17.05.2017 Ein Blick ins RZ

Warum Mainframe und Moderne kein Gegensatz sind

Von: Heidi Schmidt

Allen Unkenrufen zum Trotz: Nach wie vor ist der Mainframe ein fester Bestandteil der IT-Infrastruktur von Banken, Versicherungen, Handelsunternehmen, Automobilherstellern und staatlichen Einrichtungen.

Rechenzentrum

Das moderne Rechenzentrum kann auch heute noch von Mainframe-Technologien profitieren.

In den eingangs genannten Unternehmen spielt der Mainframe seine Stärken voll aus: maximale Performance bei unschlagbar hoher Ausfallsicherheit. Auf keinem anderen System können so viele Anwender gleichzeitig arbeiten und so viele Applikationen parallel laufen. Außerdem punktet die Plattform durch ihre hohe Sicherheit in Zeiten regulatorischer Anforderungen ganz besonders.

Das viele Jahre diskutierte Kostenthema ist dabei heute kaum mehr tragfähig: die Gesamtkosten der Plattform fallen geringer aus als die von ähnlich leistungsfähigen und ausfallsicheren Systemen auf Basis von x86-basierten Servern. Denn anstelle weniger Mainframes werden hiervon schnell Tausende benötigt, um denselben Transaktionsdurchsatz zu erreichen. Das kostet mehr Strom, Platz und Administratoren. Die Software- und Support-Kosten sind ebenfalls enorm, denn auch unter Linux, Unix und Windows ist nicht alles Open Source und führt bei Herstellern wie SAP oder Oracle zu neuen Abhängigkeiten, die es auf dem Mainframe mit maßgeschneiderten Individuallösungen nicht gibt.

Nichtsdestotrotz verbinden viele IT-Verantwortliche den Mainframe nicht mit dem Stichwort „modernes Rechenzentrum“ oder denken teilweise sogar über eine Ablösung nach. Hinterfragt man diesen Gedanken, stellt sich heraus, dass er von drei Problemen genährt wird:

1. Die IT-Abteilungen haben Schwierigkeiten, die gewachsenen Anwendungen effizient weiterzuentwickeln. Dadurch ist das Unternehmen in seiner Innovationsfähigkeit gehemmt.

2. Die Verrentung der Mainframe-Experten schreitet voran. Der Fachkräftemangel erschwert die Besetzung der frei werdenden Stellen. Dadurch steigt das operative Risiko.

3. Der Mainframe wird nur für die „Altsysteme“ genutzt; neue Technologien auf dem Mainframe (z/OS Connect, Java auf z, Liberty, usw.) sind unbekannt. Dadurch erscheint sein Betrieb teuer.

Im nächsten Schritt sind die sich daraus ergebenden Fragen offensichtlich:

– Wie kann man die monolithischen Anwendungen wieder verstehen, geschaffene Software-Assets weiter nutzen und schrittweise auf einen einfach wartbaren Technologiestack überführen?

– Wie begeistert man den Nachwuchs für die Plattform?

– Wie kann man die Stärken des Mainframes mit den heutigen technologischen Möglichkeiten, die die Plattform bietet, optimal nutzen?

Für die Analyse, Redokumentation und das schrittweise Zerlegen der Mainframe-Anwendungen gibt es bewährte Verfahren, wie das „Clean Software Development“. Diese Methodik erlaubt es, auf Basis eines maschinellen Sourcecode-Assessments mit einem Application Discovery Tool, wie beispielsweise Explain von der PKS Software GmbH in Ravensburg, Software-Monolithen von totem Code zu befreien. Dadurch lässt sich der Umfang der Anwendungen in der Regel um bis zu 30bProzent reduzieren.

Mit dem nachfolgenden Clustering, d.h. dem fachlichen Zerlegen der Anwendungen, wird die Grundlage geschaffen für eine zielgerichtete Weiterentwicklung und die Anbindung von externen Systemen und Schnittstellen. Denn erst mit dem Wissen über die Mainframe-Anwendungen lässt sich eine risikoarme und kostengünstige Modernisierungs- oder auch Ablösestrategie entwickeln. Natürlich gehört dazu auch, sich von nicht mehr zukunftsfähigen Technologien, wie Adabas oder Assembler, zu trennen. Hierfür bieten sich bewährte Werkzeuge – z.B. SmartDCI – an, mit denen Migrationen erfolgreich und in einem kurzen Zeitraum bewältigt werden können.

Nachwuchs für den Mainframe


Das Nachwuchsproblem ist ein hausgemachtes Problem: In den letzten zwei Jahrzehnten haben immer weniger Firmen die Bereitschaft gezeigt, Nachwuchskräfte für Mainframes auszubilden. Andere IT-Technologien standen im Vordergrund; die im Einsatz befindlichen Mainframes und die darauf laufenden Anwendungen wurden schlicht vergessen. Daher gibt es heute eine Know-how-Lücke, die sich mit der Problematik des Fachkräftemangels und den Auswirkungen des demographischen Wandels zu einem gefährlichen Szenario entwickelt. Viele Unternehmen haben die Gefahr erkannt und bieten inzwischen ein duales Studium. Die Studierenden erhalten dabei neben der klassischen Ausbildung an der Uni in den Praxisphasen einen tiefen Einblick in den Mainframe. Hier leistet zusätzlich die European Mainframe Academy (EMA) mit ihrem Nachwuchsprogramm für Mainframe-Kräfte eine hervorragende Arbeit.

Gleichzeitig zur Basisausbildung ist es wichtig, den jungen Mitarbeitern für die Software-Entwicklung auf dem Mainframe eine zeitgemäße Umgebung anzubieten. IBM hat hier die Hausaufgaben gemacht und bietet auf Basis des IBM Developer for z (IDz, vorher RDz) eine Eclipse-basierte Werkzeugkette. Damit entwickeln „Hosties“ auf derselben Infrastruktur wie Java-Entwickler und die Silos zwischen den Welten gehören der Vergangenheit an.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 04/2017. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Der Mainframe bietet mit Java schon lange eine Programmiersprache, welche heutzutage jeder junge Informatiker beherrscht. Alte Anwendungsbestandteile können problemlos mit neuen, in Java programmierten Bestandteilen interagieren (Stichwort z/OS Connect). Eine solche schrittweise Modernisierung birgt keine Risiken und ermöglicht es, die vergangenen Investitionen in Mainframe-Software weiterhin zu nutzen. Damit kann eine plattformübergreifende einheitliche Kommunikation zwischen Anwendungskomponenten geschaffen und ein modernes API-Management betrieben werden. Web-Oberflächen und mobile Apps können so klassische Hostmasken vollständig als User Interface ablösen.

Fazit: Das moderne Rechenzentrum kann auch heute noch von Mainframe-Technologien profitieren. Die großen Herausforderungen liegen in der Anwendungsmodernisierung und dem Generationswechsel. Das „moderne Rechenzentrum“ zeichnet sich in Zukunft dadurch aus, dass es dem Unternehmen einen sicheren Rund-um-die-Uhr-Betrieb bietet und individuelle Softwarelösungen bereitstellt – wie es der Mainframe ermöglicht. Daher wird der Mainframe auch in Zukunft eine große Rolle spielen.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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