Nachgefragt bei Jörn Dierks, NetIQ

"Mitarbeiter benötigen Freizeit"

Interview mit Jörn Dierks, Chief Security Strategist EMEA bei NetIQ

Jörn Dierks, NetIQ

Jörn Dierks, Chief Security Strategist EMEA bei NetIQ

IT-DIRECTOR: Wie wird in Großunternehmen künftig ein moderner Arbeitsplatz für sogenannte  „Wissensarbeiter“ aussehen?
J. Dierks:
Es ist klar, dass die heutigen Trends – verstärkte Mobilität und zunehmender Austausch von Informationen – unsere Art zu Arbeiten im nächsten Jahrzehnt und darüber hinaus verändern werden. Heute erwarten Wissensarbeiter, dass sie selbst entscheiden können, wie und mit welchen Geräten sie auf ihre Informationen zugreifen und wie und wo sie mit anderen zusammenarbeiten und Informationen austauschen, zum Beispiel mit dem privaten Smartphone. Cloud-Dienste werden darüber hinaus künftig noch weitere Optionen ermöglichen. So können zum Beispiel schnell und unkompliziert Cloud-Services genutzt werden, die Fachressourcen für kurze Zeit zur Verfügung stellen oder die On-demand-Zusammenarbeit in Arbeitsgruppen ermöglichen. Der Trend ist simpel: mehr Zugriff auf mehr Informationen von mehr Orten, um schnelle und fundierte Entscheidungen zu treffen.

IT-DIRECTOR: Welche Technologien werden dabei – neben mobilen Lösungen – vorrangig zum Einsatz kommen?
J. Dierks:
Cloud-Services werden in der Veränderung der Arbeitswelt eine herausragende Rolle spielen. Das starke Wachstum im Bereich privater und geschäftlicher Cloud-Services zeigt deutlich, welchen Einfluss dieses Modell auf die Art und Weise wie wir arbeiten hat. Zusätzlich werden immer mehr ursprünglich unternehmerische Aufgabenbereiche als Cloud-Services angeboten. Der Kostendruck sowie die zunehmend einfachere Einbindung in die Geschäftsabläufe wird dabei eine noch schnellere Einführung beeinflussen. Als Konsequenz dieser Entwicklung muss das Management von Identitäten und Rollen sowie die Erweiterung existierender Identitätskontrollen in die Cloud mit Nachdruck betrieben werden. So wird die Integration von externen und Social-Media-Identitäten ermöglicht für eine einfache und sichere Zusammenarbeit von Mitarbeitern, Partnern und Kunden.

IT-DIRECTOR: Welche Gefahren birgt der moderne Arbeitsplatz für die Compliance und IT-Sicherheit eines Unternehmens?
J. Dierks:
Durch die Ausbreitung mobiler Services, die in vielen Fällen komplett in der Cloud gehosted werden, wird das Thema Kontrolle von Sicherheit, Zugriff und Gewährleistung von Compliance für die Unternehmen immer dringlicher, um Risiken zu vermeiden. Der Verlust der direkten Kontrolle über Daten, die sich in der Cloud bewegen, bedeutet, dass es jetzt noch schwieriger ist, unbefugten Zugriff auf sensible Daten aufzuspüren. So könnte zum Beispiel ein Mitarbeiter beim Cloud-Anbieter auf Informationen zugreifen oder Daten stehlen. Da immer mehr Daten über Cloud-Services gespeichert werden, könnten diese Dienste auch ein attraktives Ziel für Hackerangriffe werden. In der Folge könnte hier eine einzige undichte Stelle die Datensicherheit bei verschiedenen Unternehmen gefährden, die den Service nutzen.

Compliance, die seit jeher eine Herausforderung darstellt, wird also noch schwieriger werden. Da Dokumentationen und Kontrollen existieren, könnten Unternehmen durch die Nutzung  neuer Services in eine Lage gerate, die es ihnen unmöglich macht, die eigenen Compliance Anforderungen zu erfüllen.

IT-DIRECTOR: Mit der Konzeption eines modernen, ortsunabhängigen Arbeitsplatzes geht oftmals die ständige Erreichbarkeit der Mitarbeiter einher. Welche organisatorischen Risiken sind damit in der Regel verbunden?
J. Dierks:
Mitarbeiter arbeiten heute an den unterschiedlichen Orten, im Büro, unterwegs oder zuhause – die Definition und Eingrenzung des Unternehmensnetzwerkes wird dadurch zunehmend schwieriger. Tatsächlich geht der Trend heute so weit, selbst die klassische Definition und Eingrenzung eines Unternehmens zu erweitern. Für die Unternehmen bedeutet dies, dass sie einen ungleich breiteren Zugriff auf sensible Systeme verwalten müssen. Die Gefahr besteht, dass Zugriffspunkte von unberechtigten Eindringlingen missbraucht werden, um Informationen zu stehlen oder Services zu stören. Potentiell können Remote-Zugriffspunkte wie ein simples Smartphone oder ein Laptop des Mitarbeiters, für einen Hacker den Fuß in der Tür zum Unternehmensnetzwerk bedeuten und ein unbefugtes Eindringen ermöglichen. Dieses hohe Maß an Komplexität bei den Zugriffen macht es für die Sicherheitsverantwortlichen deutlich schwieriger, potentielle Bedrohungen zu identifizieren – so könnten Eindringlinge etwa ihre Angriffe im Rahmen der normalen Aktivitäten eines mobilen Mitarbeiters verschleiern.

Die Tatsache, dass Informationen remote für die verschiedenen Berechtigten zur Verfügung stehen müssen, macht ein zuverlässiges Management von Identitäten und Authentifizierungen sowie die Integration mit Sicherheits-Monitoring-Systemen zu entscheidenden Faktoren und stellt sicher, dass Angreifer draußen bleiben und die berechtigten Nutzer arbeiten können.

IT-DIRECTOR: Inwieweit kann sich das „Always on“ negativ auf die Gesundheit, Motivation oder Zusammenarbeit der Mitarbeiter auswirken?
J. Dierks:
Mitarbeiter benötigen Freizeit. Der Druck, rund um die Uhr verfügbar zu sein, macht es schwer “nein” zu sagen, wenn Anfragen außerhalb der “normalen” Arbeitszeit eintreffen. Dies gilt besonders für weltweit agierende Unternehmen, in denen immer irgendwo gearbeitet wird. Diese Herausforderungen können nur durch die eigene Unternehmenskultur gelöst werden, indem klare Grenzen für Arbeit und Freizeit definiert werden. Die Freizeit stellt für Mitarbeiter einen hohen Wert dar, der auch für die Unternehmen wertvoll sein muss. Mitarbeiter, die mobil oder von zuhause arbeiten, bieten den Unternehmen neue Möglichkeiten, stellen das Management aber auch vor eine neue arbeitsethische Verantwortung.

IT-DIRECTOR: Worauf sollten die Verantwortlichen beim Erstellen einer Unternehmensrichtlinie für moderne, mobile und vernetzte Arbeitsplätze vor allem achten?
J. Dierks:
Die Richtlinien müssen die Risiken berücksichtigen, die für ein Unternehmen durch seine mobilen Arbeitskräfte entstehen. Dabei müssen sie selbstverständlich auch die Erwartungen und gesetzlichen Rechte der Mitarbeiter wahren. Einen der besonders diskutierten Bereiche stellt bereits das Thema Bring your own Device (BYOD) dar. Mitarbeiter, die mit eigenen Geräten auf Unternehmensinformationen zugreifen, müssen dabei auch die Compliance mit der Firmenrichtlinie sicherstellen. Gleichzeitig muss das Unternehmen beim Management von Geräten, die den Mitarbeitern gehören, ebenfalls genau definierte Regeln beachten und dessen private Informationen unangetastet lassen. Ein Mitarbeiter, der das Unternehmen verlässt erwartet zum Beispiel, dass sein E-Mail-Zugriff von diesem Gerät gesperrt wird. Andererseits könnte ein Mitarbeiter, der alle vorhandenen Unternehmensdaten und Anwendungen von seinem Privatgerät löscht, eventuell rechtliche Probleme bekommen.

IT-DIRECTOR: Wie ist das heutige Arbeitsrecht mit den Konzepten moderner Arbeitsplätze vereinbar? Muss es spezielle Anpassungen geben? Wenn ja, welche?
J. Dierks:
Das geltende Arbeitsrecht ist durchaus geeignet für die Herausforderungen, die sich aus den Veränderungen der Arbeitswelt ergeben und muss insofern nicht angepasst werden. Dennoch sind rund um das Konzept moderner Arbeitsplatz noch viele Fragen offen. Für die Unternehmen stellt sich hier die Herausforderung die bestehenden Arbeitsverträge zu ergänzen, um auch für die mit den Veränderungen einhergehenden Fragen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer klar definierte Regelungen zu haben. Im Zusammenhang mit dem Modell "Bring your own device" (BYOD) stellt sich zum Beispiel die Frage, ob der Arbeitgeber ein privates Gerät, das im Arbeitseinsatz zerstört wurden ersetzen muss oder wie die Mitarbeiter mit vertraulichen Firmendaten auf ihrem Smartphone umzugehen haben.

IT-DIRECTOR: Wie sind deutsche Großunternehmen im europäischen Vergleich hinsichtlich der Modernisierung Ihrer Arbeitsplätze aufgestellt?
J. Dierks:
Auf europäischer Ebene lässt sich feststellen, dass der Trend BYOD weit verbreitet ist. Untersuchungen haben ergeben, dass durchschnittlich ca. 70 Prozent der Unternehmen BYOD in irgendeiner Form genehmigen, vorwiegend für den E-Mail-Verkehr oder zum Internet-Zugang. Deutschland folgt diesem Trend jedoch deutlich langsamer, denn hierzulande gestatten nur etwa 50 Prozent der Unternehmen das Mitbringen und Nutzen eigener Geräte im Unternehmen. Deutschland liegt dabei hinter anderen Ländern Europas zurück, wie z.B. England, Frankreich oder Spanien. Im Mittleren Osten, Benelux oder auch in skandinavischen Ländern hingegen ist BYOD am Weitesten verbreitet (ca. 75 bis 80 Prozent der Unternehmen).

Gemäß einer erst kürzlich durchgeführten Studie des Branchenverbands Bitkom gibt es in vielen deutschen Unternehmen noch keine Sicherheitsregeln für selbst mitgebrachte Geräte. Diese Beobachtung lässt sich vor allem in kleineren und mittleren Unternehmen machen. Eine große Gefahr gehe dabei insbesondere von Smartphones und Tablet-Computern aus. In der Studie wird von über 40 Prozent der befragten Unternehmen in Deutschland berichtet, dass sie keine Sicherheitsregeln für diese mobilen Geräte haben.

Es bleibt festzustellen, dass der Trend BYOD den Arbeitsplatz auch zukünftig in Deutschland maßgeblich erweitern und deutlich an Bedeutung gewinnen wird. Unternehmen sei daher empfohlen, ihre Sicherheitskonzepte in Bezug auf diesen Trend zu überarbeiten und zukunftsweisende Identitäts- und Zugriffskonzepte zu integrieren, die diesem Trend gerecht werden.

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