12.05.2017 Massive Jobumschichtung

IT-Fachkräfte: Querdenker mit Ideen finden

Von: Hadi Stiel

Im Interview erklärt Andreas Frary von Bridging IT, wie die Verantwortlichen in ­Unternehmen heutzutage Spezialisten gewinnen und Experten halten können.

Andreas Frary, Bridging IT

Andreas Frary, Bridging IT

Der deutsche Arbeitsmarkt steht mit der zunehmenden Digitalisierung nach Prognosen von Arbeitsmarktforschern vor einer massiven Job-Umschichtung. Zwar würden mit dem Thema Wirtschaft 4.0 bis 2025 keine Arbeitsplätze wegfallen, aber die Beschäftigten müssten sich beruflich neu orientieren und ihre digitalen Denkweisen erweitern. „Unternehmen, die künftig bestehen und ihre IT fachgerecht entwickeln und betreiben wollen, müssen sich hinsichtlich ihrer Personalstrategie etwas einfallen lassen“, so Andreas Frary, Head of Innovation and Marketing bei dem Beratungshaus. Dazu sollten die Unternehmensführung und die Personalverantwortlichen neue Konzepte entwickeln, umsetzen und vor allem intern leben. Wir sprachen mit Frary darüber, wie ein Konzept aussehen sollte, um Mitarbeiter zu halten und neue Spezialisten trotz widriger Rahmenbedingungen zu gewinnen.

IT-DIRECTOR: Herr Frary, wieso trifft der Spezialistenmangel die Unternehmen derzeit besonders stark?
A. Frary:
Die Unternehmen und gerade die IT sind im Umbruch. Um ihr digitales Geschäft in einer digitalen Welt voranzubringen, sind sie mehr denn je auf Experten angewiesen. Nur IT-Kompetenz und -Erfahrung reicht aber längst nicht mehr aus. Querdenker mit neuen Ideen, kreative Macher, die neue Wege gehen, werden gesucht. Die IT und die Geschäftsprozesse müssen noch stärker zusammenwachsen. Nicht nur das: Das IT-Personal muss dazu in der Lage sein, intern den mit der digitalen Transformation einhergehenden kulturellen Wandel aus einer Ende-zu-Ende-Sicht zu moderieren und zu begleiten. Dazu gehört auch der Paradigmenwechsel in Richtung Benutzer-Self-Service.

IT-DIRECTOR: Was also tun?
A. Frary:
Es braucht eine zeitgemäße Personalstrategie, die die Themen rund um Arbeit 4.0 abdeckt. Neue Sichtweisen entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Anforderung bis zum Betrieb müssen etabliert werden. Wichtig ist, die neuen Anforderungen sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Vernetztes Denken, kurze Entscheidungswege, agile Projektteams, Freiraum für neue Ideen und ein teamorientierter und kollegialer Führungsstil sowie flexible Arbeitszeitmodelle: Nur so kann das Unternehmen die notwendige Attraktivität  für neues Personal aufbauen. Eine solche Strategie muss auf die Anforderungen eingehen, die das digitale Geschäft und der kulturelle Wandel mit sich bringen.

Und: Diese Personalstrategie sollte so ausgelegt werden, dass sie den Mitarbeitern maximale Flexibilität ermöglicht und sie über eine gezielte Karriereplanung motiviert. Von der Motivation und dem Engagement der Mitarbeiter sowie der Möglichkeit, eigene Ideen in das Unternehmen einzubringen, wird es wesentlich abhängen, ob sie in ihre neue Rolle hineinschlüpfen und langfristig beim Arbeitgeber bleiben werden.

IT-DIRECTOR: Über welches Konzept sollte die zeitgemäße Personalstrategie abgebildet werden?
A. Frary:
Aufgrund unserer Erfahrungen können wir sagen, dass interdisziplinäre Teams mit agiler Arbeitsweise gut mit den neuen Herausforderungen zurechtkommen. Wir haben ein sogenanntes „Bausteinprinzip“ entwickelt, das Mitarbeitern den notwendigen Gestaltungsfreiraum eröffnet, damit sie ihrerseits flexibel auf den Bedarf des Markts reagieren können. Jeder Mitarbeiter kann seine „Bausteine“ selbst nach Qualifikationen, Fähigkeiten und Neigungen zusammenstellen und jederzeit neu bestimmen. Das bedeutet, er kann sein Aufgabengebiet selbst mitgestalten. Diese Personalstrategie birgt für die Mitarbeiter eine enorme Flexibilität in sich, auch in Bezug auf ihr Privatleben und die Perspektive, in unterschiedlichen Themenbereichen zu arbeiten, ohne den Arbeitgeber wechseln zu müssen.

IT-DIRECTOR: Welches Anforderungsprofil ergibt sich daraus für das Personal?
A. Frary:
Wirtschaft 4.0 braucht Qualifizierung 4.0. Die Digitalisierung erobert alle Wirtschaftsfelder. Gerade für gut ausgebildete Fachkräfte eröffnen sich dadurch neue Chancen. Künftig werden stupide Arbeiten automatisiert ablaufen. Kompetenzen wie kreatives Denken, emotionale Intelligenz, Problemlösestrategien oder Personalführung werden hingegen immer mehr gefragt sein. Zählten in der Vergangenheit Schlagworte wie lebenslanges Lernen zum Mantra der Personalverantwortlichen, bilden sich heute viele Arbeitnehmer vor allem dadurch weiter, dass sie im Arbeitsalltag Problemstellungen lösen.

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Auch spielt es keine Rolle mehr, wo und wann man lernt. Blended Learning als Kombination aus Präsenz- und Online-Schulung ist der neue Weg der internen Weiterbildung. Kleine Lerneinheiten, etwa als Ergänzung zu einer Schulung, können jederzeit als App auf dem Smartphone unterwegs eingeschoben werden. Gewonnenes Wissen wird gesammelt und der Community zur Verfügung gestellt. Lernen verändert sich also, und es entstehen neue Berufsbilder, die stärker in den Vordergrund rücken. Dass Digitalisierung längst unseren Alltag beeinflusst, ist unbestritten.

IT-DIRECTOR: Wie sollten die internen Organisationsstrukturen im Unternehmen beschaffen sein, um dem digitalen Geschäftszeitalter gerecht zu werden?
A. Frary:
Teamorientierte, flache Strukturen und ein kollegialer Stil zwischen Mitarbeitern und Führungskräften sind die besten Voraussetzungen. Die gewichteten Bausteine der persönlichen Tätigkeitsprofile können dazu herangezogen werden, um je nach Kommunikations- und Informationsbedarf die Fachkräfte über Abteilungsgrenzen hinweg untereinander zu vernetzen. Diese vorgeprägte Kommunikations- und Informationsstruktur hat für die Fachkräfte im schnelllebigen digitalen Geschäft einen weiteren Vorteil: Sie wissen ad hoc, wer zu welchem Thema für sie der richtige Ansprechpartner ist.

IT-DIRECTOR: Personallücken werden bleiben. Wie kann man die Lücken trotz mangelnder Spezialisten füllen?
A. Frary:
Wichtig ist, in bestehende Mitarbeiter zu investieren und Know-how aufzubauen bzw. internes Wissen zu verteilen. Auch die Nachwuchsförderung sollte eine bedeutende Rolle spielen. Um neue Experten zu rekrutieren, sollte man möglichst nah an der Zielgruppe sein, also dort, wo sich junge Menschen aufhalten. Für Jüngere sind modernes und flexibles Arbeiten sowie eine gesunde Work-Life-Balance sehr wichtig.

Bildquelle: Bridging IT

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