14.07.2017 Rückgriff auf die Public Cloud

IT kommt per Lieferservice

Von: Siegfried Dannehl

Für große Flexibilität sowie schnelle Bereitstellung von IT-­Ressourcen sind die Nutzung von Public Clouds und der Rückgriff auf Hosting- und Colocation-Services von RZ-Betreibern akzeptable Alternativen.

Die IT kommt per Lieferservice.

„In einem immer dynamischeren geschäftlichen Umfeld mit seinen kürzeren Produktzyklen, konjunkturellen Schwankungen und organisatorischen Veränderungen kann die herkömmliche IT in vielen Fällen keine zufriedenstellenden Lösungen mehr bieten“, stellt Matthias Zacher, Manager Research & Consulting bei IDC, fest. Seinen Worten nach tolerieren sowohl das Management als auch die Fachabteilungen dies immer weniger und fordern mehr Flexibilität beim Bezug und in der Bereitstellung von IT-Ressourcen. Von Rechenzentrumsbetreibern erbrachte Infrastructure-Services wie beispielsweise Hosting- oder Colocation-Angebote werden neben Public-Cloud-Services zunehmend zu wesentlichen Pfeilern des IT-Markts.

„Die wenigsten Unternehmen sehen es heute noch als zielführend an, eigene Rechenzentren zu bauen, zu unterhalten und auf einem angemessenen Standard zu halten“, bestätigt denn auch Wolfgang Schwab, Berater bei der Experton Group. Gleichzeitig macht eine zunehmende Ressourcenknappheit im Bereich der qualifizierten Administratoren einen Eigenbetrieb schwierig. Entsprechend wächst der Wunsch, Rechenzentrumsleistungen, aber auch Rechenzentrumsbetriebsleistungen an einen Dienstleister auszulagern. Eine Entwicklung, die der von Bitkom Research und der Beratungsgesellschaft KPMG durchgeführte „Cloud Monitor 2017“ bestätigt. „Der Trend in den Unternehmen geht seit Jahren dahin, den Betrieb von Private Clouds an externe Dienstleister zu vergeben“, bestätigt Dr. Axel Pols, Geschäftsführer von Bitkom Research bei der Vorstellung der Studienergebnisse. Demnach betreiben nur noch 13 Prozent der befragten Unternehmen Private Clouds komplett in Eigenregie. Vor vier Jahren lag der Anteil mit 26 Prozent noch doppelt so hoch.

Dienstleistungen sehr reif


Die Experton Group hat Mitte 2016 den Markt für Infrastructure Services analysiert. Hierbei hat sich gezeigt, dass die angebotenen Dienstleistungen durchwegs sehr reif sind. Betrachtet man den Markt für Hosting Services und Managed Services für große Unternehmen ab 5.000 Mitarbeiter, so wird deutlich, dass die Anbieter, was die Portfolioattraktivität angeht, recht vergleichbar aufgestellt sind, z.B. in den Bereichen Strategie, Delivery-Modelle oder auch Rechenzentrumsausstattung. Deutlicher sind die Unterschiede in Bezug auf die Wettbewerbsstärke, bei der neben der Sichtbarkeit im Markt auch beispielsweise Marketingaktivitäten, Referenzen und Partnerschaften eine zentrale Rolle spielen.

Die beiden Unternehmen IBM und die Deutsche Telekom können sich nach den Ergebnissen der Marktanalyse leicht vom Rest des gesamten Anbieterfelds abheben. Die Deutsche Telekom bietet für Großkunden optimierte Hosting- und Managed Infrastructure Services an, die einerseits in Bausteinen standardisiert und andererseits flexibel kombinierbar sind. Neben klassischen Hosting- bzw. Managed-Infrastructure-Services für Server und Storage werden auch umfassende zusätzliche Dienste bis hin zum Anwendungsbetrieb angeboten. Nicht zuletzt mit Rechenzentrumsneubauten baut die Telekom ihr Angebot sowohl im Bereich Hosting als auch bei Cloud-Services stetig aus.

Der Bedarf an Hosting-Flächen in Deutschland steigt kontinuierlich. Obwohl der IT-Flächenbedarf von 2010 bis 2016 gesunken ist, hat sich die IT-Fläche in den deutschen Rechenzentren nach Recherchen des Borderstep Instituts um über 28 Prozent erhöht. Allein der Standort Frankfurt erwartet ein jährliches Wachstum bei Rechenzentren bis 2025 von 17 Prozent. Einen Grund für den Datacenter-Bauboom sehen Experten im hierzulande hohen Datenschutzstandard. Nach den Ergebnissen des Cloud-Monitors ist es für drei Viertel der deutschen Unternehmen unverzichtbar, dass von ihnen genutzte Fremdrechenzentren in Deutschland betrieben werden. Es ist damit zu rechnen, dass die im Mai 2018 in Kraft tretende Datenschutzgrundverordnung der EU (DSGVO) diesen Trend weiter verstärken wird. Ebenfalls zu dieser Entwicklung trägt US-Präsident Donald Trump bei, der zu Beginn seiner Amtszeit per „Executive Order“ das EU-US-Privacy-Shield de facto gekündigt hat, indem er Behörden wie CIA und FBI dazu aufforderte, bei Ausländern nicht mehr denselben Schutz der Privatsphäre gelten zu lassen wie bei US-Bürgern.

Cloud als kostenattraktive Alternative


„Heute wird die Cloud zu Recht als Vereinfachung, als technischer Fortschritt und gleichzeitig als kostenattraktive Alternative wahrgenommen. Was also hindert die Unternehmen, scharenweise in die Cloud zu strömen? Das kann nur der Datenschutz sein, der bei anonymen Cloud-Angeboten viele Lösungen schlicht zu riskant macht. Hier überzeugen deutsche Anbieter. In Kombination mit dem strengsten Datenschutzgesetz weltweit und anerkannt hohen technischen Standards werden deutsche Rechenzentren zum internationalen Exportschlager“, prognostiziert Sebastian von Bomhard, Vorstand der Spacenet AG.

Nach Ansicht von IDC-Analyst Matthias Zacher hat der Aufbau von Rechenzentren in Deutschland und Europa die Akzeptanz von Public-Cloud-Services erhöht. Dennoch nehmen Sicherheitsaspekte in der Diskussion um Cloud Computing weiterhin einen zentralen Platz ein. Neben der technischen Sicherheit sind auch organisatorische und Compliance-Fragestellungen relevant. „Anwender erwarten von den Cloud-Anbietern umfassende Transparenz hinsichtlich des Managements von Rechenzentren durch globale Service-Organisationen, Back-up- und Recovery-Szenarien sowie ihres Verhaltens gegenüber der Rechtsprechung in anderen geografischen Rechtsräumen“, so Zacher.

„Die große Mehrheit der Unternehmen hat Vertrauen in die Sicherheit ihrer Daten in der Cloud“, glaubt Marko Vogel, Director Cyber Security bei KPMG mit Blick auf die Resultate des Cloud-Monitors. Laut Umfrage speichern 84 Prozent der Unternehmen vermeintlich unkritische Geschäftsinformationen in der Public Cloud. 67 Prozent der Public-Cloud-Nutzer speichern Kommunikationsdaten wie E-Mails, 27 Prozent personenbezogene Daten und 19 Prozent auch kritische Business-Informationen.

Marko Vogel empfiehlt Unternehmen deshalb für ihre Public-Cloud-Anwendungen ein angepasstes Sicherheitsmanagement. Nur zwei von drei Unternehmen haben bereits Maßnahmen ergriffen, um die Datensicherheit in der Wolke zu erhöhen. Neben klaren internen Vorschriften für die Auswahl und Nutzung von Cloud-Diensten kommen dabei die Auswertung von Firewall-Log-ins oder spezielle Sicherheitsüberprüfungen der genutzten Cloud-Anwendungen zum Einsatz. Neun von zehn dieser Cloud-An­wendungen nutzen spezielle Sicherheits­services, um unerlaubte Zugriffe zu ver­hindern und die eigenen ­Daten zu schützen. Dazu zählt u. a. eine Verschlüsselung von Daten in der Cloud oder ein Monitoring der verwendeten.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 06/2017. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Geräte und Anwendungen, um ungewöhnliche Zugriffe oder Datenabflüsse schnell bemerken zu können. Verbesserungswürdig ist die Einbindung der Sicherheits­abteilung. Nur knapp ein Drittel beteiligt diese frühzeitig schon bei der Auswahl der Cloud-Provider. „Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass vielen Unternehmen noch ein umfassendes Sicherheitsmanagement für die Cloud fehlt“, kritisiert Vogel.


RZ-Betreiber werden Systemintegratoren

Im Zuge der digitalen Transformation nutzen immer mehr Kunden Cloud-Services, um zu verhindern, dass der Bedarf an IT-Ressourcen die lokalen Server-Kapazitäten übersteigt. Clouds bieten Flexibilität und Skalierbarkeit für individuelle, unternehmensspezifische IT-Lösungen. Rechenzentrumsbetreiber stehen vor der Herausforderung, den Kunden hierfür entsprechende Hybridlösungen, d.h. eine Kombination aus Public und Private Cloud, anzubieten. Welche Dienste, Daten oder Anwendungen in welcher Cloud gespeichert werden, entscheiden die Kunden individuell. Meist verlagern Unternehmen Anwendungen in die Cloud, die eine unterstützende Funktion einnehmen, wie E-Mail-, CRM- oder Logistikanwendungen. Dabei erfolgt das Auslagern in enger Kooperation zwischen ihnen und dem Rechenzentrumsbetreiber. Letztere fungieren so als Systemintegratoren und stellen die Verbindung zwischen Kunden und Software-Lieferanten sicher.

Quelle: Michael Hartmann, Country Manager bei Interoute


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