Berlecon Research prognostiziert für 2025, dass dann in Deutschland allein mit Services aus Public Clouds 22 Mrd. Euro an Umsatz generiert werden. Ob dieses Wachstum tatsächlich eintritt, darf bezweifelt werden, nicht nur weil die Prognosen allgemeine Marktschwankungen vollkommen außer Acht lassen. Externe Clouds weisen immer noch erhebliche Defizite auf. Daran wird sich auf absehbare Zeit wenig ändern. Der Hype „externe Cloud Services“ könnte somit schnell abflachen.
Michael Kranawetter, Chief Security Advisor der Microsoft Deutschland GmbH, ist überzeugt: „Microsoft hat das große Potential von Cloud Computing frühzeitig erkannt. Wir setzen unseren gesamten Fokus auf die Cloud.“
Um die Innovations- und Wachstumschancen der Partner in diesem Segment zu sichern, investiert das Unternehmen in Deutschland laut Kranawetter in den kommenden drei Jahren 20 Mio. Euro jährlich. „Bei den Partnern haben wir bereits 10.000 Beschäftigte geschult und dadurch fit für die Cloud gemacht“, informiert er. Er sieht bei externen Cloud Services die Verbindlichkeit zugesicherter Leistungen mehr gegeben als beim klassischen Outsourcing. „Beim IT-Outsouring werden die IT-Sicherheitsanforderungen der Kunden in Form individueller Vereinbarungen festgelegt. Beim Cloud Computing sind wesentliche Sicherheitslösungen fester Bestandsteil der Verträge“, argumentiert Kranawetter. Er spricht in diesem Zusammenhang von einem „automatischen Basisschutz“. Unternehmen, die darüber hinaus Sicherheit wollten, seien jedoch gefordert, ihre Daten und Applikationen hinsichtlich der Verfügbarkeit und Sicherheit zu klassifizieren. „Nur unter dieser Voraussetzung weiß der Cloud-Anbieter, wie er im Einzelnen mit den Daten seines Kunden umzugehen hat und welche Vorkehrungen er dafür treffen oder ob gegebenenfalls ein Dritter zur Leistungserfüllung herangezogen werden muss.“
Uwe Scariot, Geschäftsbereichsleiter beim IT-Dienstleister Materna, bestätigt zwar: „Der Prozess, Cloud-Szenarien für die Bereitstellung von IT-Services zu nutzen, ist bereits angelaufen.“ So fragten die Kunden u. a. verstärkt nach Techniken zur Virtualisierung und IT-Automatisierung. Auch sei Cloud Computing so weit, um diese Technologie umzusetzen, vor allem innerhalb von Private Clouds unter der Führung des Unternehmens. „Denn Sicherheit kann über Private Clouds einfacher hergestellt werden.“ Das gelte für Security, Compliance und den Datenschutz gleichermaßen. „Diese Rechtsobliegenheit können Cloud-Anbieter selbst über noch so granulare Service Level Agreements (SLAs) für einzelne Services nicht herstellen“, sensibilisiert Scariot allzu euphorische Wolkenstürmer. Diese Situation werde sich erst dann ändern, wenn der Gesetzgeber neue Regelungen für mehr Sicherheit und Rechtsverbindlichkeit der Unternehmensdaten innerhalb externer Clouds geschaffen hätte.
Achillesferse externer Clouds
Doch solche gesetzlichen Regelungen sind nicht in Sicht. Selbst wenn sie in Deutschland in nicht absehbarer Zeit verabschiedet werden sollten, würde dies einem multinational aufgestellten Unternehmen wenig bringen. In anderen Ländern, so Scariot, würden die potentiellen Sicherheitslücken und die rechtlichen Unsicherheiten weiter bestehen. „Oder bestimmte Sicherheitsservices aus der Wolke werden dort erst gar nicht geboten.“ Bei Virtual Private Clouds und Hosted Clouds moniert Scariot außerdem, dass einige der von den Anbietern propagierten Leistungsvorteile des Cloud Computing der Realität nicht gerecht werden. Eine weitere Achillesferse externer Clouds sieht Scariot für die Anwender, wenn sie aus der Wolke aussteigen oder zu einem anderen Anbieter wechseln wollen (siehe ab S. 14). „In Ermangelung von Standards erweisen sich die Cloud-Installationen der Anbieter untereinander als inkompatibel. Ein Zurückholen der Daten ins eigene Haus oder eine Datenmigration zu einem anderen Cloud-Anbieter gestaltet sich damit ausgesprochen schwierig und aufwendig“, berichtet der Geschäftsbereichsleiter aus der Praxis.
Drum prüfe, wer sich bindet: ein Risiko, dass bei Public Clouds weniger ausgeprägt ist. Darüber sind SLAs, die diesen Namen verdienen und somit Sicherheit in all seinen Ausprägungen, einschließlich Hochverfügbarkeit, von den Anbietern nur schwierig und aufwendig realisierbar. Doch ohne interne Standards werden Cloud-Anbieter langfristig am Markt nicht existieren können. Sie werden für Sicherheit mehr investieren müssen als Unternehmen in ihren eigenen Netzen. Deshalb eignen sich Public Clouds über das öffentliche Internet, Stand: heute, nur für die Abbildung bestimmter Prozesse. Richard Diez-Holz, Leiter Competence Center bei RDS Consulting, nennt geschäftliche, periphere Anwendungen, die nach seiner Einschätzung innerhalb von Public Clouds Sinn machen: „E-Mail, Terminkalender, virtuelle Team-Infrastrukturen und CRM- respektive ERP-Anwendungen.“ Bezüglich Virtual Private Clouds weist er darauf hin, dass die darin von den Anbietern getroffenen Sicherheitsmaßnahmen noch deutlich transparenter dargestellt werden müssten, als dies heute der Fall ist. „Durch den massiven Einsatz von Virtualisierungstechnologien ist es prinzipiell egal, wo die darunterliegende Hardware physikalisch steht. Es ist also für den Kunden schwer nachzuvollziehen, wo genau seine Daten gespeichert werden“, so Diez-Holz. Dass der Anbieter an all diesen Datenspeicher- und Datenverarbeitungsstellen tatsächlich alle erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen habe und auch die für den Kunden relevanten Sicherheits- und Datenschutzvorschriften erfüllen kann, dies, so Diez-Holz, müsse der Anbieter gegenüber dem Kunden in ausreichendem Maße transparent machen.
Übertragung von Kernanwendungen
Für ihn steht außer Frage: „Die Unternehmen sollten vorerst ihre eigene Private-Cloud-Installation vorantreiben, bevor sie über die Auslagerung der einen oder anderen Anwendung in externe Clouds nachdenken sollten.“ Auf diese Weise entsteht eine Hybrid Cloud. Das sollten die Unternehmen nach Diez-Holz schon deshalb tun, weil sie nur so auf gleicher Augenhöhe mit dem Cloud Provider dessen Services und SLAs in die eigene IT einordnen, anschließend angemessen überwachen und bewerten könnten. Das meint der Berater nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch und betriebswirtschaftlich. Er qualifiziert Cloud Computing in seiner externen Form als Hype, auf den in absehbarer Zeit mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Ernüchterung im Markt folgen werde. Wären da nicht die verlockenden Skaleneffekte externer Wolken. „Über externe Clouds können sich Unternehmen die lukrativen Skaleneffekte der technischen Ausstattung der Cloud-Anbieter, die als Servicelieferant für viele aufgestellt sind, zunutze machen“, unterstreicht Steffen Müller, Cloud-Service-Manager bei Logica in Deutschland. „Daraus resultieren für die Unternehmen im Vergleich zur selbstbetriebenen IT ein flexiblerer Leistungsbezug, weniger Personalbindung und unter dem Strich geringere IT-Kosten.“ Zudem böten sich den Unternehmen externe Cloud Services an, um ihren Ressourcen- und Energieverbrauch nachhaltig zu reduzieren. „Darüber hinaus können Cloud Services aus einer externen Wolke, wenn auch nicht nach Bedarf wie Strom aus der Steckdose, so doch deutlich flexibler und bedarfsgerechter als unter eigener IT-Regie bereitgestellt und abgerufen werden“, betont Müller. Aber auch er räumt ein: „Cloud Computing wird auf absehbare Zukunft auf Hybrid Clouds hinauslaufen, innerhalb der interne und externe Services technisch, organisatorisch und aus Geschäftssicht miteinander harmonieren müssen.“ Diese Harmonie werde umso dringlicher sein, je häufiger ein Unternehmen zentrale Geschäftsabläufe an Cloud-Anbieter überträgt und nicht wie bislang überwiegend Randprozesse. „Diese Übertragung von geschäftlichen Kernanwendungen und -prozessen“, so der Experte von Logica weiter, „wird von der eigenen Migrationsgeschwindigkeit in die Private Cloud abhängen.“ Müller verweist auf dafür notwendige Investitionen und Maßnahmen wie IT-Konsolidierung, durchgehende IT-Virtualisierung, umfassendes IT-Servicemanagement und eine serviceorientierte Architektur.
Die Erhebung von Centre for Economics and Business Research (CEBR), durchgeführt in den EU-Staaten Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien, Spanien, bestätigt seine Einschätzung. Danach wird sich den Unternehmen bis 2015 das Gros der geldwerten Vorteile innerhalb von Private und Hybrid Clouds erschließen.
Netze zwischen den Wolken
Es gibt einen weiteren Faktor, der externe Cloud Services bis auf weiteres ausbremsen könnte: die Netze zwischen den Wolken. Das gilt besonders für Public Clouds, aber auch für alle anderen Typen, einschließlich Private Clouds. „Ohne ein angemessenes Netz ist die Wolke nichts“, sagt Dr. Jörg Fischer, Leiter für strategische Geschäftsentwicklung im Bereich Enterprise von Alcatel-Lucent in Deutschland. „Wenn bereits innerhalb einer Private Cloud zwischen den Standorten die Bandbreiten und Dienstgüten nicht ausreichen, schlägt dies durch bis auf die Services und Geschäftsprozesse in Form von Verfügbarkeits- und Performance-Einbußen“, so Fischer. Das Netz werde zum verteilten Rechner. „Noch höher fallen diese Verkehrslasten aus, wenn Rechen-, Speicher- und Übertragungsleistungen aus Rechenzentren in externen Clouds bezogen werden. Dann ballen sich die Verkehrslasten auf den Verbindungen noch stärker.“
Die Konsequenz: „Die Carrier, auf die die Cloud Provider zurückgreifen, müssen ihre Netze zügig ausbauen. Andernfalls drohen die Verbindungen zum Hemmschuh für Cloud Computing zu werden.“ Das Internet als Übertragungsmedium für Public Clouds steht nach Fischer unter besonders hohem Bandbreiten- und Qualitätsdruck. Dieser Druck komme nicht nur von den Unternehmen, sondern auch von den Internet-Usern.„Die nächste Generation an bandbreitenhungrigen Videokonferenz- und Multimediaanwendungen mit hohen Synchronisationsanforderungen steht bereits in den Startlöchern. Hinzu kommen immer mehr videofähige Endgeräte und immer mehr Videoangebote“, registriert er. Nur, wenn das Internet erheblich aufgerüstet werde, würden etwa Public-Cloud-Anbieter künftig Anwendungen übernehmen können, die höhere Ansprüche an die Verfügbarkeit und Performance stellten. Ohne die Zusicherung von SLAs, Stand: heute, sei dies nicht möglich.
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