Konsumerisierung der IT

Neue Einfallstore

Mitarbeiter wollen im Büro zunehmend die Technik ­nutzen, die sie von zuhause kennen. Die Konsumeri­sierung der IT stellt aber große Heraus­forderungen an ­die Sicherheit. Denn nicht alles, was ­möglich ist, sollte auch erlaubt werden.

Kellertreppe, iStockphoto.com/RyanJLane

IT-Anwender im Unternehmen sind auch Privatnutzer. Sie verwenden zu Hause ebenfalls digitale Technik – sei es auf einem Desktop-PC, einem Laptop oder einem anderen Gerät. Noch bis vor Kurzem waren diese beiden Welten streng getrennt. Web 2.0 und die zunehmende Verbreitung von mobilen Endgeräten wie dem iPhone haben die Grenzen jedoch eingerissen. Das Verhalten des Nutzers als IT-Consumer hat Einfluss darauf, wie er Technik an seinem Arbeitsplatz verwenden möchte. Mitarbeiter versuchen zunehmend, selbst zu bestimmen, mit welchen Programmen und Endgeräten sie ihre Aufgaben erledigen. Sie verlangen nach einfachen Cloud-Lösungen für ihre Büroarbeit, wollen soziale Netzwerke auch für ihren Job nutzen und vor allem über Tablet-Computer oder Smartphones ihre geschäftlichen Informationen abrufen. Schließlich sind die Systeme, die privat zu Verfügung stehen, häufig leistungsfähiger, flexibler und einfacher zu nutzen als die Firmenanwendungen. Die Konsumerisierung der IT – neudeutsch Consumeriza­tion of IT – ist ein Trend, der derzeit in großen Schritten auf die Unternehmen zukommt.

Besonders deutlich wird dies beim Einsatz von privaten Endgeräten. Eine zunehmende Zahl von Unternehmen erlaubt es den Mitarbeitern mittlerweile, ihre eigene Hardware für ihre berufliche Tätigkeit zu verwenden. Das Konzept lautet BYOD – Bring your own Device. Jeder soll quasi mit dem Gerät glücklich werden, das ihm gefällt.  Zu diesem Thema befragte der IT-Dienstleister BT insgesamt 2.000 Anwender und Entscheidungsträger aus elf Ländern. Eines der Ergebnisse: 60 Prozent der Mitarbeiter gaben an, dass sie private Geräte für ihre Arbeit nutzen dürfen. Tendenz steigend: 82 Prozent der Unternehmen erlauben BYOD bereits jetzt oder werden dies innerhalb der kommenden zwei Jahre tun.

Vor allem die modernen Mobilgeräte treiben diese Entwicklung voran. „Das Wachstum bei Smartphone- und Tablet-Verkäufen in den kommenden fünf Jahren wird die Konsumerisierung der IT auf ein noch höheres Level führen, als dies bisher möglich ist“, prognostiziert Chae-Gi Lee, Research Director bei Gartner. Vielen Mitarbeiter ist es sogar so wichtig, diese Geräte für ihren Job zu verwenden, dass sie bereit sind, dafür zu zahlen.

Interessanterweise ist BYOD in Unternehmen aus den sogenannten BRIC-Staaten besonders stark verbreitet. So gaben in der BT-­Studie zum Beispiel 92 bzw. 80 Prozent der Befragten aus China sowie Indien an, private Geräte nutzen zu dürfen. Ein Grund dafür dürfte sein, dass IT dort noch stärker als Innovationsmotor gesehen wird als etwa hierzulande. Zudem existieren in den Firmen aus Länden wie Brasilien, China oder Indien weniger fest etablierte Prozesse.

Verlockende Möglichkeiten

Es gibt laut Lee aber noch einen weiteren Grund. Themen wie Sicherheit und Datenschutz spielten in den klassischen Industrienationen eine größere Rolle als in den BRIC-Staaten. „Die großen Industrieländer erkennen im Zusammenhang mit BYOD-Progammen sowohl technische als auch rechtliche Fragestellungen“, so der Gartner-Mann. „Die aufstrebenden Nationen sehen nur die technischen Aspekte.“ Denn „so verlockend die innovativen Möglichkeiten (von BYOD) sind“, ­schreiben Wolfgang Schwab und Martin Schweinoch in einem Report, „so anspruchvoll ist die technische und rechtliche Umsetzung“. Schwab ist Analyst beim IT-Beratungshaus Experton Group, Schweinoch ist Jurist bei der Anwaltskanzlei SKW Schwarz.

Die Sicherheitsherausforderungen gelten dabei für die Konsumerisierung der IT insgesamt. Sobald Systeme unabhängig von der IT-Abteilung eingeführt werden, steigt die Gefahr, dass firmenweit geltende Sicherheitsstandards unterlaufen werden. Das gilt sowohl für Programme, die auf dem Bürorechner laufen, als auch für Apps, die auf dem Smartphone oder dem Tablet-PC installiert werden. Wenn ein Mitarbeiter sein Smartphone für Heim und Arbeit verwendet, bedeutet dies zudem, dass private und geschäftliche IT-Nutzung miteinander vermischt werden. Unternehmen müssen daher zuerst entsprechende Fragen klären. Wie zum Beispiel: Was geschieht mit privaten Daten auf dem Gerät des Mitarbeiters, die auf der Unternehmens-IT gesichert werden? Kann der Mitarbeiter vorhandene Firmendaten in private Backups seines Geräts einbeziehen? Nicht alle Unternehmen klären solche Fragen, bevor das Personal beginnt, mit seinen eigenen Geräten zu arbeiten. So gibt in der BT-Studie die Hälfte der deutschen Angestellten an, dass die Integration privater Endgeräte in das Unternehmensnetzwerk erlaubt sei. Nur 34 Prozent der Firmen haben jedoch eine Policy, die BYOD zulässt.

Eine Organisation, die klare interne Regeln für BYOD eingeführt hat, ist IBM. Der IT-Konzern ermöglicht dieses Vorgehen bereits seit zwei Jahren. Generell unterstützt man den Einsatz von Blackberrys im eigenen Unternehmen. Daneben gibt es aber rund 80.000 Mitarbeiter, die mit anderen Geräten auf das Firmennetz zugreifen – unter anderem auch mit solchen, die sie selbst gekauft haben. Diese seien voll mit Software, die nicht unter der Kontrolle von IBM stehen, sagt CIO Jeanette Horan im IT-Magazin Technology Review. Daher habe BYOD neue Herausforderungen für die eigene IT-Abteilung verursacht.

Big Blue begegnet diesen mit Regeln, die unter anderem vorschreiben, welche Apps installiert werden dürfen und welche nicht. Zu Letzteren zählt etwa Dropbox. Laut Horan besteht bei diesem Webdienst die Gefahr, dass sensible Informationen nach außen dringen könnten. Zu den weiteren verbannten Technologien gehören außerdem Apples Dienst iCloud sowie die Spracherkennungssoftware Siri. Generell werden die Smartphones unterschiedlich behandelt, abhängig von der Funktion des Anwenders. So rüstet Horans IT-Abteilung die Mobilgeräte von bestimmten Mitarbeitern etwa mit Verschlüsselungstechnik aus. Schwab und Schweinoch weisen darauf hin, dass interne Richtlinien allein nicht ausreichen: „Vielmehr sind auch Erfordernisse von Datenschutz und Datensicherheit umzusetzen, Lizenzfragen zu klären, die Kostenverteilung zwischen Unternehmen und Mitarbeiter und nicht zuletzt die Mitbestimmung – um nur einige wichtige Themen zu nennen.“ Generell erfordere BYOD einen einheitlichen Ansatz, um die unterschiedlichen Anforderungen umzusetzen und Risiken zu vermeiden. Dazu zählen auch technische Lösungen wie etwa Mobile-Device-Management. Schließlich fordern die Endgeräte mit den verschiedenen Betriebssystemen die IT-Abteilung auf unterschiedliche Weise.

Die IT-Anbieter und Netzwerkspezialisten haben Systeme entwickelt, die Unternehmen darin unterstützen sollen, speziell mit BYOD umzugehen. So stellt Cisco etwa eine BYOD Smart Solution bereit, mit der sich unter anderem einheitliche Richtlinien für den Netzwerkzugriff umsetzen lassen. BT bietet ein Mobility Lifecycle Management für Mitarbeiter- und Firmengeräte. Diese Lösung soll eine rollenbasierte Nutzung, granulare Zugriffsregeln und das Fernlöschen von Daten bieten.

Angesichts solcher Voraussetzungen, die zunächst geschaffen werden müssen, sollten Firmen den Return on Investment (ROI) für BYOD in ihre Betrachtung einbeziehen, raten Schwab und Schweinoch. Der Nutzen für die Fachabteilungen könnte etwa darin liegen, dass Mitarbeiter effizienter und länger arbeiten. Aber: „Einige Unternehmen werden feststellen, dass eine betriebswirtschaftliche Betrachtung schnell zu einem Aus für ein derartiges Projekt führt.“

Vielleicht lässt sich der Wert von BYOD jedoch gar nicht so genau darstellen. Laut Horan spart IBM nicht direkt Geld damit, Privatgeräte für den Einsatz im Unternehmen zuzulassen. Man habe trotzdem entschieden, diesen Trend zu unterstützen. Denn: „Die Kosten, die durch enttäuschte Mitarbeiter verursacht werden, sind im Zweifel höher.“

Bildquelle: iStockphoto.com/RyanJLane

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