Next Generation Network (NGN)

Schnelles Internet bleibt ein Wunschdenken

Interview mit Dr. Ronald Barker von der Hochschule für angewandte Wissenschaften München über die Möglichkeiten des Next Generation Network (NGN), die Versäumnisse hiesiger Netzanbieter sowie die Grenzen des europäischen LTE-Gedankens

IT-DIRECTOR: Herr Barker, was macht ein Next Generation Network, kurz NGN, aus?
R. Barker:
Um dies zu beantworten, muss ich etwas ausholen: Bereits Anfang 2000 gab es bei einigen Anbietern der Mobilfunkbranche die Vorstellung, dass das Internet langfristig mobil verfügbar sein wird.

IT-DIRECTOR: Was es mittlerweile ja auch ist ...
R. Barker:
Genau, wobei dies Anfang des Jahrtausends noch als Vision galt. Auf Basis dessen wurden verschiedene Modelle für ein dem mobilen Internet zugrundeliegendes Netz entwickelt. Dabei kamen die Anbieter zu dem Schluss, dass das bisherige Internetmodell insbesondere hinsichtlich der Zuverlässigkeit und Sicherheit nicht für eine mobile Welt geeignet sei.

Aufgrund dessen haben die Netzanbieter zunächst damit begonnen, die Probleme zu identifizieren. Anschließend haben sie sich mit den Endgeräteherstellern zusammengetan und das NGN-Konzept ins Leben gerufen. Zu den Initiatoren zählten dabei Anbieter wie IBM, Huawei, Ericsson und Nokia sowie seitens der großen Carrier O2, Vodafone oder Verizon.

Ein prinzipieller Unterschied zwischen NGN und einer herkömmlichen Netzinfrastruktur besteht darin, dass innerhalb der NGN-Architektur sämtliche Prozesse über IP ablaufen. Auf Basis entsprechender Standards schuf man dabei eine neue Infrastruktur, die es erlaubt, Applikationen in verschiedene Klassen aufzuteilen. Diese wiederum können sich auf ihrem Weg durch das Internet sehr unterschiedlich verhalten. Ein Beispiel: So sollte bei einem medizinischen Notruf, der über das IP-Netz übertragen wird, die Behandlung der Datenpakete anders laufen als z.B. bei sozialen Netzwerken wie Facebook.

IT-DIRECTOR: Es geht also um die Priorisierung von bestimmten Datenpaketen ...
R. Barker:
Generell sollte man die Anforderungen jedes einzelnen IP-Dienstes kennen und den Traffic für diesen Dienst so gestalten, dass er einerseits wirtschaftlich ist und andererseits ein Ausbaupotential besitzt. Dieses Vorgehen kommt einer radikalen Abkehr vom vorherigen Internetprinzip „One size fits all“ gleich. Denn um die Problematik der Durchsatzraten für immer mehr Daten zu lösen, erforderte dies immer höhere Bandbreiten.

IT-DIRECTOR: Aufgrund den aktuellen Trends hin zur mobilen Arbeitsweise, zum Internet of Things oder zur Industrie 4.0 werden Privathaushalte wie auch Unternehmen immer leistungsfähigere Netze benötigen, um die Daten schnell von A nach B zu senden. Wie lautet Ihre persönliche Einschätzung: Kann der hierzulande geplante Netzausbau diese zukünftig exorbitante Datenlast locker stemmen? Oder werden die Infrastrukturen über kurz oder lang darunter zusammenbrechen?
R. Barker:
Es könnte durchaus eng werden. Dies zeigt auch der aktuelle Stand beim LTE-Ausbau. Die ursprüngliche LTE-Standardisierung wurde in den Jahren 2004 und 2005 in einem internationalen Rahmen als reiner NGN-Dienst konzipiert. 2009 haben die Europäer jedoch einen Rückzieher gemacht und gemeint, LTE als ausschließlicher NGN-Dienst käme für alle viel zu teuer.

IT-DIRECTOR: Warum haben die Europäer das NGN-Konzept ausgebremst?
R. Barker:
Das weiß ich leider nicht genau. Es könnte jedoch darauf zurückzuführen sein, dass die Wurzeln der großen europäischen Telkos – mit nur wenigen Ausnahmen – auf die früheren staatlichen Monopolisten zurückgehen. Und noch heute besitzen die Regierungen bedeutende Aktienanteile an Unternehmen wie Telefónica, Telekom oder Orange (ehemals France Télécom).

Das NGN-Konzept steht für eine komplette und radikale Abkehr von der traditionellen Telefonie hin zu IP. Dies hätte zur Folge gehabt, dass die Telkos nicht nur in den Netzausbau, sondern auch in eine komplett neue Netzinfrastruktur hätten investieren müssen – mit sicherlich negativen Auswirkungen auf die Bilanzen dieser Firmen. Damit hätten die ehemaligen Monopolisten auch deutlich weniger Geld in die Staatskassen gespült. Und nicht zuletzt war es in den Jahren 2008/2009 deutlich schwieriger, die für den NGN-Ausbau benötigten Investitionen am Kapitalmarkt zu beschaffen. Vor diesem Hintergrund kam der NGN-Ausbau in Europa damals mehr oder weniger zum Stillstand. Den einzigen ernsthaften Versuch, ein NGN-Netz zur DSL-Anbindung einzuführen sowie zu betreiben, realisierte meines Wissens M-Net für die Stadtwerke in München.

IT-DIRECTOR: Wenn in Europa LTE nicht auf NGN-Technologien basiert – was nutzt man dann dafür?
R. Barker:
LTE basiert in Europa auf reinen Mobilfunktechnologien, eine IP-seitige Nutzung ist nicht möglich. Dabei betonten bereits in einer frühen Entwicklungsphase Experten des US-Anbieters Verizon, dass LTE ohne ein Fibre-Optic-Netzwerk nicht möglich sein wird. Allerdings ist auch der Ausbau von Fibre-Optic-Netzwerken in Europa längst ins Stocken geraten. Von daher weiß keiner, wie es in dieser Region mit dem weiteren Breitbandausbau weitergehen wird. Denn sollte man dafür andere Technologien als Fibre-Optic-Netzwerke heranziehen, gehört man massiv bestraft.

IT-DIRECTOR: Ist es für den NGN-Ausbau in Europa inzwischen nicht längst zu spät, insbesondere vor dem Hintergrund, dass man sich bereits 2009 dagegen entschieden hat. Wäre eine Umkehr nun nicht viel zu teuer und zu aufwendig?
R. Barker:
Dies könnte durchaus sein, wobei sich eine viel drängendere Frage stellt: Wie lange kann sich Europa noch gegen derartige globale Entwicklungen sperren? Denn die restliche Welt wird den NGN-Weg beschreiten – und dies mit oder ohne Europa.

IT-DIRECTOR: Sollte Europa diese Entwicklung weiter verschlafen, könnte der Kontinent – überspitzt formuliert – künftig ein einziger weißer Fleck auf der Kommunikationslandkarte darstellen?
R. Barker:
Ein guter Vergleich. Tatsächlich sieht es im Moment so aus, dass Europa gemeinsam mit Afrika, wo ebenfalls kein NGN-Ausbau stattfindet, ein weißer Fleck werden könnte.

Zudem spielt hier der Unterschied zwischen Internet-Service- und Transit-Providern mit hinein. Ein Internet Service Provider (ISP) stellt – vereinfacht gesprochen – das lokale Internet bereit, mitunter auch nur die sogenannte „Letzte Meile“. Oftmals fungieren diese Anbieter auch als „Reseller“ der Netze großer Telkos wie Arcor oder Telekom. Demgegenüber realisieren die Transit-Provider den globalen Internet-Traffic über Kontinente und Ozeane. In dieses Geschäftsfeld mogelt sich zunehmend auch Google, als großer Verfechter des NGN-Prinzips. Auf Basis solch privatwirtschaftlicher Initiativen könnten – komplett an den traditionellen „Telkos“ vorbei – entsprechende NGN-Infrastrukturen in Europa etabliert werden. Dann könnte Google als Transit- wie Internet-Service-Provider Unternehmen wie Endkunden eine direkte Anbindung ans Netz anbieten.

IT-DIRECTOR: Was bedeutet dies für die Zukunft?
R. Barker:
Sollten die europäischen Telkos zu lange zögern, verlieren sie massive Marktanteile. Denn eines ist sicher: Google wird mit einem Transitangebot auf den europäischen Markt kommen – vielleicht schon innerhalb der nächsten fünf Jahre.

Wie umtriebig der US-Anbieter ist, zeigt auch das Projekt „Google Fiber“, mit dem der Anbieter ein eigenes Glasfasernetz aufbaut. Der Aufbau dieser neuen Breitbandinfrastruktur begann bereits im Jahr 2011 in Kansas. Zudem gab man vergangenes Jahr bekannt, dass Google Fiber auch in Texas und Utah aufgebaut werden soll.

In diesem Zusammenhang sollte man auch die jüngsten Entwicklungen des Anbieters rund um das „Project Loon“ beachten. Mit diesem Forschungsprojekt will Google abgelegene Gegenden mit einem Internetzugang versorgen. Dazu schweben gasgefüllte Ballons in der Stratosphäre in Höhen von 20 bis 30 Kilometern über der Erde und dienen quasi als Hotspots. Eine Pumpe hilft, die Flughöhe zu regulieren, damit die Ballons in die Luftschicht gesteuert werden können, in der gerade der günstigste Wind herrscht. So lässt sich aus einer Flotte von Ballons ein dynamisches Netzwerk bilden, das große Gebiete abdecken kann.

IT-DIRECTOR: Aber möchte man der weltweit größten „Datenkrake“ überhaupt seinen Datenverkehr anvertrauen?
R. Barker:
Generell besitzen NGN-Infrastrukturen hohe Sicherheitsmechanismen sogar auf Architekturebene, womit sie als deutlich sicherer gelten als herkömmliche Netzinfrastrukturen. Aufgrund positiver Sicherheitserfahrungen in Asien und Nordamerika mit NGN brauchen auch europäische Unternehmen, die auf den NGN-Zug aufspringen wollen, keine Bedenken hinsichtlich der Sicherheit haben.

Bildquelle: Thinkstock/Stockbyte

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