Meine Kollegen und ich besuchten gestern Mittag die Salatbar mit Selbstbedienung um die Ecke. Auf dem Weg dorthin hob ich an einem Geldautomaten Geld für mein Mittagessen ab. In der Salatbar angekommen, stellte ich mit größter Sorgfalt den Salat zusammen – ganz nach meinem Geschmack und mit niedrigem Cholesteringehalt. Als ich den Vormittag Revue passieren ließ, dachte ich darüber nach, dass man dem Kunden noch vor dreißig Jahren nicht so viel Eigenverantwortung übertragen hätte. Heute können wir uns gar nicht mehr vorstellen, warum ein Geschäft oder eine Bank für solche einfachen Aufgaben weitere Angestellte einstellen sollte.
Die Revolution im Handel, die uns Geldautomaten und Salatbars bescherte, entstand aufgrund stetig ansteigender Arbeitskosten und erhöhter Konkurrenz – Herausforderungen, die wohl jeder IT-Manager kennt. Dennoch hat sich die Informationstechnologie mit ihrer enormen Komplexität und komplizierten Abhängigkeiten solch einfachen Veränderungen immer widersetzt – bis heute. Nun aber läutet das Cloud Computing grundlegende Veränderungen ein: Hinter diesem Trend verbirgt sich eine waschechte Revolution des IT-Managements.
Das Problem beim Cloud Computing ist, dass man allzu leicht von seinen Vorzügen begeistert ist, seine Auswirkungen auf das IT-Business jedoch übersieht. Tatsächlich dreht sich beim Cloud Computing alles um den Wechsel von CAPEX-dominierten Budgets, also Investitionsausgaben für längerfristige Anlagegüter, hin zu OPEX-verwalteten Budgets, die auf den operativen Geschäftsbetrieb ausgerichtet sind. Außerdem geht es in der Cloud um „On Demand“ und „Elastic Computing“. Gerne vergessen wird jedoch die wohl wichtigste Erkenntnis: Die Cloud bedeutet vor allem Selbstbedienung. Hierbei geht es um die Verlagerung von Entwicklung und Zuständigkeit von der IT hin zu den Nutzern. Dabei werden die einzelnen Nutzer gestärkt, damit sie von der Rechenleistung dann Gebrauch machen können, wenn sie diese benötigen. In einer Zeit, in der IT-Budgets fortlaufend gekürzt werden, besteht das Geheimnis des IT-Managements darin, Druck auf die Ressource auszuüben, von der bei der Informationstechnologie kein Mangel besteht: Die eigene User Community. Cloud-Management bedeutet nichts anderes als die Delegation der IT-Nutzer.
Das Geniale an SB-Salatbars ist Folgendes: Wenn man eine Aufgabe einheitlich reguliert, kann sie auf die Masse übertragen und überflüssiges Personal abgebaut werden. Wann waren sie das letzte Mal in einem Selbstbedienungsladen überrascht oder verwirrt? Vermutlich gar nicht – eben dies ist die Macht der Einheitlichkeit. Selbstbedienungsläden wie Salatbars zwingen den Nutzer, eine aktivere – und damit gleichzeitig – bewusstere Rolle einzunehmen.
In der Cloud ist das nicht anders, obwohl sich das Ganze in einem weitaus anspruchsvolleren Bereich abspielt. Das Processing wird auf einheitliche Units von CPU/Netzwerk und Speicher reduziert und in einem Pool verwaltet, auf den Nutzer im Bedarfsfall zugreifen können. Die Ressourcen werden für die Nutzer bereitgestellt, der Zugriff jedoch für die effiziente Nutzung reguliert. Die gesamte Technologie, die hinter der Cloud steht, fördert das Modell der Selbstbedienung mit dem Ziel, administrative Spezialisierung und Überlagerung zu minimieren.
Datenpflege ist zu einem Schlagwort in Silicon Valley geworden, dem Gebiet bei San Francisco, in dem hauptsächlich High-Tech-Unternehmen ihren Firmensitz haben. In der Cloud weist der Begriff Datenpflege auf eine sorgfältig ausgewählte Teilmenge von Betriebssystemen, Middleware und Applikationen hin, die bekanntermaßen zusammenarbeiten. Diese sind von der IT vorintegriert und werden häufig auch von ihr verwaltet. Zudem werden sie als Basiskomponenten für die Nutzergemeinschaft bereitgestellt. Der Zauber der Datenpflege besteht darin, dass eine Einschränkung der Auswahlmöglichkeiten nicht wirklich eine Einschränkung ist – im Gegenteil. Einschränkung bedeutet in diesem Kontext den Schlüssel zur operativen Effizienz.
Die Herausforderung bei der Delegation ist, dass die Nutzer ihre Privilegien missbrauchen können. Die Festlegung von Rahmenbedingungen, sowie ihrer Durchsetzung hilft dabei, dass Nutzer verantwortungsbewusster handeln. In der Cloud ist eine Mischung aus Chargebacks, Kontingentierung und Clawbacks überraschend effektiv, um eine breite Nutzergemeinschaft zu verwalten. Ein effektives Chargeback-System realisiert nicht nur den heiligen Gral der Informationstechnologie, der akkuraten Kostendeckung der jeweiligen Abteilungen, sondern hilft auch, den Verbrauch der Nutzer zu mäßigen. So wirken zum Beispiel Kosten, egal wie gering, dem natürlichen Impuls entgegen, zu gestatten, dass virtuelle Maschinen sich in einer gemeinsamen Umgebung ungehindert und ungenutzt ausbreiten.
Eine gut verwaltete Cloud bedient sich der menschlichen Psychologie, um operationelle Schlüsselziele zu erreichen. Menschen sind geborene Sammler. Wir alle haben die Tendenz an Dingen festzuhalten, die wir für wertvoll halten oder als schwierig zu bekommen ansehen – egal, ob es sich um einen guten Wein oder einen Rack-Mount-Server handelt. Zur gleichen Zeit ist „Over Provisioning“ die Antwort auf unsere Versagensangst. Webloads sind ist schwer vorhersehbar und das Beschaffen von Hardware ist so beschwerlich, dass wir die Web-Infrastruktur instinktiv überladen, um den eigenen Erfolg abzusichern. Wird die Serverkapazität jedoch flexibel, benutzen Menschen nur das, was sie wirklich brauchen. Sie erweitern und reduzieren die Nachfrage, um die Tief- und Höhepunkte des Lebenszyklus einer typischen E-Commerce-Seite durchzustehen.
Vor diesem Hintergrund sind externe Überprüfungen der Policies das beste Mittel, um Anwender zu einer effizienten Nutzung zu bewegen. Um der Besitzgier entgegenzuwirken, ist die Festlegung von Quoten für die Cloud-Infrastruktur hilfreich. Automatisierte Clawbacks, die beispielsweise Ressourcen nach einer gewissen Zeit in einen gemeinsamen Pool zurückholen, sind notwendig, um die begrenzten Kapazitäten zu verwalten und die Nutzung der Hardware zu maximieren.
Wie jeder andere Technikbegeisterte kann ich mich den technologischen Tiefenstrukturen der Cloud nicht entziehen. Hypervisors, virtualisiertes Networking und Elastic Computing sind allesamt faszinierende Themen. Jedes von ihnen repräsentiert in unserem Verständnis der Bemessung von Rechenkapazität einen großen Schritt nach vorne. Die wahre Revolution liegt jedoch in dem philosophischen Wandel, dem das Cloud-Management zugrunde liegt. Fasse die Ressourcen zusammen, vereinfache und vereinheitliche sie, ermögliche die selbstständige Bereitstellung und Ausführung und verwalte die Systeme und Nutzer, mithilfe akkurater Abrechnungsmodelle und Rahmenbedingungen – so wird IT in Zukunft aussehen. Standardisierung ist keine Gefahr für die Informationstechnologie, sondern eine wunderbare Möglichkeit, sie zum Positiven zu verändern.
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