04.05.2017 Der aktuelle Reifegrad

Industrie 4.0: Die Würfel sind gefallen

Von: Ina Schlücker

Interview mit Benjamin Aunkofer, Vorstand von Connected Industry e.V.
 und Chief Data Scientist bei der Datanomiq GmbH, über den aktuellen Reifegrad von Industrie 4.0 in Deutschland

Benjamin Aunkofer, Datanomiq GmbH

Benjamin Aunkofer, Datanomiq GmbH

IT-DIRECTOR: Herr Aunkofer, welche sind die wichtigsten Eckpunkte von unternehmensweiten Industrie-4.0- bzw. Internet-of-Things-Strategien?
B. Aunkofer:
Wichtig ist, dass die Führungskräfte der deutschen Industrie eine gewisse Grundlagenkompetenz über Datenmanagement und Datensicherheit aufbauen, denn der Antrieb zur Industrie 4.0 muss von den Führungskräften ausgehen. Aktuelle Studien, Medienberichte und meine persönliche Erfahrung aus Manager-Gesprächen zeigen, dass hier Nachholbedarf besteht und Berührungsängste mit zunehmendem Wissen schwinden. Da der Antrieb zur Industrie 4.0 nur von diesen Führungskräften ausgehen kann, ist das meine Top 1 unter den Strategien.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielen technologische Standards in diesem Zusammenhang? Mit welchen Standards wurden bereits positive Erfahrungen gesammelt?
B. Aunkofer:
Standards sind nicht nur, aber vor allem bei den Schnittstellen gefragt, damit die einzelnen Subsysteme der Industrie 4.0 wirkungsvoll ineinandergreifen können. Auf unterster Ebene gibt es natürlich Standards, wie etwa die Netzwerkprotokolle, ohne die selbst bisherige Lösungen undenkbar wären. Die wirklich Industrie-4.0-spezifischen Standardisierungserfolge durch Gremien der Plattform I4.0 sind hingegen leider aus viel zu hoher Perspektive formuliert, damit noch viel zu abstrakt und lassen die Umsetzung offen.

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Viele Unternehmen sind nun bereits beim Implementieren ihrer Industrie-4.0-Umsetzungsversuche, sodass die Chance zur erfolgreichen und praxisgerechten Standardisierung vielleicht schon verpasst wurde. Aktuell sehen wir, dass dieses Problem gerade übersprungen wird, da die einzelnen Bausteine über immer mehr Schnittstellen verfügen, sodass eine Vernetzung durch die hohe Auswahl an Schnittstellen letztlich doch leichter realisierbar ist, als von Standardisierungsexperten befürchtet. Die gängige Vorstellung, dass zukünftig alle Produktions- und IT-Systeme über nur eine einzige Standardschnittstelle kommunizieren sollen, ist aus meiner Sicht nicht realistisch.

IT-DIRECTOR: Wer in den Anwenderunternehmen trifft gemeinhin die Entscheidung über die für Industrie-4.0- und IoT-Projekte notwendigen Investitionen?
B. Aunkofer:
Aus meinen Gesprächen mit den führenden Unternehmen im Bereich Industrie 4.0 zeigte sich meist, dass bei Mittelständlern die Geschäftsführung die Entscheidung trifft und die Umsetzung antreibt. Diese Unternehmen bestimmen in der Regel eine verantwortliche Person, die die Umsetzung antreiben und steuern soll. Mittelständler ohne eine solche entschlossene Führung beschreiten diesen Weg noch nicht. Bei Unternehmen mit konzerntypischen Strukturen in Deutschland ist die Entscheidung zur Industrie 4.0 durch den Vorstand in den überwiegenden Fällen längst gefällt, hier hängen die umsetzungsnahen Entscheidungen vor allem von den Bereichs-/Abteilungsleitern ab.

IT-DIRECTOR: Inwiefern müssen die vorhandenen ERP-Systeme an die neuen Anforderungen angepasst werden?
B. Aunkofer:
Die klassische Automatisierungspyramide passt noch wunderbar ins Lehrbuch, wird sich zukünftig jedoch stark verändern. Mit den Aspekten der Industrie 4.0 wie Plug & Produce, mobile Anwendungen und der Flexibilisierung der Automatisierungsketten werden die bisher oft noch ausgeprägten Grenzen zwischen CRM-, ERP-, MES-, PLM- sowie den heterogenen Produktionssystemen überwunden werden müssen. Die Funktionen der einzelnen Systeme werden erhalten bleiben, werden sich jedoch erweitern und besser ineinandergreifen.

IT-DIRECTOR: Welche Stolpersteine gilt es zu überwinden?
B. Aunkofer:
Wenn wir Produktionen anhand von Daten analysieren und optimieren wollen, haben wir es noch mit heterogenen Systemen zu tun. Das ERP-System ist das wichtigste IT-System eines Unternehmens und endet in der Tiefe aktuell bei der Verwaltung von Fertigungsauftragspositionen. Es erfährt nur sehr wenig bis gar nichts über die eigentlichen Arbeitsschritte in der Produktion. Die Vernetzung, teilweise mit dezentraler Ausprägung, ist die Voraussetzung für die Datentransparenz, die von der Idee der Industrie 4.0 gefordert wird.

IT-DIRECTOR: Stichwort Sicherheit: Mit welchen Methoden und Technologien sollten die Anwenderunternehmen ihre Industrie-4.0- bzw. Internet-of-Things-Lösungen ­absichern?
B. Aunkofer:
Es gibt bereits einige Spezialisten, die den Netzwerkverkehr hinsichtlich der Sicherheit überwachen. Das ist ein Aspekt der Sicherheit. Ein anderer ist, dass die Mitarbeiter zum Thema IT- bzw. Datensicherheit geschult werden. Dies gilt besonders für Führungskräfte, denn diese machen es den Mitarbeitern richtig oder auch falsch vor. Unsere Pionierunternehmen beauftragen Hacker für Penetrationstests, die nicht nur technisch ablaufen, sondern auch über Social Engineering. Ich kann es dabei nicht oft genug wiederholen: Wer eine richtige Grundkompetenz aufbaut, verliert die Angst vor der Umsetzung der Industrie 4.0.

Bildquelle: Datanomiq

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