Nachgefragt bei Mike Ormerod, Progress Software

Gläserne Wolke ist das Ziel

Interview mit Mike Ormerod, Senior Architect SaaS & Cloud bei Progress Software

Mike Ormerod, Progress Software

Mike Ormerod, Senior Architect SaaS & Cloud bei Progress Software

IT-DIRECTOR: Welche Standards existieren bereits für das Cloud Computing?
M. Ormerod:
Bis heute existieren noch keine wirklichen Cloud-Standards und das gilt insbesondere mit Blick auf die APIs der verschiedenen IaaS-Anbieter. Bei API-Sets wie den Amazon Web Services (AWS) oder OpenStack gibt es Bewegung in Richtung einer Vereinheitlichung, aber insgesamt bleibt der Markt fragmentiert. Selbst wenn man beispielsweise API-Synergien zwischen Amazon und Eucalyptus näher betrachtet, zeigt sich dass die Funktionalität nicht identisch ist mit einem API. Selbst, wenn Plattformen auf API-Ebene kompatibel sind, unterscheiden sie sich auf der Implementierungsebene. Dies ist eine enorme Herausforderung. Wir verfolgen daher das Ziel einer „gläsernen Wolke“. Entwickler können sich dann mittelfristig vollständig auf die Funktionalitäten ihrer Applikationen konzentrieren und müssen sich nicht mehr um die Details einer oder mehrerer Cloud-Computing-Plattformen kümmern.

IT-DIRECTOR: Was halten Sie von dem Softwareprojekt „OpenStack“? Inwiefern wird die Verbreitung der daraus resultierenden Technologien vorangetrieben?
M. Ormerod:
Durch OpenStack ist einiges in Bewegung gekommen, speziell in den USA und insbesondere bei der Implementierung von Private Clouds. Die Initiative hat aber noch einen langen Weg vor sich. Wenn man sich heute den Markt ansieht, zeigt sich, dass Amazon mit AWS im letzten Jahr einen geschätzten Umsatz von 1,5 bis 2 Mio. US-Dollar erzielte und Rackspace, ein bedeutender OpenStack-Player, rund 100 Mio. US-Dollar.

Meiner Meinung nach gibt es bei OpenStack zwei Aspekte zu beachten: Erstens die Innovationsgeschwindigkeit, die hier maßgeblich durch ein Steuerungsgremium mit einer Reihe von Mitgliedern bestimmt wird. Bei AWS gibt es nur einen, der die Richtung vorgibt. Der zweite Aspekt betrifft die Tatsache, dass sich OpenStack als Open-Source-Projekt vor einer Fragmentierung hüten muss, die anderen Open-Source-Projekten nicht gut tut. Manchmal ist es eben auch von Vorteil, wenn es nur eine treibende Kraft mit einem klaren Ziel und Zweck gibt.

IT-DIRECTOR: Inwieweit sollten die Bundesregierung oder die EU hinsichtlich der Etablierung von Clouds-Standards aktiv werden?
M. Ormerod:
Für mich spielen Regierungen eine Rolle bei der Etablierung von länderübergreifenden und internationalen Datenschutzstandards. Es gibt bereits Befürchtungen innerhalb der EU, dass sich nicht aufeinander abgestimmte Regeln einzelner Mitgliedsstaaten als ernsthaftes Hindernis für die weitere Verbreitung von Cloud Computing erweisen. Die Wettbewerbsfähigkeit der EU würde dadurch Schaden leiden. Wir brauchen allgemein akzeptierte Regeln für den Datenschutz und die Speicherung von Daten in der Cloud und dies kann nur auf Ebene von Regierungen und der EU erfolgen. Vielfach hat man aber auch den Eindruck, als ob es hier um die nur schwer zu lösende Aufgabe der Quadratur des Kreises geht.

IT-DIRECTOR: Woran liegt es, dass sich Standards für Cloud Computing aktuell noch nicht flächendeckend etablieren konnten?
M. Ormerod:
Die Diskussionen um Cloud Computing erinnern in mancherlei Hinsicht an die Erschließung neuer Ländereien im Westen der USA im 19. Jahrhundert. Nahezu jedermann befand sich im Goldrausch und versuchte, ein Stück Land zu ergattern. Ähnlich geht es heute bei der Cloud zu. Es entstehen neue Märkte und viele stecken jetzt ihre Claims ab. In den nächsten Jahren wird sich die Dynamik etwas beruhigen und es wird ein Prozess der Konsolidierung einsetzen.

IT-DIRECTOR: Stichwort Migration: Worauf sollten IT-Verantwortliche, die Teile ihrer IT in die Cloud verlagern wollen, hinsichtlich Interoperabilität bzw. Datenkonsistenz achten?
M. Ormerod:
Sie sollten sich zunächst die Applikationen und die Gründe für deren Migration genau ansehen. Wenn sich die Anforderungen an die Applikationen kaum ändern, sie sehr stabil laufen und es vor allem darum geht, Kosten zu senken, ist für solche Applikationen die Cloud nicht unbedingt der richtige Ort. Aus der Kostenperspektive profitieren vor allem Anwendungen von der Cloud, die im Zeitverlauf schwankende Ressourcen benötigen oder die nur eine kurze Lebensdauer haben.

Nach den Applikationen folgt eine Bewertung der Daten. Unterliegen sie beispielsweise bestimmten regulatorischen Anforderungen, wie Sicherheitsstandards zur Abwicklung von Kreditkartentransaktionen oder anderen gesetzlichen Datenschutzregeln? Wenn ja, muss vertraglich in Service Level Agreements sichergestellt sein, dass der potentielle Cloud-Provider diese Anforderungen vollständig erfüllt. Das gleiche gilt für die Einhaltung höchster IT-Sicherheitsstandards. Man sieht, dass es eine lange Reihe von anspruchsvollen Anforderungen gibt, die vor einer tatsächlichen Migration von Anwendungen in die Cloud berücksichtigt werden müssen.

IT-DIRECTOR: Wie können die Anwenderunternehmen sicherstellen, dass ihre Cloud-Services untereinander bzw. mit älteren, bereits im Unternehmen vorhandenen Softwaresystemen integriert werden können?
M. Ormerod:
Im Hinblick auf das Zusammenspiel zwischen Applikationen in der Cloud gibt es eigentlich keinen Unterschied zu anderen extern untergebrachten oder gehosteten Anwendungen. Die Herausforderungen bleiben gleich. Ist es möglich via Webservices oder REST auf Applikationsdienste zuzugreifen? Wird Java Message Service (JMS) unterstützt?

Unterschiede gibt es jedoch hinsichtlich neuer Cloud-Datenquellen. Die meisten Datenbanken unterstützen für den Datenzugriff Standards wie ODBC oder JDBC. Neu hinzugekommen sind Datenquellen wie database.com (database.com), die nur einen Zugriff über eine herstellerspezifische API ermöglichen. Eine Lösung dafür stellen wir mit DataDirect Cloud bereit. Der Service bietet über eine einzige, standardbasierte Schnittstelle SQL-Zugang zu einem breiten Spektrum cloud-basierter Datenquellen. Für eine Applikation erscheinen die neuen Datenquellen wie ODBC/JDBC. Sie funktioniert genauso wie zuvor, kann aber über einen einzelnen Zugangspunkt auf die unterschiedlichsten Datenquellen zugreifen.

IT-DIRECTOR: Worauf sollten die Verantwortlichen bei der Technologieauswahl und beim Vertragsabschlusses achten, damit es bei einem Wechsel von der Cloud zurück auf „herkömmliche“ Systeme nicht zu einem bösen Erwachen kommen wird?
M. Ormerod:
Da muss jeder seine Hausaufgaben machen und eine Bewertung der technischen Fähigkeiten des Cloud-Providers vornehmen. In einem Vertrag sind die genauen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten der Parteien zu regeln. Bei den Amazon Web Services gibt es nur wenige Dienste, die über Service Level Agreements geregelt sind, die für bestimmte Einsatzgebiete relevant sein können.

In einem sogenannten „Cloud Prenup“ gehen wir mit unseren Kunden die sieben wichtigsten Punkte durch:

1. Einfachheit lautet die wichtigste Devise: ein Unternehmen muss sich darüber im Klaren sein, worauf es sich bei Cloud Computing einlässt
2. Überprüfung aller Einzelheiten des Service Level Agreements
3. In einem Plan für den alltäglichen Ablauf müssen alle wichtigen Aktivitäten geregelt sein, denn ein Cloud-Provider ist kein Managed Services Provider
4. Es muss einen Disaster-Recovery-Plan für Notfälle geben
5. Ein Unternehmen sollte etwa für den Fall einer Insolvenz des Cloud-Providers wissen, wo genau sich die Daten in der Cloud befinden
6. Es muss sichergestellt sein, dass eine Applikation mehr als eine Cloud-Plattform unterstützt, beispielsweise Amazon, Rackspace oder Windows Azur
7. Es muss eine Exit-Strategie geben für den Fall, dass der Vertrag mit einem Cloud-Provider vorzeitigt endet.

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