21.12.2016 RZ-Zertifizierungen

Norm EN 50600: „Wertvolle Hilfe“

Von: Lea Sommerhäuser

Im Interview erklärt Jörg Kreiling, Abteilungsleiter Produktmanagement IT bei Rittal, welche Relevanz Zertifizierungen für Rechenzentren haben und was sich konkret hinter der neuen Norm EN 50600 verbirgt.

Jörg Kreiling, Rittal

„Wie relevant die Norm heute schon ist, zeigt sich u.a. daran, dass nach unserer Erfahrung immer mehr Kunden in ihren Ausschreibungen eine Realisierung nach EN 50600 abfragen“, so Jörg Kreiling von Rittal.

IT-DIRECTOR: Herr Kreiling, welche Rolle spielen Zertifizierungen für Rechenzentren? Inwieweit müssen sich Geschäfts- und IT-Leitung diesem Thema stellen?
J. Kreiling:
Die intensive Debatte im IoT-Umfeld über Cyber - und Hackerangriffen ist sehr stark von der Software-Seite geprägt.
Dabei wird oft übersehen, dass auch die physische IT-Infrastruktur sicher sein muss. Diesem Themenbereich widmet sich die neue DIN EN 50600.
Die neue Norm ist für alle Unternehmen relevant, die über eigene IT-Systeme verfügen. Dabei kommt es nicht darauf an, ob es sich um ein kommerziell betriebenes Rechenzentrum eines IT-Dienstleisters für Tausende von Anwendern handelt oder nur um zwei bis drei Server-Schränke im Keller des Bürogebäudes. Entscheidend ist vielmehr, wie kritisch die IT-Infrastruktur für die eigenen Geschäftsprozesse ist. Eine Geschäftsrisikoanalyse ist auch Teil dieser Norm. Hierbei wird zunächst analysiert, welche Unternehmensabläufe oder Abteilungen wie stark von einem IT-Ausfall betroffen wären. Aus diesen Daten ergeben sich mögliche Konfigurationen für Systeme wie Notstromaggregate oder Klimaanlagen.

Eine europaweit einheitliche Norm zu Konzeption, Bau und Betrieb von Rechenzentren gab es bislang noch nicht. Es sind zwar für alle Einzelaspekte der IT-Infrastruktur bereits Standards und Richtlinien vorhanden, beispielsweise von Tüv, VdS, VDE, BSI oder Verbänden wie Bitkom und Eco. Was jedoch fehlt, ist eine definierte Vorgehensweise, die das Zusammenspiel aller Gewerke eines Rechenzentrums beschreibt. Gerade die Vielfalt der Technologien und der einzubeziehenden Spezialisten sowie die Abstimmung der Gewerke macht es so kompliziert, das Gesamtkonzept zu überschauen. Die Norm EN 50600 umfasst daher zentrale Themen wie Energieversorgung, Klima- und Gebäudetechnik, Verkabelung, Sicherheitssysteme sowie Management und Betrieb. Die aktiven ITK-Komponenten wie Server und Netzwerkausrüstung werden dagegen nicht betrachtet.


IT-DIRECTOR: Wie läuft die eigentliche Zertifizierung ab? Mit welchem Aufwand (zeitlich, personell, finanziell) ist sie verbunden?
J. Kreiling:
Bisher führte die Vielzahl der Gewerke dazu, dass für jede Bauphase ein externer Gutachter hinzugezogen wurde. Diese analysierten dann auf Basis bestehender Normen die Umsetzung. Ob das Rechenzentrum aber als Ganzes auch tatsächlich die Anforderungen an Hochverfügbarkeit, Energieeffizienz und Sicherheit erfüllt, war damit noch nicht geklärt. Auch hier kann die neue Norm wertvolle Hilfe leisten, da sie Methoden vorschlägt, ein Rechenzentrum als Ganzes zu konzipieren.
In der Praxis unterstützen Organisationen wie der Tüv Süd sowie Anbieter wie Rittal die Planer und Betreiber bei der Umsetzung von Rechenzentren, die angelehnt an DIN EN 50600 entstehen. Von uns sind hierfür auf Produktebene zahlreiche Infrastrukturlösungen verfügbar, die diese Norm bereits unterstützen. Dazu zählen Systeme für Klimatechnik, Energieversorgung, Brandschutz, IT-Racks und IT-Sicherheitslösungen. Wie relevant die Norm heute schon ist, zeigt sich u.a. daran, dass nach unserer Erfahrung immer mehr Kunden in ihren Ausschreibungen eine Realisierung nach EN 50600 abfragen.

Bildquelle: Rittal

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