IT-DIRECTOR: Frau Peter, welchen Vorteil bringt das Auslagern von Software-Entwicklung/-Weiterentwicklung, Support und/oder Testing-Services mit sich?
U. Peter: Mit dem Auslagern von Software-Entwicklung, Support und Services lassen sich interne Geschäftsprozesse vereinfachen und optimieren. Man greift dabei nicht mehr auf interne Ressourcen zurück, so dass die Mitarbeiter sich auf andere Aufgaben konzentrieren können. Zudem ist in diesem Zusammenhang das Problem des Fachkräftemangels ein ganz wichtiges Stichwort. Denn laut einer Bitkom-Umfrage haben in der Branche der Informationstechnologie Software-Firmen und IT-Service-Dienstleister den größten Bedarf an Fachkräften. Sie bieten ihren Kunden oft entsprechende Technologien und Lösungen an, um die IT-Landschaft effizient zu gestalten und Prozesse zu optimieren. Gerade hier sind professionelle Entwickler und Strategen gefragt. Nun sind diese aber derzeit in Deutschland Mangelware, so dass sich der Blick ins Ausland und auf spezielle Outsourcing-Modelle lohnt. Aber nicht nur Ressourcenmangel und Kostendruck sind die Treiber, sondern auch die Tatsache, dass sich die Qualität erhöhen lässt, indem man auf echte Experten zurückgreift – ganz gleich, wo auf der Welt sie sich befinden.
IT-DIRECTOR: Inwiefern spielen kulturelle Unterschiede eine Rolle (bspw. bezüglich der Sicherheit), wenn ein Unternehmen auf Nearshore-/Offshore-Zentren zurückgreift?
U. Peter: Die Märkte verändern sich, die Welt wird internationaler, Unternehmen stehen unter Druck, Mehrwerte zu liefern – und das schneller und flexibler als der Wettbewerb. Diese Entwicklung bewegt Unternehmen schlichtweg dazu, die besten Ressourcen zu nutzen. Unser lokales Frontend in Deutschland hat Verständnis für die Anforderungen der Kunden und ist dadurch besser in der Lage, Planung, Analyse, Design, Organisation und Qualitätssicherung nach hiesigen Maßstäben durchzuführen – die Umsetzung erfolgt in Indien. Die Inder haben eine sehr hohe Bereitschaft, Aufgaben sofort in die Tat umzusetzen. Sie sind flexibler und scheuen sich nicht davor, auch am Wochenende zu arbeiten, um Terminvereinbarungen zu treffen. Aufgrund ihrer stark ausgeprägten Teamfähigkeit sind sie in der Lage, auch große Projekte effizient umzusetzen.
Zum Thema Sicherheit: Inder sind risikofreudiger, wenn es um Innovationen geht und wenn es darum geht, neue Wege zu beschreiten, aber keinesfalls im Sinne von „nachlässig arbeiten“. In Indien existieren genauso Compliance-Vorgaben wie es sie in Deutschland gibt. Es wird ein großer Wert auf IT-Sicherheit und Datenschutz gelegt. Gerade in den vergangenen Jahren ist dieses Thema verstärkt in den Fokus gerückt. Denn Indien war bereits mehrfach mit Spionageversuchen konfrontiert. Aus diesem Grund plant der indische Staat derzeit die Entwicklung eines eigenen Betriebssystems, um Hackerangriffe abzuwehren und die Sicherheit nachhaltig zu erhöhen.
IT-DIRECTOR: In welchen Fällen sollte man sich eher für Nearshoring und wann für Offshoring entscheiden?
U. Peter: Letztlich verfolgen beide Modelle das gleiche Ziel: Qualität steigern, interne Ressourcen und finanziellen Aufwand schonen. Nearshoring verfolgt das primäre Ziel, durch die räumliche und kulturelle Nähe insbesondere auf dem europäischen Markt den Personalbedarf auszugleichen. Wenn es um die Auslagerung ganzer Prozesse oder vollständiger Abteilungen geht, sollte man sich jedoch auf die jeweiligen Stärken der einzelnen Ländern konzentrieren und nicht auf die räumliche Distanz – nur so erschließt man sich die höchsten Potentiale.