Interview mit Arne Jensen, Polycom

Videotelefonie für alle

Arne Jensen, Director Sales Enterprise Accounts Germany bei Polycom, spricht im Interview über die Strategie des Videotelefonie-Anbieters, die neue Vertrautheit der Anwender mit Videolösungen und welche Branchen davon profitieren können.

Arne Jensen, Polycom

Arne Jensen, Director Sales bei Polycom

IT-DIRECTOR: Bereits im Herbst 2012 gab es zahlreiche Ankündigungen und Neuigkeiten aus Ihrem Haus. In welche Richtung geht es weiter und was bedeutet dies für die Anwenderunternehmen?
A. Jensen:
Zum einen betreffen die Ankündigungen unsere strategische Ausrichtung: Wir entwickeln uns dahingehend weiter, dass wir uns von einem klassischen Videokonferenz-Hardware-Anbieter in ein Softwareunternehmen transformieren. Das zeigt sich in den neuen Lösungen, die wir angekündigt haben. Für die Anwender bedeutet dies, dass wir Video einer breiteren Anwendermasse zur Verfügung stellen wollen und die Basistechnologie anbieten, unterschiedlichste Video-Anwendungs-Clients miteinander zu verknüpfen.

In der Vergangenheit war Videoconferencing auf Besprechungsräume in Unternehmen beschränkt. Trend aber ist, dass Video in Consumer-Anwendungen und -Applikationen Einzug hält. Im Endkundenbereich geschieht das über soziale Plattformen wie Facebook, Skype oder Google Talk. Wir wollen nun klassische Enterprise-Lösungen mit neuen Technologien verbinden, die in der Lage sind, diesen großen Markt von hundert Millionen potentiellen Kunden und Partner über Video miteinander zu verknüpfen.

IT-DIRECTOR: An welche Branchen denken Sie dabei?
A. Jensen:
Unsere Ankündigungen sind beispielsweise für beratungsintensive Branchen interessant. Versicherungen oder Banken müssen ihre Produkte den Kunden detailliert erklären und intensiv über ihre Dienstleistungen informieren. Noch sind die teuren Berater häufig in ihren Bezirken als klassische Handlungsreisende unterwegs. Das kann man über Video abdecken.

IT-DIRECTOR: Wären solche Szenarien denkbar, wenn es um Kundeservice geht? Kann Video die telefonischen Hotlines ersetzen?
A. Jensen:
Ersetzten nicht, viele Kunden wollen ungekämmt zuhause ungern vor der Kamera sitzen. Es geht eher um Beratungsterminals an öffentlichen Plätzen, an Bahnhöfen und Flughäfen. Die können helfen, wenn man den Zug verpasst hat, aber um den Flieger zu erwischen, schnellstmöglich die nächste Verbindung kennen muss. Viele Menschen scheitern in dieser Situation an den Automaten. An einem Terminal könnten sie in einem Call Center jemanden per Video erreichen, der sich bemüht, die passenden Anschlüsse oder ein Taxi zu finden.

IT-DIRECTOR: Sie sprachen an, dass sie die Softwarebasis ausbauen wollen. Sie haben sehr viele Partnerschaften mit Softwareherstellern, die ergänzende Möglichkeiten für die Videotelefonie bereitstellen. Wie passt das zusammen?
A. Jensen:
Sehr gut, denn wir können das Rad nicht permanent neu erfinden. Es gibt schlichtweg Anbieter, die den Unternehmensrechner durch ihre Applikationen beherrschen. Microsoft, IBM oder auch Cisco decken 85 bis 90 Prozent des gesamten PC- und Desktop-Marktes mit ihren Applikationen ab. Es wäre vermessen von uns, den Entwicklungsvorsprung, den solche Unternehmen  mit sich bringen, durch konkurrierende Applikationen angreifen zu wollen. Das ist nicht unsere Intention. Vielmehr wollen wir bewährte Anwendungen mit unseren Produkten und Lösungen ergänzen und veredeln.

IT-DIRECTOR: Dazu sind sicherlich offene Schnittstellen und Standards wichtig?
A. Jensen:
Ja, die Schnittstellen sind offen. Der Ansatz ist, dass wir Lösungen mit einbringen, die standardisiert sind und interoperabel. Wichtig ist, dass diese Anwendungslinien mit bestehenden Videokonferenzsystemen kommunizieren können.

IT-DIRECTOR: Engagiert sich Polycom für Standards und Zertifizierungen in nationalen und internationalen Gremien? Wo ist das verortet und wer sind da die Treiber?
A. Jensen:
Wichtige Gremien sind für uns die Internationale Fernmeldeunion (ITU) und das Unified Communications Interoperability Forum (UCIF). Das sind die großen Foren, in denen Hersteller und Unternehmen zusammenkommen, um Standards zu definieren. Wir haben mit unserem neuen SVC-Format publik gemacht, dass wir es der ganzen Branchen ohne Lizenzgebühren zur Verfügung stellen, im Sinne einer flächendeckenden Standardisierung. SVC-Technologie kann mehr Teilnehmer zusammenschalten und einen höheren Markt adressieren. Zudem sind wir Gründungsmitglied eines weiteren Forums, des Open Visual Collaboration Consortium (OVCC). Dahinter steckt ein weltweiter Zusammenschluss von Herstellern und Serviceprovidern, die sich dazu verpflichten, Videoanwendungen und -applikationen über unterschiedliche Anwendernetze leistungsmerkmaltransparent zu übertragen.

IT-DIRECTOR: Muss ein Anwender, der auf Videotelefonie setzen will, seine Netzinfrastrukturen erneuern, weil die Bandbreiten in die Knie gehen könnten?
A. Jensen:
Nein. Wenn sich Video aus dem Besprechungsraum heraus zunehmend an die Arbeitsplätze und auf die Smartphones verlagern soll, dann müssen wir auch die entsprechende Technologien zur Verfügung stellen, damit der Mittelständler nicht sein ganzes Netz neu aufbauen muss. Die Frage, die sich zukünftig für die Kunden stellt ist nur noch: ‚Möchte ich die Technologie in meinem Rechenzentrum selbst betreiben oder beziehe ich sie gleich aus der Cloud?’

IT-DIRECTOR: Bieten Sie dementsprechend Videoconferencing-as-a-Service an?
A. Jensen:
Wir bieten die Technologie dafür. Darauf aufbauend muss ein Serviceprovider die Services aus seinem Netzwerk anbieten, das beinhaltet Dienstleistungen, Leistungsverrechnungen und Reports.

IT-DIRECTOR: Arbeiten Sie mit Serviceprovidern zusammen?
A. Jensen:
Wir haben alle großen internationalen Serviceprovider als Direktpartner gewonnen. Bei allen steht Video als künftiges Geschäftsfeld auf der Agenda, aber es gibt deutliche Unterschiede in den Umsetzungsgeschwindigkeiten.

IT-DIRECTOR: Wie hoch sind die Kosten für eine Verbindung?
A. Jensen:
Das ist leider eine Frage wie ‚Was kostet einmal Auto fahren?’. Der Preis ist abhängig von den Verbindungskosten von A nach B, dem Netzwerk und der Teilnehmerzahl. Ein weiterer Faktor ist die Infrastruktur, die der Provider im Rechenzentrum vorhalten muss. Gehören dazu Absicherungen, damit die Verbindung nicht abreißt? Soll das ganze redundant gestaltet sein? Wollen Anbieter und Anwender bestimmte Service Level Agreements vereinbaren? Soll eine Konferenz zu 100 Prozent in einer bestimmten Qualität zustande kommen, sind Backupleitungen und zusätzliche Bandbreiten nötig, die sich der Provider honorieren lässt.

Über kurz oder lang werden die Videokonferenzen sich preislich in einem ähnlichen Bereich wie Telefonie bewegen. Videokollaboration wir der flächendeckende Standard werden. Dazu tragen auch die soften Effekte der Zusammenarbeit bei, die sich in international verteilt sitzenden Teams positiv auswirken.

IT-DIRECTOR: Was sind dabei die Vorteile gegenüber klassischen Kommunikationsmitteln?
A. Jensen:
Einer unserer Kunden aus der Pharmabranche hat sich an seinen Entwicklungsstandorten Räume mit sehr großen Monitoren angelegt. Diese sind permanent verbunden, die Teams konferieren so und Projektmitarbeiter können sich in dem Raum Produkte vorhalten, sie drehen und zeigen. Zur Produkt- und Hardwarebemusterung ist diese permanent geschaltete Zusammenarbeit sinnvoller, als Projektschritte per E-Mail auszutauschen oder Softwarepakete zu übergeben. Die Videolösung führt zu einer Effizienzsteigerung, die sich auf das Gesamtergebnis auswirkt.

IT-DIRECTOR: Wie bringen sie die Technik über Konferenzräume hinaus auf die einzelnen Desktops?
A. Jensen:
Der Außendienst besitzt heute keinen stationären Desktop mehr, sondern arbeitet mit Laptops, Smartphones oder Tablets. Diese Geräte der neuen Generation haben zu 98 Prozent Kameras integriert und können entsprechend mit Mikrofon und Lautsprecher oder einem Headset sofort als Videodevice genutzt werden.

IT-DIRECTOR: Über welche Verbindungen wird konferiert?
A. Jensen:
Der Trend von ISDN-Videokonferenzen nimmt sehr stark ab, der Verbindungsaufbau ist zu komplex und die Auflösungen sind nicht so hoch, wie die, die wir heute über Internet oder Ethernet aufbauen können. Das ist auch der wesentliche Unterschied, warum wir nicht mehr von klassischem Videoconferencing sprechen. Es geht um visuelle Kollaboration: Zusammenarbeit mit einer Videoübertragung, die deutlich und lebensecht ist.

IT-DIRECTOR: Viele Mitarbeiter im Home Office klagen dennoch, dass die sozialen Kontakte, der Kaffee in der Küche, fehlt.
A. Jensen:
Sie werden lachen, aber man kann auch über Video ein Feierabendbier zusammen trinken.

IT-DIRECTOR: Als die E-Mail in die Unternehmen kam, hat man sich Policies und Regeln gegeben, wie Anrede, Anschreiben und Signatur. Haben sie bezüglich der Videotelefonie Tipps für die Anwenderunternehmen?
A. Jensen:
Eine Videoetikette ist vor allem dann notwendig, wenn verschiedene Standorte kollaborieren oder sich die Partner nicht persönlich kennen. In großen Besprechungsräumen, im Stimmengewirr kann man schlecht heraushören, wer auf der Gegenstelle spricht. Wir haben deswegen die EagleEye Director Technologie entwickelt: Die Lösung bietet eine „Autoregie“ durch zwei Videokameras. Eine Kamera nimmt in der Zentralen auf und unsere Lösung identifiziert den aktiven Sprecher über eine Sprach- und Gesichtserkennung, der dann mit einer zweiten Kamera gefilmt wird. Für die Gegenstelle ist das wie eine Kinoregie. Sie haben eine direkte Umschaltung in den Bildern und immer den aktiven Sprecher im Bild. Das macht das Verhalten in Videokonferenzen sehr viel einfacher und angenehmer für den Besprechungsteilnehmer. Zudem helfen einfache Hilfsmittel wie Namensschildern an den Revers, um die Personen auf der Gegenseite zu identifizieren.

IT-DIRECTOR: Wie ist das Videogespräche abgesichert?
A. Jensen:
Wir stellen sicher, dass innerhalb unserer Infrastruktur ein definierter Raum abgesichert ist. Der ist von der einen Seite der Schleuse öffentlich zu erreichen, von der anderen Seite ist ein sicherer Übergang zu den Firmennetzwerken gewährleistet. Informationen können rein und raus, aber nur dort, in diesem definierten Meeting-Raum.

Innerhalb eines geschlossenen Fimennetzwerkes kann man sicher kommunizieren und hohe Vertraulichkeit-Meetings abhalten. Sobald jemand über das Internet dazukommt, muss sichergestellt sein, das garantiert nur diese Person hereingelassen wird. Dafür gibt es heute Technologien.  Beim Thema Abhörmethodik ist die Gefahr eingeschränkt, da wir heute die Daten mit Standardtechnologien verschlüsseln können, die wir von Haus aus mitbringen.

IT-DIRECTOR: Wird die Verbindung dadurch nicht langsamer oder schlechter in der Qualität?
A. Jensen:
Es wird nicht spürbar, aber messbar langsamer. Aber es erhöht eben die Sicherheit. Unternehmen sollten jedoch vor allem bedenken: Der gefährlichste Missbrauch geschieht im eigenen Haus, der menschliche Faktor ist riskanter als der technologische.

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