10.08.2017 Im Gespräch mit Oliver Menzel, Maincubes

RZ-Services „Made in Germany“

Von: Ina Schlücker

Im Interview erläutert Oliver Menzel, Geschäftsführer bei Maincubes, worauf es beim Betrieb von Rechenzentren (RZ) auf deutschem Boden besonders ankommt und mit welchen Methoden diese besonders energieeffizient und sicher funktionieren.

  • Oliver Menzel von Maincubes

    „Wir sind hierzulande der einzige größere rein deutsche Colocation-Anbieter. Alle von uns angebotenen Prozesse und Services entsprechen dem deutschen Datenschutzgesetz“, so Oliver Menzel, Maincubes.

  • Oliver Menzel von Maincubes

    Oliver Menzel, Maincubes: „Wir bauen auf ein RZ-Konzept, das auf indirekter Freiluftkühlung basiert. Die dafür genutzte Technologie namens „Kyoto Cooling“ stammt aus den Niederlanden.“

  • Oliver Menzel von Maincubes

    „Ein DCIM-Tool fungiert bei uns als Schnittstelle für das Gebäude-, Klima- und Infrastrukturmanagement und kann gleichzeitig auch die IT der Colocation-Kunden abbilden“, meint Oliver Menzel, Maincubes.

  • Oliver Menzel von Maincubes

    Oliver Menzel, Maincubes, betont: „Wir expandieren und sehen uns bereits heute nach weiteren RZ-Standorten in Europa um.“

  • Oliver Menzel von Maincubes

    Oliver Menzel von Maincubes

Im Jahr 2012 gegründet, bietet die Maincubes mit Hauptsitz in Frankfurt Colocation-Services an. Dabei übernimmt der Anbieter für seine Kunden nicht nur den professionellen Betrieb der RZ-Flächen, sondern sorgt auch für entsprechende Sicherheitsmaßnahmen, beispielsweise hinsichtlich Ausfallsicherheit, Datenschutz und Zutrittskontrolle.

Neben dem im Mai 2016 übernommenen Rechenzentrum in Amsterdam legte man im Spätsommer 2016 den Grundstein für den Bau eines neuen Datacenters im Rhein-Main-Gebiet. Der neue Standort befindet sich auf einem knapp 5.600 Quadratmeter großen Grundstück in Offenbach und in unmittelbarer Nähe zum De-Cix, einem der weltweit größten Internet-Knotenpunkte. Mittels aktueller Technologien und eines besonderen architektonischen Konzepts, das innerhalb der IT-Räume ohne Säulen oder zusätzliche Stützwände auskommt, will man das „Verhältnis zwischen Leistung und Wirtschaftlichkeit des Rechenzentrum positiv gestalten“, berichtet Maincubes-CEO Oliver Menzel im Gespräch mit IT-DIRECTOR.

IT-DIRECTOR: Herr Menzel, mit „Maincubes“ errichten Sie derzeit ein modernes Rechenzentrum in Offenbach. Wie weit ist der Bau mittlerweile fortgeschritten?
O. Menzel:
Wir stehen kurz vor der Fertigstellung und planen die offizielle Eröffnung kommenden Oktober. Momentan laufen erste Tests, in deren Rahmen einzelne Gewerke im Rechenzentrum in Betrieb genommen werden. Im nächsten Schritt erfolgt die Gesamtinbetriebnahme. Hierbei müssen alle Einzelkomponenten wie Notstromversorgung, USV-Anlagen, Brandmeldesysteme, Sicherheitslösungen oder Klimaanlagen im Live-Betrieb reibungslos miteinander funktionieren.

IT-DIRECTOR: Inwiefern bieten Sie Ihre Rechenzentrumsservices „Made in Germany“ an?
O. Menzel:
Wir sind hierzulande der einzige größere rein deutsche Colocation-Anbieter. Da wir eine deutsche Eigentümerstruktur besitzen, unterliegen wir ausschließlich hiesiger Gerichtsbarkeit. Alle von uns angebotenen Prozesse und Services entsprechen dem deutschen Datenschutzgesetz bzw. ab Mai 2018 auch der neuen EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO).

IT-DIRECTOR: Neben Datenschutz rückt, nicht zuletzt aufgrund aktueller Ransomware-Attacken wie Wanna Cry oder Petya, zunehmend die IT-Sicherheit in den Fokus. Worauf müssen RZ-Betreiber hinsichtlich IT-Sicherheit besonders achten?
O. Menzel:
Viele Unternehmensverantwortliche betrachten IT-Sicherheit als lästige Pflicht, bei der man allein Antivirenprogramme und Firewalls auf dem neusten Stand halten muss. Wir hingegen besitzen ein weitaus tiefergehendes Verständnis und haben Sicherheit auf unserer Prioritätenliste nach ganz oben gesetzt, egal, ob es sich um technische Betriebssicherheit, Verfügbarkeit oder Prozesssicherheit handelt.

IT-DIRECTOR: Reicht dafür die Einhaltung bestimmter Richtlinien und Zertifizierungen aus?
O. Menzel:
Bis zu einem gewissen Grad. Es existieren zwar verschiedene Standards wie der BSI-Grundschutz, allerdings gibt es keine Zertifizierung, mit der alle Sicherheitsvorkehrungen im Rechenzentrum umfassend abgedeckt wären. Vielmehr gibt es ein Sammelsurium an technischen Zertifikaten, beispielsweise vom TÜV oder die TIER-Klassen des US-amerikanischen Uptime Institute. Darüber hinaus existieren Qualitätssiegel für die Organisationssicherheit wie ISO 27001 oder die künftige europäische Norm EN 50600.

Im Rahmen von Colocation enden die von uns bereitgestellten Services am Doppelboden bzw. an den Racks der Kunden. Bis dahin jedoch stellen wir ihnen auditierfähige und zertifizierte sichere IT-Infrastrukturen zur Verfügung. Von daher implementieren wir aktuell alle von den Zertifizierern geforderten Nachweise in unseren Rechenzentren.

IT-DIRECTOR: Die Betreiber kritischer Infrastrukturen unterliegen hierzulande dem IT-Sicherheitsgesetz. Inwiefern sind Sie davon betroffen?
O. Menzel:
Grundsätzlich gibt es seitens des Gesetzgebers vorgegebene Kategorien und Schwellwerte für kritische Infrastrukturen. So fallen beispielsweise Unternehmen unter das Sicherheitsgesetz, die täglich Strommengen im Megawatt-Bereich verbrauchen.

Vom Sicherheitsgesetz betroffen sind zudem die Energiedienstleister und Netzbetreiber selbst, da das öffentliche Leben ohne Stromversorgung in Kürze komplett zusammenbrechen würde. Doch auch RZ-Betreiber müssen im Rahmen von „Kritis V“ gewissen Auflagen entsprechen, um ihren Betrieb im Ernstfall aufrechterhalten zu können. Da Colocation-Anbieter in der Regel nicht wissen, welche Systeme die Kunden auf den angemieteten RZ-Flächen betreiben, müssen sie ab einer gewissen Größenordnung ebenfalls den regulatorischen Anforderungen entsprechen.

IT-DIRECTOR: Inwiefern müssen sich Ihre Kunden selbst um den Schutz ihrer IT kümmern?
O. Menzel:
Wir bieten rund um die IT-Sicherheit keine Dienstleistungen an. Allerdings bemühen wir uns in diesem Zusammenhang intensiv um neue Partnerschaften. So können IT-Security-Anbieter wie die Telekom ihre Lösungen aus unseren Rechenzentren heraus für unsere Colocation-Kunden oder für externe Kunden anbieten. Denkbar wären klassische Managed-Security-Servicemodelle, um DDoS-Protection, Firewalls oder die Absicherung von Anlagen und Maschinen im Zuge von Industrie 4.0 anzubieten. Hier führen wir bereits erste Gespräche mit dem Team von „Magenta Security“ der T-Systems, um künftig die Produkte der Telekom-Sicherheitssparte anbieten zu können.

Neben IT-Sicherheit bieten wir in unseren Rechenzentren beispielsweise auch Services für Industrie 4.0 oder das Internet der Dinge an. Hier nutzen die Kunden die Internet-of-Things-Plattformen (IoT) unserer Partner, wobei wir garantieren, dass die Verbindung zwischen Kunden-IT und Partnerlösung sicher abläuft.

Beide Beispiele zeigen, wie Kunden die von unseren Partnern angebotenen Services als einzelne Bausteine und damit quasi „on demand“ einkaufen können. So ist es in unseren Rechenzentren bereits standardmäßig möglich, Cloud-Services anzubinden. An unseren Standorten in Amsterdam und Frankfurt erhalten die Kunden direkten Zugang zu großen Hyperscalern wie Openstack, Microsoft Azure, Amazon Web Services oder IBM Softlayer.

IT-DIRECTOR: Sie sprachen das Internet der Dinge an. Wie könnten die von Ihren Rechenzentren aus betriebenen IoT-Lösungen aussehen?
O. Menzel:
Mit der von Partnern betriebenen Internet-of-Things-Plattform (IoT) wird ein sicheres IoT-Ökosystem bereitgestellt. Ein Beispiel: Möchten Maschinenbauer ihre Produkte künftig mit Sensoren, SIM-Karten und einem Web-Zugang ausstatten, um z.B. vorausschauende Wartung zu ermöglichen, müssen die generierten Daten irgendwo gesammelt, vorgehalten und schließlich intelligent verarbeitet werden. Die dafür notwendige IoT-Integrationsplattform funktioniert wie eine Middleware, sammelt sämtliche Rohdaten und stellt diese den per API angebundenen Big-Data-Tools oder Service-Apps zur Verfügung. Solche Plattformen sollten grundsätzlich branchenneutral und standardisiert gestaltet sein, sodass die Kunden individuelle IoT-Anwendungen aufsetzen können.

IT-DIRECTOR: Noch befindet sich das angesprochene Rechenzentrum Maincubes in der Bauphase. Worauf haben Sie bei der Auswahl des Standorts besonderes Augenmerk gelegt?
O. Menzel:
Das Datacenter ist auf dem ehemaligen Gelände eines lokalen Energieversorgers in Offenbach angesiedelt. In rund 120 Metern Entfernung befindet sich das nächste Umspannwerk, woran wir über zwei redundante Leitungen angebunden sind. Zudem ist das Umspannwerk selbst wiederum ausfallsicher ausgelegt und über zwei Seiten ins deutsche Hochspannungsnetz eingegliedert. Seit den Aufzeichnungen des Energieversorgers im Jahr 1983 gab es dort nie einen Stromausfall, sodass wir beim RZ-Neubau eigentlich auf eine Unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV) hätten verzichten können ...

IT-DIRECTOR: Was Sie jedoch nicht gemacht haben?
O. Menzel:
Nein, hierfür nutzen wir die diesel-dynamischen USV-Anlagen des deutschen Herstellers Piller aus Osterode im Harz. Mit ihnen wird der Batteriebetrieb hinfällig, da die Pufferung bei Stromausfall über große kinetische Schwungräder erfolgt. Diese treiben die Generatoren im Ernstfall ähnlich dem Rekuperationsantrieb von Kraftfahrzeugen an. Dort wird beim Bremsen eine Art Schwungrad in Bewegung gesetzt, das die Aufladung der Autobatterie ermöglicht. In unserem Fall sorgt das Schwungrad dafür, dass die Zwischenzeit überbrückt wird, bis die Dieselgeneratoren angesprungen sind und das Rechenzentrum mit Strom versorgen können.

IT-DIRECTOR: Die Klimatisierung von Rechenzentren beispielsweise benötigt viel Energie. Wie haben Sie das Thema Energieeffizienz gelöst?
O. Menzel:
Generell verbrauchen Klimaanlagen neben der IT selbst in Rechenzentren den meisten Strom, was sich wiederum negativ auf die Energieeffizienz auswirkt. Zum Vergleich benötigen beispielsweise USV-Anlagen in der Regel nur drei bis fünf Prozent aller im Rechenzentrum verursachten Energiekosten. Durchschnittlich 80 Prozent des Energieverbrauchs jenseits der IT fließen in die Kühlung.

IT-DIRECTOR: Inwieweit hat sich dies auf Ihre Planung ausgewirkt?
O. Menzel:
Wir haben uns bereits im Vorfeld des Bauvorhabens Gedanken darüber gemacht, wie Rechenzentren in unseren Breitengraden funktionieren sollten, um colocation-fähig zu sein. Das heißt, sie müssen so flexibel ausgelegt sein, um die unterschiedlichsten IT-Kundenumgebungen darin vorhalten zu können. Anbieter wie Amazon oder Google hingegen, die zuletzt vor allem in Skandinavien große Datacenter eröffneten, müssen sich darüber keine Gedanken machen, da sie von vorneherein genau wissen, welche Server-Farmen in den Rechenzentren betrieben werden.

Desweiteren sollte unser neues Rechenzentrum in ein urbanes Umfeld passen. Von daher haben wir uns für ein mehrstöckiges RZ entschieden, denn Fläche kostet in Metropolregionen wie dem Rhein-Main-Gebiet sehr viel Geld – oder steht erst gar nicht zur Verfügung. In diesem Zusammenhang achteten wir bei der RZ-Konzeptionierung auch darauf, möglichst nicht von externen Zulieferungen wie beispielsweise von Grundwasser abhängig zu sein. Herausgekommen ist ein auf indirekter Freiluftkühlung basierendes RZ-Konzept. Die dafür genutzte Technologie namens „Kyoto Cooling“ stammt von einem Hersteller aus den Niederlanden.

IT-DIRECTOR: Wie funktioniert Kyoto Cooling?
O. Menzel:
Die Kyoto Klimatisierung erfolgt nach dem Prinzip der indirekten Freiluftkühlung durch einen großen Wärmetauscher, der bei uns als Rad mit einem Durchmesser von fünf Metern in der Decke verankert ist. Dieses dreht sich zur Hälfte im kühlen Bereich und zur anderen Hälfte im warmen Innenluftstromkreis des Rechenzentrums. Es dreht sich relativ langsam mit bis zu sechs Umdrehungen in der Minute und sorgt dafür, dass kühle Luft durch Lüfter angesaugt wird, um die warme Abluft aus den Serverräumen abzukühlen.

Die indirekte Freiluftkühlung funktioniert bis wenige Grad unter der für Server angegebenen Höchsttemperatur, de facto bis ca. 21 Grad vollständig autark. Erst bei wärmeren Außentemperaturen benötigen wir zunehmend eine energieintensive, mechanische Kälteerzeugung mittels Kompressoren und Chillern.

IT-DIRECTOR: Wie lange können Sie mit der freien Kühlung arbeiten?
O. Menzel:
Aufgrund der in Deutschland herrschenden Durchschnittstemperaturen könnten wir fast das ganze Jahr über mit der indirekten Freiluftkühlung arbeiten. Denn laut Statistik liegen die Temperaturen in unserer Region nur an 65 Tagen im Jahr über 21 Grad; dabei kann man selbst in heißen Sommerwochen zumindest nachts noch mit Freiluft kühlen. Aufgrund dessen müssen wir kaum Kompressorkälte nutzen, woraus sich ein sehr niedriger PUE-Wert von weniger als 1,3 für das neue Rechenzentrum ergibt.

IT-DIRECTOR: Wie kann man sich das Klimamanagement in einem modernen Rechenzentrum vorstellen, welche Komponenten sind neben der Kühlung nötig?
O. Menzel:
Wir besitzen ein umfassendes Gebäudemanagementsystem, in dessen Rahmen tausende Sensoren miteinander verbunden sind. Im Rahmen dieses „Smart Buildings“ wissen wir genau, wie kalt oder feucht es in jeder Ecke des Rechenzentrums ist. Wir erkennen genau, welche Luftströme existieren und welche Druckunterschiede vorhanden sind.

IT-DIRECTOR: Lassen sich auch die Sicherheitssysteme anbinden?
O. Menzel:
Ja, wir nutzen wir im Rahmen der physischen Sicherheit Venenscanner für die sogenannte Vereinzelung beim Zutritt. Daneben setzen wir auf Schleusen in denen per 3D-Kamera festgestellt wird, dass keine unberechtigten Personen in die IT-Räume gelangen.

IT-DIRECTOR: Ihre Colocation-Services umfassen überdies eine spezielle Kunden-App. Was leistet diese?
O. Menzel:
Mittels Smartphone erhalten die Kunden Zutritt zum Rechenzentrum. Zudem können sie über das der App zugrundeliegende Portal Tickets erstellen, Zutrittslisten verwalten, Anlieferungen durchführen oder Remote-Services hinzubuchen. Nicht zuletzt erhalten sie via Portal ihre Rechnungen, Reports und Zugriff auf alle gespeicherten Kundendaten.

IT-DIRECTOR: Für die RZ-Verwaltung setzen Sie ein Datacenter-Infrastructure-Management-System (DCIM) ein. Was steckt dahinter?
O. Menzel:
Wir arbeiten mit einem modernen Software-Tool, das als Schnittstelle für Gebäude-, Klima- und Infrastrukturmanagement fungiert und gleichzeitig auch die IT der Colocation-Kunden abbilden kann. Auf diese Weise erhalten die Kunden den Zugriff auf Informationen aus ihren IT-Räumen. Sie sehen beispielsweise die genutzten Stromkreise oder kommen versteckten Wärmenestern in den Racks auf die Spur. Zudem können sie mit dem Tool die Virtualisierung von Servern oder Speichereinheiten realisieren, um plötzlich auftretende Lastspitzen besser abfedern zu können.

IT-DIRECTOR: Warum haben Sie das neue Rechenzentrum in Offenbach angesiedelt und nicht etwa im kühlen Norden Europas?
O. Menzel:
Für die Rhein-Main-Region haben wir uns zum einen aufgrund der Nähe zu unserem Frankfurter Verwaltungsstandort entschieden. Zum anderen glauben wir, dass Frankfurt in den nächsten zehn Jahren ein absolutes Zugpferd für die Nutzung von RZ-Services sein wird. Denn viele (Industrie-)Bereiche in Deutschland stecken hinsichtlich der Digitalisierung noch in den Kinderschuhen, sodass bundesweit künftig viele Projekte vorangetrieben werden. Da unser Rechenzentrum in der Mitte Deutschlands und in unmittelbarer Nähe eines der größten Internetknoten (DE-CIX) liegt, sehen wir uns hierfür gut positioniert.

Vor diesem Hintergrund sollten insbesondere die traditionsreichen deutschen Autobauer Gas geben, um sich von US-Firmen der Westküste nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Ansonsten würden Hersteller wie VW oder Daimler schnell zu reinen „Foxconn“-Zulieferern der US-Autoindustrie degradiert werden. Generell sollte Deutschland aufpassen, im Industriebereich keine digitale Kolonie der US-Amerikaner werden. Im privaten Bereich sind wir dies schon längst, denn die Privatnutzung dominieren ganz klar Dienste von Amazon, Google oder Facebook.

IT-DIRECTOR: Mit zunehmender Digitalisierung werden RZ-Ressourcen weiterhin stark nachgefragt sein?
O. Menzel:
Sicher, vor allem wenn in den nächsten Jahren immer mehr asiatische Firmen wie Alibaba auf den deutschen Markt drängen. Denn während US-Anbieter bevorzugt auf RZ-Standorte im englischsprachigen Raum in Irland oder Großbritannien setzen, beziehen asiatische Unternehmen ihre RZ-Ressourcen lieber aus Deutschland oder den Niederlanden.

IT-DIRECTOR: Aufgrund des Brexits fällt Großbritannien wohl bald aus dem Kalkül ...
O. Menzel:
Mit Sicherheit, denn nicht nur IT-Anbieter, sondern insbesondere auch die Finanzmärkte orientieren sich gerade um. Bislang in London ansässige Banken bauen neue Standorte in Amsterdam, Mailand oder Frankfurt auf und benötigen dafür entsprechende IT-Kapazitäten. Und ziehen die Banken aus Großbritannien weg, dann werden Wirtschaftsprüfer und andere Dienstleister schnell folgen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 07-08/2017. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Als größte englischsprachige Exklave innerhalb der EU wird davon wohl künftig Irland besonders profitieren, da sich dort noch mehr US-Firmen als bisher niederlassen werden.

IT-DIRECTOR: Ein Blick nach vorne. Welche Pläne verfolgen Sie in Zukunft?
O. Menzel:
Wir sehen uns bereits nach weiteren Datacenter-Standorten in Europa um, wobei wir die skandinavischen Länder bewusst ausklammern. Denn die von dort angebotenen RZ-Services entsprechen kaum den Bedürfnissen unserer Colocation-Kunden.

IT-DIRECTOR: Wie das?
O. Menzel:
Wie erwähnt bauen dort insbesondere US-Konzerne wie Amazon, Apple, Facebook oder Google ihre Rechenzentren für den Eigenbetrieb. Ihnen geht es vorrangig darum, gigantische Infrastrukturen möglichst effizient und günstig zu betreiben. Dies gelingt, da die Strompreise in Skandinavien deutlich günstiger sind als beispielsweise in Deutschland. Allerdings muss man mit höheren Latenzzeiten bei der Kommunikation mit Mitteleuropa rechnen. Bei sozialen Netzen oder Messenger-Diensten machen wenige Millisekunden mehr oder weniger nicht viel aus. Geht es allerdings um kritische Geschäftsanwendungen – z.B. im Börsenhandel oder bei autonomen Fahrzeugen –, können diese Millisekunden entscheidend sein.


Oliver Menzel
Alter: 45 Jahre
Werdegang: Nach dem Studium der Luft- und Raumfahrttechnik war Menzel technischer Leiter eines Internet-Service-Providers. 1999 als Consultant gestartet, übernahm er 2001 die Wusys und entwickelte das Unternehmen zu einem Full-Service-Dienstleister. Parallel baute er die RZ-Dienstleistung mit kleineren Colocation-Sites auf. Diese Aktivitäten führten 2012 zum Spin-off Maincubes.
Derzeitige Position: CEO, kreativer Kopf von Maincubes
Hobbys: Luftfahrt (Fliegen), KFZ-Oldtimer, Reisen


Bildquelle: Thorsten Weigl

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