Innovation behindert und es besteht die Gefahr der Monopolbildung, was direkt zu Wettbewerbsnachteilen, etwa für die europäische Industrie führt.
IT-DIRECTOR: Woran liegt es, dass sich Standards für Cloud Computing aktuell noch nicht flächendeckend etablieren konnten?
P. Ganten: Zum einen handelt es sich bei vielen Bereichen von Cloud Computing um eine junge, innovative Technologie, die von einzelnen Unternehmen vorangetrieben wird. Dort wird erst einmal gemacht und Erfolg gesucht, und nicht jahrelang in Standardisierungsgremien gearbeitet. Das ist auch in Ordnung. Dort, wo entsprechende Technologie beispielsweise als Open Source Software allen Stakeholdern zur Verfügung gestellt wird, besteht die Chance, dass sich daraus offene Standards entwickeln, die sehr erfolgreich sein können. Das schon genannte Open-Stack-Projekt ist ein gutes Beispiel dafür.
Aber dann gibt es auch eine gewisse „Landrush-Mentalität“, bei der Hersteller versuchen, Anwender tatsächlich an neue proprietäre Plattformen in der Cloud zu binden. Die Idee ist hier, dass auf diese Weise gefangene Anwender für lange Zeit guten Umsatz sichern können, weil sie praktisch nicht zu Wettbewerbern migrieren können.
IT-DIRECTOR: Stichwort Migration: Worauf sollten IT-Verantwortliche, die Teile ihrer IT in die Cloud verlagern wollen, hinsichtlich Interoperabilität bzw. Datenkonsistenz achten?
P. Ganten: Schon bei der Migration in die Cloud muss sicher sein, wie die entsprechende Lösung zu einem anderen Cloud-Anbieter oder – wenn es sein muss – wieder zurück ins eigene Rechenzentrum migriert werden kann. Diese Migrationen wird es nicht zum Nulltarif geben, wichtig ist aber, dass sie überhaupt möglich sind, sonst kann es gefährlich werden.
IT-DIRECTOR: Wie können die Anwenderunternehmen sicherstellen, dass ihre Cloud-Services untereinander bzw. mit älteren, bereits im Unternehmen vorhandenen Softwaresystemen integriert werden können?
P. Ganten: Auch das hängt stark von der jeweiligen Anwendung ab. Generell kann man nur dazu auffordern, wo immer möglich auf offene und verbreitete Standards zu setzen und auf proprietäre Dinge einzelner Hersteller zu verzichten. Wer seine IT in den letzten Jahren entsprechend aufgebaut hat, kann heute das Potential insbesondere hybrider Cloud-Szenarien leicht nutzen, andere müssen erst einmal die eigenen Silos öffnen.
IT-DIRECTOR: Worauf sollten die Verantwortlichen bei der Technologieauswahl und beim Vertragsabschlusses achten, damit es bei einem Wechsel von der Cloud zurück auf „herkömmliche“ Systeme nicht zu einem bösen Erwachen kommen wird?
P. Ganten: Das eine sind offene Standards und offene Schnittstellen. Das andere sind natürlich vertragliche Regelungen: Es muss nicht nur klar sein, wem die in der Cloud gespeicherten Daten gehören, sondern auch, wem die dort definierten Prozesse und Logiken gehören und wie diese migriert werden können.
Genauso wie es im klassischen IT-Geschäft oft sinnvoll ist, Software einzusetzen, die nicht nur von einem einzigen Dienstleister betreut werden kann, so ergibt es im Cloud-Umfeld Sinn, auf Angebote zu setzen, die es bei unterschiedlichen Anbietern gibt. Dann wird eine Migration sicher einfacher. Wer in der Cloud auf Open-Source-Software setzt, hat den Vorteil. dass er die Software im Zweifelsfall sogar unabhängig vom Anbieter betreiben kann.