02.05.2014 Wissensbasierte IT-Systeme

IT-Automatisierung sorgt für Freiraum

Von: Markus Strehlitz

Automatisierung entlastet die IT-Abteilung und gibt ihr Freiraum, sich mit strategischen Aufgaben zu ­beschäftigen. Dabei können wissensbasierte, selbst­lernende Systeme das Management des IT-Betriebs ­erleichtern.

Freiraum, Bildquelle: Thinkstock/Photodisc

Mehr Freiraum: Selbsterlernde Systeme können das Management eines IT-Betriebs vereinfachen.

Den überwiegenden Teil ihrer Arbeitszeit steckt die IT-Abteilung in Routineaufgaben. Die Fachleute sind vorwiegend damit beschäftigt, Supporttickets abzuarbeiten und die Systeme sowie Anwendungen zu verwalten. Das heißt: Sie werden vor allem dafür bezahlt, den IT-Betrieb aufrechtzu halten. Nur einen Bruchteil ihrer Kapazitäten kann die IT-Abteilung darauf verwenden, strategische Themen anzugehen und neue Ideen zu entwickeln. Doch genau darin liegt der größte Wertbeitrag, den die IT für das Business leisten könnte.

Die Lösung für dieses Problem soll die Automatisierung des IT-Betriebs bringen. Zahlreiche Anbieter wie z.B. HP, CA, IBM oder BMC haben dafür entsprechende Lösungen entwickelt. Die Systeme erledigen vielfältige Tätigkeiten für den Menschen. Sie kümmern sich um das Benutzermanagement, verwalten die IT-Ressourcen, erkennen Fehler oder stoßen sogar Einkaufsprozesse an. Die IT-Mitarbeiter werden somit entlastet und können sich Aufgaben widmen, die innovatives Denken und Intellekt erfordern. „Kreativität ist ein großer Vorteil des Menschen“, sagt Hans-Christian Boos, Geschäftsführer des Automatisierungsspezialisten Arago. „Maschinen sind dagegen sehr gut darin, rational zu handeln.“ Menschen machen aber Fehler. Diese Gefahr besteht daher auch in jedem Prozess, in den Menschen involviert sind. Übernimmt eine Maschine den Job, wird das Fehlerrisiko reduziert. Robert Röckelein glaubt daher, dass u.a. Dienste mit hohen Qualitätsanforderungen von der durchgängigen Automatisierung profitieren können, „da sich durch die Automatisierung Qualitätsschwankungen vermeiden lassen“.

Röckelein ist Abteilungsleiter IT-Management Consulting beim Dienstleister Materna. Und er weist auf die Bedeutung hin, die das IT-Service-Management sowie die Best-Practices-Sammlung ITIL (IT Infrastructure Library) für die Automatisierung haben (siehe Kasten). „Für Automatisierungsprojekte sollten Unternehmen bereits Erfahrung mit ITIL gemacht haben“, so Röckelein. „Denn ohne klare Prozesse, die sich an ITIL orientieren, kann die automatische IT-Bereitstellung nicht erfolgreich in der geforderten Tiefe umgesetzt werden.“

Eine tatsächliche IT-Automatisierung braucht nach Meinung vieler Experten aber vor allem intelligente Systeme. Denn die traditionelle Automatisierung orientiert sich an vorgegebenen Regeln, mit denen sich immer wiederkehrende Abläufe bewältigen lassen. Solche Systeme arbeiten auf Basis eines logischen Konzepts mit Baumstruktur. Sie eignen sich nur für standardisierte Prozesse wie die Verwaltung von Betriebssystemen. Die Prozesse werden dabei Schritt für Schritt abgearbeitet. „Hier ist die IT-Automatisierung mit der Arbeit am Fließband zu vergleichen“, erklärt Boos. Wenn Aufgaben bewältigt werden müssen, die sich ständig verändern, stoßen solche Systeme allerdings an ihre Grenzen. Das gleiche gilt, wenn es zu Störungen im vorgegebenen Ablauf kommt. Darauf können Systeme, die starr programmierten Regeln folgen, nicht reagieren. Mithilfe von selbstlernenden, wissensbasierten Systemen soll diese Schwäche in der IT-Automatisierung behoben werden. Grundlage ist das Know-how der Mitarbeiter im Unternehmen, das in einem Wissenspool gesammelt wird. Die IT-Experten legen dort ihr gesamtes Wissen, das für die Verwaltung des IT-Betriebs notwendig ist, sozusagen häppchenweise ab. Die Maschine kann dann diese Wissensbausteine für jede individuelle Situation zusammensetzen und so komplette Handlungsabläufe immer wieder neu erstellen.

„Das Unternehmen erhält quasi einen virtuellen IT-Mitarbeiter“, sagt Boos. Dieser kann auch nichtstandardisierte, heterogene Umgebungen und individuelle Applikationen betreiben und auf ungeplante Ereignisse sinnvoll reagieren. Je größer der Wissenspool ist, umso besser kann die Lösung arbeiten. „Das funktioniert im Grunde wie Crowdsourcing“, verdeutlicht Boos. Jeder Mitarbeiter steuert sein Wissen bei und so entsteht ein großes Reservoir an Know-how, aus dem sich das System dann bedient. Die Maschine handelt dabei autonom und ist lernfähig. Außerdem agiert sie intelligent. Sie entscheidet selbst, welches Wissen in der jeweiligen Situation sinnvoll oder nicht sinnvoll ist. Somit findet die Automatisierung schrittweise ihren Weg in das Unternehmen. „Mit jedem Stück Wissen, das erfasst wird, steigt der Automatisierungsgrad“, sagt Boos. Seiner Meinung nach lassen sich auf diese Weise mehr als 80 Prozent aller Aufgaben automatisieren.

Trotzdem sind solche Systeme in den IT-Abteilungen der Unternehmen noch nicht sehr verbreitet. „Eine wirkliche Automatisierung, in der Maschinen tatsächlich autonom handeln, ist noch eher selten“, berichtet Boos. Das liegt zum einen daran, dass die Technologie erst jetzt die notwendige Leistungsfähigkeit erreicht hat. Zum anderen gebe es auch ein psychologisches Problem, meint Boos. Noch ist das Vertrauen in die Maschinen nicht allzu groß, um ihnen den Betrieb der IT zu überlassen. Laut Boos fällt es gerade den IT-Experten schwer, die Kontrolle ein Stück weit an die Technik abzugeben. „Wir haben mithilfe von Informationstechnologie die Arbeit fast jedes Menschen verändert“, sagt Boos, „jetzt müssen auch mal die IT-Leute akzeptieren, dass sich ihr Arbeitsalltag wandelt.“

Aber selbst wenn es möglich sein sollte – nicht immer ist es tatsächlich sinnvoll, Aufgaben komplett von Maschinen erledigen zu lassen. Es gibt Prozesse, bei denen Unternehmen daran gelegen sein sollte, dass nach wie vor Menschen involviert sind. Dazu zählen etwa die Bereiche Sicherheit und Risikomanagement. Boos nennt auch das zum Teil undurchschaubare Dickicht an Compliance-Regeln, in dem Maschinen mit ihrer rationalen Arbeitsweise an Probleme stoßen. „Hier ist oft noch das intuitive Handeln von Menschen gefordert“, so der Experte.

Die Bedeutung von IT-Automatisierung wird aber trotzdem weiter wachsen. Denn die Nutzung von IT verändert sich. Und die neuen Konzepte erfordern eine intelligente Automatisierung. Die Trends Cloud Computing, Mobility und Big Data fordern die IT-Abteilung. Ohne die Unterstützung durch Maschinen wird es für die IT-Fachleute schwierig, die neuen Anforderungen zu bewältigen.

„Durch Automatisierung wird es überhaupt erst möglich, den vollen Nutzen aus Cloud-Konzepten herauszuholen“, meint Boos. Die Flexibilität, die das Cloud Computing biete, ließe sich nur durch eine hohen Automatisierungsgrad ausnutzen. Dank entsprechender Lösungen könnte IT-Leistung schnell und automatisch dorthin verteilt werden, wo sie gerade benötigt wird. Umgekehrt können die Ressourcen auch wieder abgezogen werden, wenn die Aufgaben bewältigt sind.

 

Der Markt für IT-Automatisierung

Laut René Büst, Analyst beim Marktforschungshaus Crisp ­Research, ­unterteilt sich der Markt für IT-Automatisierung in mehrere Bereiche:

  • Orchestration ist für die automatisierte Anordnung, Koordination und das Management von komplexen Systemen, Middleware und Services zuständig.
  • Das Capacity Management soll sicherstellen, dass sämtliche IT-Kapazitäten die geschäftlichen Anforderungen auf eine kosteneffiziente Art und Weise erfüllen.
  • Service Assurance soll die vorab definierte Dienstgüte von Services sicherstellen.
  • Das Data-Center-Management bezieht sich auf eine Gruppe von Menschen, die für die Überwachung und die technischen Fragen innerhalb des RZ verantwortlich sind.
  • Eine Runbook Automation ermöglicht die Definition, den Aufbau, die Orchestrierung, Verwaltung und das Reporting von Workflows.
  • Automatic Automation ermöglicht eine wissensbasierte Automatisierung.

 

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