29.08.2017 3D-Druck, IT-Outsourcing, UC

In diesen IT-Bereichen will sich Ricoh positionieren

Von: Ina Schlücker

Im Interview erklärt Niculae Cantuniar, CEO bei Ricoh Deutschland, wie sich das ­Unternehmen über das reine Office-Geschäft mit Druckern und Multifunktionsgeräten hinaus als Spezialist für 3D-Druck, IT-Outsourcing und Unified Communications (UC) positionieren will.

Niculae Cantuniar von Ricoh Deutschland

Laut Niculae Cantuniar von Ricoh Deutschland ist Deutschland weltweit einer der größten Absatzmärkte für das Kerngeschäft jenes Unternehmens.

IT-DIRECTOR: Herr Cantuniar, wie ist Ricoh hierzulande aufgestellt?
N. Cantuniar:
Deutschland ist weltweit einer unserer größten Absatzmärkte für unser Kerngeschäft. Dabei umfasst unser Kerngeschäft auch hierzulande sämtliche Office-Technologien, angefangen bei Druckern über Multifunktionssysteme bis hin zu Software-Lösungen wie Dokumentenmanagement- und Workflow-Systemen. In diesem Bereich erwirtschaften wir rund 80 Prozent unserer Umsätze.

Generell bemerken wir im Office-Bereich einen Trend hin zu einer effizienteren Dokumenten- und Informationsverwaltung, der sich auch in den Beschaffungsorganisationen der Unternehmen widerspiegelt. Früher waren die Mitarbeiter, die Kopierpapier besorgten, auch für den Kauf von Druckern zuständig. Mittlerweile hat sich dies gewandelt, denn bei aktuellen Printern und Multifunktionsgeräten handelt es sich um komplexe Systeme, die ins Netzwerk eingebunden und deren integrierte Software-Tools entsprechend verwaltet werden müssen. Bei 90 Prozent unserer Projekte sprechen wir inzwischen mit den IT-Verantwortlichen und nicht mehr mit den Einkaufsleitern.

IT-DIRECTOR: Welche weiteren Geschäftsfelder besitzen Sie?
N. Cantuniar:
Neben dem Office-Bereich haben wir Produktionsdrucksysteme im Angebot, die bei großen Hausdruckereien oder professionellen Druckdienstleistern zum Einsatz kommen. Durch die Digitalisierung dieser Systeme haben sich zuletzt auch im Produktionsdruck viele neue Möglichkeiten ergeben. So drucken unsere Kunden auf unseren Großsystemen mittlerweile auch Handbücher oder Handzettel in geringer Stückzahl. Dies können Handbücher für Fahrzeuge mit besonderer Ausstattung sein, aber auch regelmäßig versandte Flyer von Supermärkten, die nun für jeden Kunden individuelle Angebote beinhalten. In Fachkreisen spricht man dabei von „One-to-One-Marketing“ und personalisiertem Druck. Hinsichtlich moderner Kundenkommunikation brachte unsere Studie „Triple R“ kürzlich zutage, dass die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen im B2C-Segment künftig verstärkt davon abhängen wird, wie gut sie Direkt-Marketing-Maßnahmen und personalisierte Werbung umsetzen können. Von daher ist klar: In der individuellen Kommunikation liegt die Zukunft erfolgreicher Kundenbeziehungen.

IT-DIRECTOR: Welche weiteren zukunftsträchtigen Entwicklungen sehen Sie derzeit?
N. Cantuniar:
Weitere wichtige Geschäftsfelder sind für uns zum einen das IT-Outsourcing und zum anderen neue Technologien wie der 3D-Druck. Im Bereich der IT-Services realisieren wir beispielsweise die Auslagerung von Rechenzentrumsdienstleistungen, Cloud-Services und kompletten Geschäftsprozessen, sozusagen als Business Process Outsourcing (BPO). Wir übernehmen z. B. die Lohnabrechnung für Unternehmen und besitzen dafür bestimmte Zertifikate, mit denen wir u. a. der höchsten Geheimhaltungsstufe entsprechen können. Aufgrund dieser Qualifizierung realisieren wir auch viele (Druck-)Dienstleistungen für Behörden auf Bundes- oder Landesebene.

Daneben versuchen wir, die Zusammenarbeit, neudeutsch Collaboration, mit Mitarbeitern, Kunden und Partnern zu verbessern. In diesem Zusammenhang bieten wir eigene Unified-Communications-Lösungen (UC) wie beispielsweise ein Interactive Whiteboard an. Überdies lassen sich verschiedene Kommunikations-Tools wie Videokonferenzen, E-Mail oder Sharepoint einbinden. Die Identifikation der Nutzer am Whiteboard läuft über dieselbe Smartcard, die wir auch für Drucker und Multifunktionssysteme verwenden.

In Zusammenarbeit mit IBM Watson haben wir das Whiteboard zuletzt um eine digitale Sprachassistenz erweitert. Als Basis dafür dient der auf die Technologien der Künstlichen Intelligenz basierende Avatar namens „Rita“.

IT-DIRECTOR: Wo lassen sich solche Whiteboards einsetzen?
N. Cantuniar:
Einer der ersten deutschen Anwender ist beispielsweise Mitsubishi Electric, wo die Besprechungsräume mit unseren Kommunikationslösungen und -services ausgestattet wurden. Das Unternehmen nutzt zwar noch nicht die sprachgesteuerte Variante, kommuniziert und arbeitet jedoch bereits mit unseren Whiteboards.

IT-DIRECTOR: Sie sprachen 3D-Drucktechnologien an. Was kann man in diesem Umfeld von Ricoh erwarten?
N. Cantuniar:
Wir sind hier sehr gut aufgestellt sind, da wir schon seit Jahren an 3D-Technologien arbeiten, etwa an Druckköpfen, die als das Herzstück von 3D-Druckern gelten. Generell sehen wir in Deutschland einen lukrativen Markt für 3D-Drucker, da hier sehr viele Fertigungs- und Produktionsfirmen ansässig sind.

IT-DIRECTOR: Worin liegen die Herausforderungen bei der Entwicklung von 3D-Druckern?
N. Cantuniar:
Die Entwicklung unterscheidet sich sehr stark von der klassischen Office-Drucktechnologie. Zum einen muss man verschiedenste Materialien wie Polymere verarbeiten können, zum anderen müssen sich damit filigranste Gebilde – z. B. Uhr- und Triebwerke – produzieren lassen.

IT-DIRECTOR: Während beim Office-Druck vorrangig die Materialien Gel, Toner oder Tinte zum Einsatz kommen, kann man im 3D-Bereich mit verschiedensten Materialen drucken. Können Sie mögliche Einsatzgebiete skizzieren?
N. Cantuniar:
Heutzutage werden 3D-Drucktechnologien vor allem in der additiven Fertigung genutzt. Hierbei könnten beispielsweise Automobilhersteller benötigte Kleinteile zeitnah selbst ausdrucken, ohne auf langwierige Zulieferdienste angewiesen zu sein. Darüber hinaus lassen sich künftig auch geringe Stückzahlen an Serienfahrzeugen mittels 3D-Drucker produzieren. Da momentan noch kaum jemand weiß, wohin die 3D-Reise gehen wird, setzen wir auf verschiedene Bezugsmodelle und bieten 3D-Technologien „as a Service“ an. Hierbei müssen die Kunden nicht selbst in teure Geräte investieren, sondern nutzen unsere Technologien für die Verarbeitung verschiedenster Materialien, etwa für das Rapid Prototyping.

IT-DIRECTOR: Zurück zum modernen Büro. Wie verändert die mittlerweile allgegenwärtige Digitalisierung die Output-Prozesse von Unternehmen?
N. Cantuniar:
Insbesondere bei größeren Kunden haben wir in der Vergangenheit die Output-Landschaften konsolidiert und so die Anzahl der eingesetzten Geräte u.a. von 40.000 auf 10.000 reduzieren können. Dieser Trend wird sich mit dem Ziel fortsetzen, den Ausstoß gedruckter Dokumente kontinuierlich zu verringern. Allerdings wird das papierlose Büro aus unserer Sicht auch in den nächsten Jahren nicht umsetzbar sein, da in den Unternehmen nach wie vor noch sehr viele Prozesse papierbasiert ablaufen.

Wir gehen jedoch davon aus, dass sich im Zuge der Digitalisierung ganze Wirtschafts- und Dienstleistungszweige verändern und schlimmstenfalls auch aussterben werden. Ein Beispiel: Verfeinert sich die IBM-Watson-Sprachtechnologie in Zukunft so schnell wie bisher, wird sie künftig Simultanübersetzungen übernehmen können, sodass Dolmetscher nicht mehr gebraucht werden. Bereits mit unseren Whiteboards wird es in Kürze möglich sein, im Rahmen internationaler Besprechungen deutsch zu sprechen, während die ausländischen Geschäftspartner das Gesagte in Echtzeit in ihre Landessprache übersetzt bekommen.

IT-DIRECTOR: Welche weiteren Potentiale gibt es für Zukunftstechnologien im klassischen Office-Umfeld?
N. Cantuniar:
Wir agieren als Hersteller im Imaging-Bereich, wo wir u.a. Technologien für 360-Grad-VR-Brillen (Virtual Reality) entwickeln. Zudem besitzen wir nach der Übernahme von Pentax im Jahr 2011 unter diesem Markennamen ein breites Angebot an Digital- und Spiegelreflexkameras. Diese Image- und Optik-technologien kommen uns in der Entwicklung der Multifunktionsgeräte zugute, wo sie z. B. für bessere Scan-Prozesse sorgen.

IT-DIRECTOR: Sie agieren als Konzern – bis auf die angesprochenen Pentax-Digitalkameras – hauptsächlich im B2B-Bereich. Wie sprechen Sie Ihre Kunden an?
N. Cantuniar:
Einerseits arbeiten wir mit zahlreichen Partnern zusammen, andererseits sind wir selbst im Direktvertrieb unterwegs. In Deutschland beschäftigen wir rund 3.000 Mitarbeiter, deren Geschicke wir von unserem Hauptsitz in Hannover aus steuern.

IT-DIRECTOR: Wo bekommen Sie benötigte Spezialisten her? Bemerken Sie einen Mangel an IT-Fachkräften?
N. Cantuniar:
Deutschland befindet sich aktuell in einer glücklichen Lage. Denn es herrscht quasi Vollbeschäftigung. Daher werden in wirtschaftlich starken Regionen Fachkräfte verzweifelt gesucht. Anders hingegen sieht die Situation in strukturschwächeren Gegenden im Norden oder Osten aus, wo sich passendes IT-Personal wesentlich einfacher finden lässt. Generell bemerken wir zurzeit enorme Veränderungen in der Arbeitswelt. Denn mit der „Generation Z“, d. h. den Ende der 90er-Jahre Geborenen, rücken immer mehr junge Menschen in die Unternehmen. Sie fordern einerseits moderne Arbeitsplätze, andererseits sind ihnen bisherige Statussymbole wie dicke Geschäftswagen fremd. Stattdessen bevorzugen sie E-Mobility-Fahrzeuge, neueste Smartphones und Tablets und flexible Arbeitszeitkonzepte.

IT-DIRECTOR: Was heißt das konkret?
N. Cantuniar:
Junge Arbeitnehmer wollen mittwochnachmittags ihre Power-Yoga-Kurse besuchen und dafür am Sonntagmorgen arbeiten. Daher müssen sich – insbesondere vor dem Hintergrund der sogenannten „Jagd nach Talenten“ – Unternehmen und ihre Personalabteilungen verstärkt mit solchen Konzepten beschäftigen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 07-08/2017. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

In diesem Zusammenhang muss man anerkennen, dass Firmen aus dem Silicon Valley hierbei eindeutig die Nase vorn haben. Ich kenne US-Anbieter, die ihren Mitarbeitern angefangen von Massagemöglichkeiten über Kinderbetreuung und kostenfreien Mahlzeiten bis hin zum firmeneigenen Fitnesscenter die verschiedensten Vorzüge anbieten. Im Gegenzug gehen die Verantwortlichen davon aus, dass die Mitarbeiter täglich zehn bis 15 Stunden Zeit im Betrieb verbringen, was die Produktivität deutlich steigern soll. Ob dies jedoch auch eine ausgeglichene Work-Life-Balance fördert, darüber lässt sich streiten.

IT-DIRECTOR: Können Sie die Mitarbeiter der „Generation Z“ ­näher beschreiben?
N. Cantuniar:
Seit Kurzem prallen in den Unternehmen vier Generationen aufeinander, denn aufgrund des verkürzten G8-Abiturs gelangen bereits 18- und 19-Jährige, die sogenannte Generation Z, direkt aus der Schule in die Betriebe. Dabei sind hier neben der Generation der Babyboomer auch noch die Generationen X und Y zu finden. Es ist nicht einfach, die Bedürfnisse dieser vier Generationen und ihrer jeweiligen Arbeitsstile unter einen Hut zu bekommen. Viele HR-Kollegen sind mit dieser Situation überfordert, da sie allen Parteien Rechnung tragen müssen. Eine der großen Herausforderungen der Zukunft wird sein, das erforderliche Change Management erfolgreich anzustoßen.

Bildquelle: Ricoh

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