High Performance Computing: Interview mit Gerd-Lothar Leonhart, Bull

Sicherheit in Private Clouds

Interview mit Gerd-Lothar Leonhart, Geschäftsführer der Bull GmbH sowie Vorstandsvorsitzender der Science + Computing ag, über aktuelle Leistungsgrenzen beim High Performance Computing (HPC) und den hohen Sicherheitsanspruch von Private-Cloud-Lösungen

Gerd-Lothar Leonhart, Bull

Gerd-Lothar Leonhart, Geschäftsführer der Bull GmbH: „Wir nutzen warmes Wasser, um die Hardware direkt zu kühlen."

Bereits im Mai dieses Jahres wurde bekannt, dass der IT-Dienstleister Atos die französische Bull-Gruppe übernehmen möchte. Durch den Zusammenschluss entsteht ein neues Schwergewicht der IT-Branche – etwa für Themen wie Cyber Security und Big Data. Zudem wir man künftig sogar als der größte europäische Anbieter für Cloud-Lösungen agieren können.

Die Bull-Gruppe selbst bringt einen Umsatz von rund 1,3 Mrd. Euro im Jahr 2013 sowie Standorte in über 50 Ländern mit in den neuen Verbund. Desweiteren setzt man auf klassische Infrastrukturthemen, Managed Services sowie umfangreiches Know-how beim High Performance Computing. Im Gespräch mit IT-DIRECTOR gibt Gerd-Lothar Leonhart, Geschäftsführer der deutschen Bull-Tochter in Köln, einen Einblick in aktuelle Projekte und Technologien, die auch künftig forciert werden sollen.

IT-DIRECTOR: Herr Leonhart, die Fotostrecke für dieses Interview entstand in der RWTH Aachen, wo man auch eine Ihrer High-Performance-Computing-Installationen finden kann. Welchen Stellenwert nimmt Supercomputing im Rahmen Ihrer Produktstrategie ein?
G. Leonhart:
Mit unserer Technologie agieren wir in diesem Hochleistungsbereich weltweit als wichtiger Anbieter. Neben der RWTH Aachen konnten wir in der Vergangenheit einige große Projekte gewinnen, erst kürzlich auch beim Deutschen Klimarechenzentrum (DKRZ) in Hamburg.

Sehr häufig kooperieren wir mit Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen, bei denen HPC-Installationen als Leuchtturmprojekte aufgesetzt werden. Dabei sprechen wir mit den Verantwortlichen insbesondere über die Effizienz solcher Highend-Systeme.

IT-DIRECTOR: Worauf kommt es dabei an?
G. Leonhart:
Im Vordergrund steht unter anderem der Energieverbrauch der Boliden. Da HPC-Installationen in der Regel eine Laufzeit von vier bis fünf Jahren besitzen, kommen zu den Anfangsinvestitionen in die Hardware stets hohe Energiekosten für den laufenden Betrieb hinzu. Hinsichtlich einer Optimierung der Energieeffizienz arbeiten wir mit mehreren Hochschulen zusammen. Eine davon ist die TU Dresden, mit der wir gemeinsam eine Technologie entwickeln, die den Energieverbrauch von einzelnen Rechenoperationen misst. Das erlaubt in der Zukunft, Rechenalgorithmen nicht nur hinsichtlich der Performance, sondern auch der Effizienz zu optimieren. Darüber hinaus setzen wir bei unseren Systemen auf Wasserkühlung, weil dies viel effizienter ist als Luftkühlung.

IT-DIRECTOR: Wie funktioniert dieses Kühlverfahren?
G. Leonhart:
Wir nutzen warmes Wasser, um die Hardware direkt zu kühlen. Das heißt, die auf den CPUs entstehende Hitze wird genau dort abgeführt, wo sie entsteht. Damit müssen die Anwenderunternehmen keine teuren Klimaanlagen anschaffen, die zunächst die warme Luft und erst anschließend die eigentliche Hardware herunterkühlen.

Desweiteren entstehen bei einer direkten Wasserkühlung positive Nebeneffekte: So nutzt die TU Dresden die Abwärme, um andere Gebäudeteile zu klimatisieren. Damit konnten wir den Energieverbrauch soweit senken, dass der PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) inzwischen bei 1,1 liegt - ein Spitzenwert.

IT-DIRECTOR: Ist es nicht gefährlich, die Prozessoren direkt mit Wasser zu kühlen?
G. Leonhart:
Sicherlich handelt es sich um eine technologische Herausforderung, allerdings wurden Großrechner bereits seit ihrer Entstehung immer wieder direkt mit Wasser gekühlt. Im Laufe der Zeit wurde diese Technologie kontinuierlich weiterentwickelt und inzwischen perfektioniert.

Unsere Verfahren basieren auf geschlossenen Wasserkreisläufen und sind so abgesichert, dass kein Wasser austreten kann. Das aufgeheizte Wasser wird über einen Wärmetauscher an andere Gebäudesysteme – etwa zum Heizen oder Klimatisieren – abgeführt. Dabei liegen die Wurzeln unserer Wasserkühlung in der Weltraumforschung, wobei wir stets mit einer speziellen Flüssigkeit arbeiten und alle Wasserkreisläufe getrennt voneinander vorhalten.

IT-DIRECTOR: Was für eine „spezielle“ Flüssigkeit ist das?
G. Leonhart:
Es handelt sich um destilliertes Wasser mit bestimmten Zusätzen, damit es auf Dauer absolut rein bleibt. Denn stehendes Wasser verdirbt mit der Zeit und könnte somit die Leitungen in der Hardware verschmutzen.

IT-DIRECTOR: Wenn Sie über High Performance Computing sprechen, meinen Sie damit Cluster oder einen einzelnen Supercomputer?
G. Leonhart:
Während früher monolithische Systeme dominierten, die speziell für einen Einsatzzweck entwickelt wurden, geht der Trend seit einigen Jahren dahin, viele Einzelsysteme über sehr schnelle Netzwerke als Cluster zu koppeln. Dabei besteht ein üblicher Clusterknoten aus einem Intel-Server mit in der Regel zwei Sockets für Prozessoren mit zehn bis 16 Kernen. Für spezielle Anwendungen bieten wir aber auch sogenannte „Supernodes“ an, die bis zu 16 Sockets und 240 Prozessorkerne pro Knoten unterstützen. Eine Technologie, die wir übrigens auch in unseren neuen, kommerziellen bullion-Servermodellen einsetzen.

IT-DIRECTOR: Apropos neue Servermodelle – mit dieser Generation wollen Sie auch das Lizenzmanagement vereinfachen ?
G. Leonhart:
Genau, denn mitunter weisen die Lizenzbedingungen für Software große Unterschiede auf. Insbesondere im Zuge der Virtualisierung steigt die Komplexität des Lizenzmanagements. Deshalb bieten wir Beratungsansätze, die für Transparenz sorgen sollen. Hierbei zeigen wir auf, wie man rechtliche Vorgaben einhält und wie die Anwenderunternehmen ihre Lizenzen bestmöglich verwalten sowie kostengünstig einsetzen können.

Dank der speziellen Architektur unserer bullion-Server benötigt man hier weniger Prozessoren für dieselbe Leistung wie in einer klassischen Blade-Architektur.  Der Kunde braucht weniger Sockets nutzen und zahlt damit auch weniger Lizenzkosten.

IT-DIRECTOR: Wie gestaltet sich das Lizenzmanagement bei den eingesetzten Datenbanken?
G. Leonhart:
Wir arbeiten eng mit Anbietern zusammen, die sich auf die quelloffene Datenbank PostgreSQL spezialisiert haben, beispielsweise mit Credativ aus Mönchengladbach. Gemeinsam mit den Niederrheinern analysieren wir, ob eine Datenbankmigration für den Kunden sinnvoll ist oder nicht. Ist der Umstieg sinnvoll, ermöglichen wir eine Migration auf die Open-Source-Datenbank. Dabei wollen sich insbesondere Nutzer von Oracle- bzw. DB2-Datenbanken vom Lizenzgebahren ihrer Anbieter befreien und auf leistungsfähige Alternativen wechseln. Gemeinsam mit Credativ können wir sämtliche Supportlevel für PostgreSQL übernehmen, wodurch die Kunden dieselbe professionelle Unterstützung erhalten wie für eine kommerzielle Datenbank.

IT-DIRECTOR: Zurück zu den Supercomputern. Worauf liegt der Fokus bei dem eingangs erwähnten HPC-Projekt beim Deutschen Klimarechenzentrum?
G. Leonhart:
Neben der Energieeffizienz konzentrieren wir uns hier auf die Ein- und Ausgabe, neudeutsch Input/Output (I/O). In diesem Zusammenhang wird beim DKRZ nicht nur das größte Cluster, sondern auch die größte Speichereinheit innerhalb Europas entstehen.

Gemeinsam mit den Hamburgern arbeiten wir daran, Algorithmen für die Verbesserung von Klimaberechnungsmodellen zu entwickeln. Dabei können wir auf unsere internationale Erfahrung im Umfeld der Klimaforschung zurückgreifen, da wir sowohl in Frankreich mit Météo France als auch in den Niederlanden mit dem KMNI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) zusammenarbeiten.

IT-DIRECTOR: Inwieweit können HPC-Systeme ihre Stärken in der freien Wirtschaft ausspielen?
G. Leonhart:
Über universitäre Leuchtturmprojekte hinaus trifft man insbesondere in der Automobilindustrie auf HPC-Szenarien, etwa wenn es um Konstruktions- sowie Simulationsszenarien geht. Weitere Highend-Installationen findet man bei Luftfahrtspezialisten wie EADS oder Airbus sowie zunehmend im Pharmaumfeld bei der Entwicklung von Medikamenten. Überhaupt wird HPC im gesamten Gesundheitsbereich groß geschrieben, man denke nur an die Verfahren in der Genom- oder Krebsforschung.

Nicht zuletzt entdeckt auch die Finanz- und Versicherungsbranche diesen Bereich mittlerweile für sich, etwa wenn es um Risikoberechnungen oder Monte-Carlo-Simulationen geht. Insbesondere vor diesem Hintergrund kann man High Performance Computing und Big-Data-Analysen eigentlich nicht mehr voneinander getrennt betrachten.

IT-DIRECTOR: Mit welchen Angeboten sind Sie hier unterwegs?
G. Leonhart:
Neben unseren „klassischen“ Supercomputern stellen wir mit „Extreme Factory“ unseren Kunden  HPC aus der Cloud zur Verfügung - frei nach dem Motto „Rent a Supercomputer“. So können sich auch kleinere Ingenieursbüros oder mittelständische Unternehmen High Performance Computing leisten.

IT-DIRECTOR: Big Data und HPC wachsen in Ihren Augen immer mehr zusammenwachsen. Wenn man aber umfangreiche Big-Data-Analysen bereits mit In-Memory-Technologien realisieren kann, wozu benötigt man dann noch einen Superrechner?
G. Leonhart:
Beide Technologien ergänzen sich. So bieten wir mit bullion S eine modulare Hardwareplattform, die von zwei bis zu 16 Sockets skalieren kann. Mit der neuen Intel Prozessorgeneration unterstützen diese Systeme bis zu 240 Prozessorkerne - ein im Markt einzigartiger Wert. Eine weitere Besonderheit der neuen Modelle ist, dass der Hauptspeicher bis zu 24 Terabyte flexibel erweiterbar ist. Dies ermöglicht es, riesige Datenmengen direkt im Hauptspeicher zu bearbeiten und bietet vor allem für das Big-Data-Umfeld großes Potential.

IT-DIRECTOR: Für wen lohnen sich solche Analysen?
G. Leonhart:
Entscheidend ist, was die Verantwortlichen mit den Ergebnissen anfangen. Denn es geht nicht allein darum, große Datenmengen willkürlich abzuspeichern, vielmehr muss man effektiv analysieren und daraus zielgerichtete Aussagen ableiten können.

Unsere Tochtergesellschaft science + computing betreut vorrangig Projekte aus der Forschung & Entwicklung der Automobil- und Hightechindustrie, wo genau solche großen Datentöpfe mit Konstruktions-, Simulations- sowie Testdaten beherrscht werden müssen. Dabei stellt sich neben der effizienten Handhabung der Datenmengen auch die Frage nach der Sicherheit.

IT-DIRECTOR: Wie kann man etwaige Sicherheitsrisiken ausschließen?
G. Leonhart:
Insbesondere Private-Cloud-Umgebungen versprechen ein hohes Maß an Sicherheit. Denn hier sind die Unternehmensdaten nicht für Dritte zugänglich und können somit auch nicht in falsche Hände geraten.

IT-DIRECTOR: Mit welchen Methoden gewährleisten Sie Cloud-Sicherheit?
G. Leonhart:
Zu unserem Firmenverbund zählt der Sicherheitsspezialist Evidian, der auf Zugangslösungen wie Identity- und Access-Management sowie Single Sign-on spezialisiert ist. Überdies besitzen wir selbstentwickelte Ansätze, mit denen wir Cyberattacken genau analysieren können. Und wir arbeiten mit der Methode „Friendly Attacks“. Dabei versuchen offiziell beauftragte Hacker, in firmeneigene Systeme einzudringen, wodurch sich sämtliche Schwachstellen aufspüren lassen.

Nicht zuletzt verfügen wir als IT-Serviceanbieter über entsprechende Sicherheitszertifizierungen, darunter ISO 27001 oder ISO 9001. Denn ohne solche Nachweise hat man bei Ausschreibungen oftmals schlechte Karten. Da wir als Dienstleister beispielsweise den reibungslosen Mailverkehr des Deutschen Bundestages realisieren, müssen wir sämtliche Zertifizierungsprozesse des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) durchlaufen. Dafür müssen unsere Mitarbeiter etwa einer Ü2-Zertifizierung für den Zugang zu geheimen Verschlusssachen entsprechen.

IT-DIRECTOR: Welchen Stellenwert besitzt in diesem Rahmen die mobile Sicherheit?
G. Leonhart:
Im vergangenen Jahr starteten wir mit „Hoox“ eine Initiative für sichere Telefonie. Dabei handelt es sich um einen von uns entwickelten Chip für ein spezielles Smartphone. Neben der Hardware stellen wir auch die darunterliegende Infrastruktur – sprich das Sicherheitspaket – zur Verfügung, wobei die Basis ein gehärtetes Android-Betriebssystem darstellt.

IT-DIRECTOR: Wie läuft dies in der Praxis ab?
G. Leonhart:
Kommunizieren Personen jeweils über unser Smartphone-Modell, wird eine umfängliche End-to-End-Verschlüsselung möglich – sowohl für die Sprachübertragung als auch für E-Mails oder Kurznachrichten. Will man mit anderen Geräten kommunizieren, kann man per Knopfdruck auf eine herkömmliche Kommunikation umstellen.

IT-DIRECTOR: Welche Komponenten machen eine sichere Kommunikation aus?
G. Leonhart:
Wir bieten die Serverinfrastruktur und damit verbunden ein Mobile Device Management (MDM). Zudem verfügen die Geräte über einen Fingerabdrucksensor. Zu den Zielgruppen des Devices zählen neben Behörden auch Top-Manager von Großunternehmen und Konzernen, die darüber streng vertrauliche Geschäfte abwickeln können.


Gerd-Lothar Leonhart
Alter: 57 Jahre
Beruflicher Werdegang: Vor seiner Zeit bei Bul und s+c war Gerd-Lothar Leonhart bei IBM zuletzt verantwortlich für das Business Development in Deutschland –für die Branchen Automobil, Luft- und Raumfahrt und High-Tech. In seiner Zeit bei IBM hat er zudem den Aufbau von Outsourcing Business Units verantwortet, neue Geschäftsfelder und Dienstleistungen für den Mittelstand entwickelt und die Markteinführung und den Vertrieb anspruchsvoller Produkte und Dienstleistungen geleitet.
Derzeitige Position: Geschäftsführer Bull Deutschland GmbH, Vorstandsvorsitzender science + computing ag
Hobbys: Segeln, Wandern, Kochen

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