14.02.2017 Digitale Arbeitsplätze

Unternehmen wollen keine flexiblen Arbeitsplatzkonzepte

Von: Ingo Steinhaus

Viele Unternehmen nutzen digitale Arbeitsplätze, reizen die Möglichkeiten aber oft nicht aus - der Anwesenheitswahn regiert.

Die Revolution geschieht in aller Heimlichkeit: In vielen Unternehmen werden die Arbeitsplätze digital, virtuell und mobil. Zum einen haben sich Mobilgeräte als alltägliches Werkzeug durchgesetzt, zum anderen sind Desktop-Systeme heute nicht mehr in jedem Fall eigenständige Computer mit lokal installierter Software.

Enterprise Mobility im heutigen Sinne ist etwa so alt wie das iPhone, also ein gutes Jahrzehnt erst in der Diskussion. Trotzdem hat sich das Thema auf breiter Front durchgesetzt. 2016 hat das Statistische Bundesamt den Einsatz von Information-und Kommunikationstechnologie in der Wirtschaft untersucht. Dabei zeigte sich, wie stark sich mobile Arbeitsplätzen durchgesetzt haben - in der Gesamtwirtschaft bieten etwa 60 Prozent der Unternehmen ihren Mitarbeitern einen mobilen Zugang an.

Allerdings gibt es einen bemerkenswerten Unterschied: Kleinere Unternehmen mit weniger als 50 Beschäftigten sind im Rückstand, nicht einmal zwei Drittel von ihnen erlauben das mobile Arbeiten. Bei großen Unternehmen mit 250 oder mehr Beschäftigten dagegen ist der mobile Arbeitsplatz Alltag, etwa 94 Prozent nutzen ihn. Parallel zu dieser Entwicklung lief eine verstärkte Virtualisierung. Zwar propagieren die Anbieter schon seit geraumer Zeit virtuelle Desktops, doch erst seit wenigen Jahren steigt die Nachfrage, befördert durch eine zunehmend breitbandige Vernetzung. Und im Zuge der häufig in 5-Jahres-Zyklen ablaufenden Erneuerung der Arbeitsplatzrechner werden sie nun stärker virtualisiert.

Virtualisierung senkt Kosten und verlängert Nutzung

Die Verlagerung der kompletten Arbeitsumgebung eines Mitarbeiters vom lokalen Rechner in das Rechenzentrum hat Vorteile. Virtuelle Arbeitsplätze können schneller und unkomplizierter bereitgestellt und verwaltet werden. Alle notwendigen Aufgaben sind leicht automatisierbar, etwa mit DevOps-Tools wie Chef oder Puppet. Allerdings: Voraussetzung ist eine hochverfügbare und redundant ausgelegte IT-Infrastruktur. Ausfälle dürfen nicht mehr vorkommen, da sie sofort einen kompletten Stillstand der Arbeit bewirken.

Diese Bedingung dürfte kleinere und mittelgroße Unternehmen ohne eigenes Rechenzentrum überfordern, aber auch manche IT-Organisation in größeren Firmen an den Rand des möglichen und finanzierbaren bringen. Doch gerade die zentrale Bereitstellung von virtuellen Infrastrukturen erlaubt es, sie deutlich einfacher als manch anderen IT-Service auszulagern. Es gibt inzwischen eine Reihe von Anbietern, die sich auf Virtualisierung spezialisiert haben. Dabei wird nicht einfach nur der Desktop ausgeliefert, sondern auch gleich die zugehörige Software wie Office 365 oder SAP-Anwendungen sowie eine umfassende Enterprise Mobility mit Device Management.

Ein weiterer Vorteil der Virtualisierung: Ältere Desktoprechner können über die gewohnten Abschreibungszyklen hinaus weitergenutzt werden. Die via Netzwerk „gestreamten“ Desktops stellen zumeist geringere Anforderungen an Speicherkapazitäten als lokal installierte Software. Dadurch wird der Lebenszyklus vorhandener PC deutlich verlängert. Zudem können die Unternehmen Zug um Zug Desktops durch Thin Clients ersetzen, die beispielsweise mit einem schlanken Embedded-Betriebssystem wie „Windows 10 IoT Enterprise“ arbeiten. Nach einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT haben solche abgespeckten Arbeitsplatzrechner enorme Kostenvorteile. Die Forscher haben ein Szenario mit 100 Arbeitsplätzen durchgerechnet, bei dem durch Thin Clients insgesamt rund 1000 Euro pro Arbeitsplatz gespart werden.

Traditionelle Arbeitsplatzkonzepte werden erzwungen

Doch das sind nicht die einzigen Vorteile einer solchen Arbeitsplatzlösung. Es ist außerdem möglich, einen einheitlichen Arbeitsplatz auch auf Mobilgeräten oder anderen, nicht zum Unternehmen gehörenden Computern einzusetzen - etwa zu Hause. Eine kürzlich erschienene Studie von TECHnalysis Research hob hervor, dass in den USA inzwischen die meisten Angestellten weniger als die Hälfte ihrer Wochenarbeitszeit im klassischen Büro verbringen. Dabei ist trotz gegenläufiger Einzelaktionen das Homeoffice im Aufwind. Und es entspricht auch den Bedürfnissen der Mitarbeiter: An der Spitze der Wünsche an die Unternehmen steht eine möglichst hohe Flexibilität bei Arbeitszeit und -ort.

Letztlich ermöglichen moderne digitale Arbeitsplätze genau diese Flexibilisierung. In der Vergangenheit waren die nur im Unternehmen vorhandenen Arbeitsmittel der Grund für Anwesenheitspflichten. Doch inzwischen ist das in vielen Berufen und an immer mehr Arbeitsplätzen anders. Eine ständige Anwesenheit ist lediglich dem konservativen Denken des Managements geschuldet. So geht aus den Zahlen des statistischen Bundesamtes hervor, dass viele Unternehmen versuchen, traditionelle Arbeitsplatzkonzepte mit strenger Regulierung durchzusetzen.

Einige Beispiele: Überraschenderweise haben etwa 20 Prozent der Mitarbeiter keinen Zugang zu ihren Firmen-E-Mails von außen. Mehr als die Hälfte dürfen unterwegs nicht mit Business-Dokumenten arbeiten. Und gut zwei Drittel der Unternehmen verweigern den mobilen Zugriff auf Business-Anwendungen. Dieser enorme Nachholbedarf ist erstaunlich, denn grundsätzlich ist die Technologie vorhanden und bedeutet beim Einsatz eines Serviceproviders überschaubare Investitionen. Das weist eher darauf hin, dass sehr viele Unternehmen nicht willens sind, die Infrastruktur aufzubohren und ihre Prozesse zu verändern.

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