Vom Mainframe in die Hosentasche: Die Entwicklung von GIS hin zur „mobilen Anwendung in der Hosentasche“ ist mit neuen Risiken verbunden.
Einhergehend mit der zunehmenden Verbreitung von mobilen Endgeräten spielen auch mobile GIS-Anwendungen eine immer wichtigere Rolle. Sie unterstützen die Berichterstattung, Analyse, Bewertung und Vorhersage durch spezielle Apps, die beispielsweise bei der Erfassung und Kartierung verschiedener raumbezogener Informationen helfen und sich nahtlos in ein vorhandenes „stationäres“ Geoinformationssystem (GIS) bzw. Content-Management-System (CMS) einbinden lassen.
Mit Beginn der elektronischen Datenverarbeitung und besonders ab den 70er Jahren spielten digitalisierte Geodaten und deren Verarbeitung vor allem in Universitäten und Behörden eine immer wichtigere Rolle. Als erstes modernes GIS im eigentlichen Sinne gilt das Canada Geographic Information System (CGIS). Es wurde ab 1962 am Department of Forestry and Rural Development in Ottawa entwickelt und z.B. für die Potentialbewertung von Boden, Wald und Landwirtschaft eingesetzt. Dennoch blieb die Verwendung dieses Systems aufgrund der hohen technischen Anforderungen lange Zeit auf Großrechner beschränkt.
Erst mit der Entwicklung leistungsfähigerer Hardware in den 80er Jahren fand ein schrittweiser Wechsel hin zu dezentralen Workstations statt, der immer mehr Menschen den Zugang zu Geodaten ermöglichte. Im Verlauf entwickelten sich die geografischen Informationssysteme hin zu modular aufgebauten Lösungen und ließen sich bedürfnisspezifisch in sogenannten Fachschalen kombinieren. Das Prinzip der Fachschalen findet noch immer, besonders in Kommunalverwaltungen, Verwendung.
Einer breiteren Anwenderschicht dürfte der Wert und Nutzen von Geodaten mit dem Aufkommen von Diensten wie Google-Earth oder Bing-Maps bewusst geworden sein. Spätestens seit Mitte 2000 war der Umgang mit Geodaten nicht länger wenigen Spezialisten vorbehalten. Vielmehr stand von nun an jedem Besitzer eines PC mit Internetzugang die Möglichkeit offen, Stadtpläne mit Luftbildern oder Straßenkarten mit Verkehrsinformationen zu verknüpfen und für den persönlichen Informationsgewinn auszuwerten.
Besonders offensichtlich wird die aktuelle Bedeutung von raumbezogenen Daten, wenn man die Funktionen von mobilen Endgeräten betrachtet. Ortungsdienste wie GPS, UMTS und WLAN sind auf der Ausstattungsliste mobiler Endgeräte keine Besonderheiten mehr. Diese Techniken werden u.a. verwendet, um den aktuellen Standort und genaue Bewegungsprofile eines Nutzers zu bestimmen und für weitere Anwendungen bereitzustellen. Auch Navigationsdienste sind inzwischen ein fester Bestandteil von Mobiltelefonen und Tablets. Dabei werden Daten mit Raumbezug durch das Mobiltelefon erhoben, analysiert, verknüpft und visualisiert. Inklusive Hard- und Software und den entsprechenden Daten sind auf diese Weise die klassischen Kriterien eines geographischen Informationssystems erfüllt und jeder Smartphone- oder Tablet-Besitzer ist damit potentieller Anwender eines mobilen GIS.
Auch die Mitarbeiter von Kommunalverwaltungen profitieren in zunehmendem Maße von mobilen Anwendungen, indem Daten direkt vor Ort erfasst und per CMS eingepflegt werden können. Grundlage für die europaweite Interoperabilität der Geodaten ist dabei die seit Mai 2007 in Kraft getretenen Inspire-Richtlinie. Sie regelt die einheitliche Beschreibung der Daten und deren Bereitstellung im Internet, bei Suchdiensten sowie für Visualisierung und Download. Geodaten lassen sich auf diese Weise nicht nur leicht vernetzen, sondern für verschiedene Anwendungen auch von unterschiedlichen Verwaltungsbehörden nutzen, was die Aufwände einer eigenen Datenerfassung reduziert.
Die Bürger profitieren von dieser Entwicklung beispielsweise durch Apps für eine bürgernahe Verwaltung. Sogenannte Bürger- oder Stadt-Apps helfen etwa bei der Kartierung von Schäden in der kommunalen Infrastruktur. Doch auch im Bereich des klassischen Marketingmix von Unternehmen kommt der Auswertung von Geodaten eine wachsende Bedeutung zu. Kleinräumige Marktdaten wie Kaufkraftkennziffern, Unterschiede im Käuferverhalten oder dem Marktpotential lassen sich für eine differenzierte Marktbearbeitung nutzen und haben Einfluss auf eine zielgruppengerechte Standortplanung und Sortimentsgestaltung.
Mit der Möglichkeit, genaue Bewegungsprofile einzelner Nutzer zu generieren, geht jedoch ein steigendes Risiko einher, diese Daten versehentlich unbefugten Dritten zugänglich zu machen. Die Verknüpfung sensibler Geodaten mit sozialen Netzwerken beispielsweise ist ein Trend, der durch den Upload georeferenzierter Fotos sehr einfach Rückschlüsse auf Bewegungsinformationen von Nutzern ermöglicht. Sicherheitsforscher von Trend Micro und Symantec warnen bereits davor, dass es Kriminellen möglich ist, durch eine Verbindung verschiedener öffentlich zugänglicher Geodaten, sensible Informationen zu gewinnen.
Auch die Vorgaben der Inspire-Richtlinie, die lediglich die Interoperabilität der Daten fokussieren, reichen nicht aus, um eine vollständige Datensicherheit zu gewährleisten. Unternehmen wie Kommunen sind hier gefordert, in Zusammenarbeit mit IT-Spezialisten eine entsprechende Sicherheitsstrategie zu entwickeln, die vor unbefugtem Datenzugriff von außen schützt. Als IT-Beratungshaus hat sich die ITM – Gesellschaft für IT-Management mbH beispielsweise auf die strategische Beratung in den Bereichen Infrastruktur, Prozesse, Informationssicherheit und Servicemanagement spezialisiert. Im Rahmen der Konzeption und begleitenden Umsetzung von Geoinformationssystemen empfehlen die Experten, besonders darauf zu achten, dass entsprechende Sicherheitsmechanismen, wie etwa eine prinzipielle Bestätigung durch den Nutzer bei der standortbezogenen Datenübermittlung, integriert werden. Allerdings sollte stets eine Balance zwischen Sicherheit und Nutzerfreundlichkeit gewahrt bleiben.
Geoinformationssysteme werden in Zukunft verstärkt eine Schnittstelle zwischen Bürgern und Kommunen bilden. Auch in Wirtschaftsunternehmen etablieren sich entsprechende Systeme zunehmend. Gleichwohl die Entwicklung von GIS hin zur „mobilen Anwendung in der Hosentasche“ mit neuen Risiken verbunden ist, bietet sie andererseits auch interessante neue Möglichkeiten für eine effiziente und bürgernahe Verwaltung und ein zielgruppengenaues Marketing. Die Herausforderung wird darin bestehen, bewusst und vorsichtig mit personenbezogenen Standortdaten umzugehen und gleichzeitig alle Vorteile eines mobilen GIS auszunutzen.
Bildquelle: ITM