04.10.2017 Mensch gegen Maschine

Gesetze regeln KI und Robotik

Von: Ralf Reich

Mensch und Maschine: Um Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik in Zukunft sinnvoll einsetzen zu können, ist eine entsprechende Gesetzgebung vonnöten.

Mensch gegen Maschine

Mittels entsprechender Gesetzgebung sollten die Grenzen von Künstlicher Intelligenz (KI) und Robotern geregelt werden.

Leere Hallen, verwaiste Flure und kein Mensch in Sicht: ein typischer Vormittag im Baumarkt. Der Kunde steht hilflos vor einem Regal, kein Verkäufer weit und breit. Künstliche Intelligenz (KI) macht Schluss mit dieser Misere: Es gibt bereits Software, die in Echtzeit aus dem Video-Stream der Kameras im Laden typische Bewegungsmuster der Kunden erkennt und ermittelt, welcher Kunde im Moment Hilfe benötigen könnte. Das System sendet dem nächsten freien Verkäufer eine Push-Nachricht – und führt ihn direkt zum Kunden.

Doch die Zukunftsvisionen der KI-gesteuerten Welt sehen nicht immer so positiv aus. Das Titelbild der „Industrie 4.0“ sind ebenfalls verwaiste Gänge: intelligente Roboter produzieren in der Fabrik der Zukunft vollautomatisch, Maschinen und Produktionsstraßen kommunizieren untereinander und Werkstücke tragen alle Informationen über sich selbst als RFID-Chip immer bei sich. Der Mensch steht allenfalls außerhalb der Fabrik – als letzte Kontrollinstanz.

Ähnlich wirken die Broschüren voller autonomer Fahrzeuge, vernetzter Küchen und KI-gesteuerten Häuser. Alles funktioniert von alleine, der Mensch stört nur – ein fehlerbehaftetes Weichtier in der blitzenden Maschinenwelt. Wer sich gedanklich in dieser Zukunft aufhält, der kann nur zu dem Schluss kommen, dass uns die KI bedroht. Sie nimmt uns die Jobs und den Lebensinhalt, und überlässt uns ziellos unserer Freizeit, in der wir automatisch bis zur Bahre rollen.

Doch viel wahrscheinlicher ist eine Zukunft, in der Mensch und Maschine zusammenleben, sozusagen in einer augmentierten Symbiose. Die Anfänge erkennt man bereits: Heute verbessern Algorithmen die Fahrtrouten, online beraten Chatbots bei der Wahl des richtigen Versicherungstarifes und Roboter sortieren Pakete im Lager. Bisher helfen die Maschinen, körperliche oder repetitive Arbeiten zu erledigen und verbessern die Prognosen und Berechnungen. Doch die Menschen dürfen die Entwicklung nicht aus der Hand geben.

Elon Musk forscht selbst an Künstlicher Intelligenz und sorgte unlängst mit seinem düsteren Zukunftsbild für Aufsehen. Der Tesla-Chef forderte mehr Regulierung, mehr Kontrolle – und das zu Recht. Während wir noch darüber diskutieren, wie die Zukunft wohl aussehen wird, arbeiten Forscher, Entwickler und Unternehmer daran, diese Zukunft Realität werden zu lassen. Doch die Gestaltung unserer Wirklichkeit ist nicht alleine die Aufgabe von Forschungsabteilungen und Venture-Capital-Funds. Auch der Staat hat ein Wörtchen mitzureden.

Asimovs Vermächtnis

Beispiel autonomes Fahren: Die Rede ist oft vom angenehmen Reisen; doch was passiert im Schadensfall? Wer haftet, wenn ein Denkfehler der Künstlichen Intelligenz für einen Unfall sorgt? Der Halter des Fahrzeugs, der Software-Anbieter oder gar der Programmierer? Wen schützt eine Künstliche Intelligenz, wenn eine Kollision unvermeidlich ist – die Insassen des Autos oder andere Verkehrsteilnehmer? Das sind konkrete Fragen, auf die Gerichte in Zukunft eine Antwort werden finden müssen.

Ein Glück, dass sich bereits Menschen Gedanken darüber gemacht haben, als Künstliche Intelligenz noch reine Fiktion war. Der amerikanisch-russische Schriftsteller Isaac Asimov formulierte Grundsätze, die als die Gesetze der Robotik bekannt wurden:

0.  Ein Roboter darf die Menschheit nicht verletzen oder durch Passivität zulassen, dass die Menschheit zu Schaden kommt.
1.    Ein Roboter darf keinen Menschen verletzen oder durch Untätigkeit zu Schaden kommen lassen, außer er verstieße damit gegen das nullte Gesetz.
2.    Ein Roboter muss den Befehlen eines Menschen gehorchen, es sei denn, solche Befehle stehen im Widerspruch zum nullten oder ersten Gesetz.
3.    Ein Roboter muss seine eigene Existenz schützen, solange dieser Schutz nicht dem nullten, ersten oder zweiten Gesetz widerspricht.

In der realen Welt müssen diese natürlich über Asimovs grundlegende Maximen hinausgehen. Zum einen müssen hier Politiker eine verbindliche Rechtsgrundlage schaffen. Zum anderen sind auch die Entwickler hinter der Software gefragt, die Arbeitsweise der Künstlichen Intelligenz transparent zu machen.

Gefordert: Gesetze für Roboter

Der Rechtsausschuss des EU-Parlaments beschäftigt sich schon seit Längerem mit der Thematik. Geplant ist ein Gesetz, das den Umgang mit Robotern und Künstlicher Intelligenz umfassend regelt. Die große Herausforderung besteht für die Gesetzgeber darin, mit der rasanten Weiterentwicklung der technischen Systeme schrittzuhalten. Juristische Gutachten von heute könnten morgen schon obsolet sein, weil die Technologie zu große Fortschritte gemacht hat. Geplant ist deshalb die Schaffung einer Behörde, die sich dauerhaft mit Fragen der Künstlichen Intelligenz befasst – gewissermaßen ein europäisches KI-Ministerium.

Der Umgang mit KI ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Forscher, Entwickler und Unternehmen müssen sich mit dem Staat und Bürgern wie auch Konsumenten austauschen – um eine Version der Zukunft zu finden, in der Mensch und Maschine gewinnbringend koexistieren können.

* Der Autor Ralf Reich ist Head of Continental Europe bei Mindtree.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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