07.07.2017 Autohersteller im Labor

So tickt das Digital Lab von Volkswagen

Mit einem Digitallabor in Berlin will Volkswagen die Start-up-Mentalität im eigenen Konzern stärken. Gemeinsam mit dem Software-Anbieter Pivotal setzt man dabei auf agile Methoden und direkte Kommunikation.

  • Pivotal in San Francisco

    Die Zentrale von Pivotal in San Francisco: Hier arbeiten die Entwickler in "Pairs", gemeinsam mit einem anderen Entwickler, Designer oder Produktmanager.

  • Designprozess bei Pivotal

    Der Designprozess bei Pivotal: Enge Feedback-Schleifen und ständige Kommunikation sind elementare Bestandteile des Produktentwicklungsprozesses.

Volkswagen setzt für seine Zukunft auf Software für Mobilitätsdienste und fahrerlose Autos. Dafür stellt das Unternehmen 1.000 IT-Experten ein. Im Dezember startete die neue VW-Tochter Moia, die software-gestützte Services von Pendler-Shuttles bis hin zum autonomen On-Demand-Transport entwickelt. Weitere digitale Dienste will Volkswagen im „Digital:Lab“ in Berlin entwickeln, in Kooperation mit dem Enterprise-Software-Start-up Pivotal. Das Lab soll digitale Produkte mit Methoden aus der agilen Software-Entwicklung und dem Konzept des “Lean Start-up” rasch auf den Markt bringen. In Zukunft wird es sogar ein Netzwerk solcher Labs im Konzern geben.

Stephan Hagemann, Ingenieur und Director bei Pivotal betont, dass der Lab-Ansatz das Unternehmen für neue Ideen öffnet und ein kreatives Umfeld schafft. Der Ansatzpunkt für die Zusammenarbeit: Die VW-Geschäftsbereiche konnten digitale Dienste bisher nur langsam liefern. „Wir arbeiten in Berlin viel schneller“, sagt Hagemann. „Eine Zusammenarbeit mit uns aktiviert die Unternehmen. Die Teams in Berlin sind Teil einer Transformation, die Volkswagen von einem reinen Hersteller zu einem Mobilitätsanbieter macht.“

Ziel des Labors ist nicht nur die schnellere und bessere Entwicklung, sondern auch die Änderung der gesamten VW-Unternehmenskultur. „Es geht nicht um das Was, das Wie ist interessant“, sagt Hagemann. „Wir unterstützen die Geschäftsbereiche mit der Pivotal-Methode, die sich sehr stark von der bisherigen Vorgehensweise unterscheidet.“

Start-ups als Modell

„Das Geheimnis der Veränderung ist die Kultur“, sagt Hagemann. Im Digitallabor mit seinen 50 Mitarbeitern gibt es eine Start-up-Kultur. Hier arbeiten die Mitarbeiter in kleinen, eigenständigen Teams aus Entwicklern, Designern und Produktmanagern. Jede Arbeitsgruppe ist für den ganzen Produktlebenszyklus verantwortlich. Das ist eine Revolution für ein Unternehmen, in dem sonst nur Lenkungsausschüsse in der Zentrale wichtige Entscheidungen treffen dürfen. Wenn ein VW-Geschäftsbereich jetzt eine Idee entwickeln will, geht ein Produktmanager aus Wolfsburg nach Berlin und arbeitet mit dem Entwicklungsteam zusammen.

Nach der Pivotal-Methode gehen die Mitarbeiter bestimmte Aufgaben in Zweierkonstellationen an. Die einzelnen Mitglieder der Paare wechseln regelmäßig. Dadurch verteilt sich das Wissen gleichmäßig im gesamten Projektteam. Basis der Arbeit ist ständige Kommunikation. Hagemann: „Das verändert die Kultur positiv.“ Darüber hinaus sorgt die Methode für eine vielfach kürzere Entwicklungszeit und Software, die sich am Bedarf des Anwenders orientiert.

Am Ende jeder Woche gibt es Besprechungen, in denen die Teams sich darüber austauschen, was gut funktioniert hat und was verbessert werden sollte. Diese Rückmeldungen von Kollegen sind sinnvoller als die von Vorgesetzten, die gar nicht im Team arbeiten. „Es geht nicht darum, Schuldige zu finden, jemanden zurückzusetzen oder sich über ihn zu erheben. Es geht um Lernprozesse, individuell und in der Gruppe. Wir bemühen uns, ständig besser zu werden“, betont Hagemann. In den Meetings ist es deshalb üblich, nicht zu bewerten, sondern vor allem Hilfe anzubieten – ein Unterschied zu anderen Unternehmen, der für zufriedenere und besonder produktive Mitarbeiter sorgt.

Ein Digitallabor kann die Unternehmenskultur von Volkswagen nur dann beeinflussen, wenn es nicht vom Rest des Konzerns getrennt ist. Die Mitarbeiter im Lab sollen sich nach wie vor als VW-Mitarbeiter fühlen. Deshalb gehen die Manager von Wolfsburg nach Berlin. Sie bearbeiten dort zusammen in den Lab-Teams strategische Ziele und erhalten so einen neuen Blick auf die Zukunft. „Solche gemeinsamen Teams sind ein wichtiger Baustein für die digitale Transformation eines Unternehmens“, meint Hagemann. „Das Lab ist einer der Vorreiter der zukünftigen Mobilität im Volkswagen-Konzern. Seine Mitarbeiter können stolz darauf sein.“

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