12.04.2017 Aufklärungsarbeit nötig

Zu viele Mythen um autonomes Fahren

Von: Ina Schlücker

Im Interview erläutert Matthias Schorer, Spezialist für das Internet of Things (IoT) bei VMware, warum autonome Fahrzeuge auch ohne Internet-Verbindung funktionieren und warum noch viel Aufklärungsarbeit seitens der Industrie und Behörden geleistet werden muss.

Matthias Schorer, VMware

Matthias Schorer, VMware

IT-DIRECTOR: Herr Schorer, wie funktionieren selbstfahrende Personenkraftwagen? ­Welche Hard- und Software-Komponenten sind dafür zwingend erforderlich?
M. Schorer:
Um Autos zu Autonomie zu verhelfen, werden grundsätzlich zwei Dinge benötigt: die entsprechende Hardware wie Ultraschallsensoren, Radare und Kameras, über die Informationen der Außenwelt aufgenommen werden, sowie eine in speziellen Computern verbaute Software wie z.B. die Nvidia Drive-PX 2, über die diese Informationen verarbeitet werden.

Die im Auto genutzte Software lernt dabei ähnlich Auto fahren wie der Mensch – dank neuronaler Netze lernt sie durch jede vom Fahrer vorgenommene Korrektur dazu. Weiterhin kommt Schwarmintelligenz zum Einsatz, um selbstfahrende Autos noch intelligenter zu machen: indem all die in einem Auto aufgenommenen Informationen an ein Rechenzentrum gesendet, ausgewertet und anschließend an andere autonome Autos weitergeleitet werden. Auf diese Weise lernen Fahrzeuge nicht nur für sich – sie sind auch in der Lage, ihr Wissen mit anderen Fahrzeugen zu teilen.

IT-DIRECTOR: Wie wichtig ist die Internet-Verbindung für autonome PKW? Inwieweit kann das Fahrzeug weiterfahren, sollte die Internet-Verbindung einmal gekappt sein?
M. Schorer:
An dieser Stelle kommt es oft zu Missverständnissen, denn autonomes Fahren alleine benötigt kein Internet. Beziehungsweise: Es darf hierfür keine Internet-Verbindung benötigt werden – erstens, da die Internet-Abdeckung dies bisher überhaupt nicht zulassen würde, und zweitens, weil die Latenzzeiten viel zu hoch sind, um jemals in Echtzeit auf Verkehrssituationen reagieren zu können. Zwar erhalten Fahrer über WLAN im Auto Landkarten oder Staumeldungen, aber eben nicht die Autonomie für selbstfahrende Autos.

Schließlich bedeutet dies: Wenn das WLAN ausfällt, können zwar beispielsweise keine Karten mehr abgerufen werden, die Autonomie jedoch fällt nicht weg. Für den Fall, dass tatsächlich einmal ein Computer ausfällt, ist das Fahrzeug ähnlich ausgestattet wie Flugzeuge: mit einem Zweitcomputer, der im Notfall einspringt, so dass nichts passieren kann.

IT-DIRECTOR: Welche Dienste wären offline nicht mehr verfügbar? Was könnte schlimmstenfalls passieren?
M. Schorer:
Wie bereits angesprochen, sind hauptsächlich Services rund um das Thema Real-Time-Traffic via Internet verfügbar – diese haben aber keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Sicherheit des Autos. Die restlichen Dienste sind in der Software an Bord implementiert. Eine weitere Möglichkeit zur Steuerung bietet die Kommunikation zwischen Fahrzeugen untereinander: Bremst beispielsweise ein Fahrzeug in zwei Kilometer Entfernung wegen eines Unfalls, werden alle dahinter fahrenden Fahrzeuge über Funk informiert und vorgewarnt und können ebenfalls abbremsen.

IT-DIRECTOR: Über welches Netz wird die Internet-Verbindung zum Fahrzeug hergestellt?
M. Schorer:
Um eine Internet-Verbindung im Auto aufzubauen, werden heute standardmäßig 3G- oder LTE-Verbindungen eingesetzt. Früher oder später wird der nächste Mobilfunkstandard 5G Realität sein, denn die Datenmenge, die in selbstfahrenden Autos anfällt und ins Backend geschickt wird, wird auch in den nächsten Jahren immer größer: Zukünftig ist von bis zu 70 Tera­byte pro Tag auszugehen. Diese werden zwar nicht alle über die Netzwerkverbindung übertragen, aber eine Untermenge im Gigabyte-Bereich eben schon.

IT-DIRECTOR: Wer sorgt für die notwendige sichere Verfügbarkeit und Leistungsfähigkeit der Netze für autonome Fahrzeuge? Welche Rolle spielen dabei der Staat und welche die Netzbetreiber?
M. Schorer:
Die Bereitstellung leistungsfähiger Netze ist ganz klar die Aufgabe der Netzbetreiber. Deswegen verfügen Connected Cars schon heute über SIM-Karten, die auf einen bestimmten Provider ausgelegt sind.

IT-DIRECTOR: Was passiert beim Überfahren von (EU-)Landesgrenzen? Werden Roaming-Gebühren fällig?
M. Schorer:
Die Fahrzeughersteller gehen davon aus, dass sich Autofahrer nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa fortbewegen. Aus diesem Grund werden Roaming-Gebühren von vornherein festgelegt bzw. abgerechnet, so dass keine separaten Kosten beim Überfahren der Landesgrenzen anfallen. Und die Abschaffung der Roaming-Gebühren steht vor der Tür, nicht zuletzt auch getrieben durch die Connected-Car-Technologie.

IT-DIRECTOR: Wie könnten Abrechnungsmodelle für autonomes Fahren aussehen? Wer bezahlt die Web-Services? Wer übernimmt die Kosten für die Infrastrukturen?
M. Schorer:
Zukünftig wird es kaum noch Fahrzeuge ohne Konnektivität geben, für die sich daraus ergebenden zusätzlichen Services werden daher immer weitere Kosten anfallen. Für die Bezahlung gibt es schließlich zwei Ansätze: Entweder wird eine jährliche Gebühr erhoben, wie es bei gängigen Autoherstellern bereits der Fall ist. Oder die Kosten werden über den Fahrzeugpreis direkt abgedeckt – so ist es beispielsweise bei den Elektroautos von Tesla.

IT-DIRECTOR: Welche neuen Haftungs- und Versicherungskonzepte sollten im Zuge des autonomen Fahrens ins Leben gerufen werden?
M. Schorer:
Versicherungen, wie wir sie heute kennen – gebunden an den Fahrer –, werden bei autonomen Autos obsolet. Fahrzeughalter werden keine Versicherungen mehr für ihr Fahrzeug abschließen müssen. Vielmehr wird die Versicherung ein Service sein, der mit dem Auto mitgeliefert wird – wie auch die Konnektivität. Denn: Bei voll-autonomen Fahrzeugen hat der Fahrer keinerlei Eingriffsmöglichkeiten mehr. Deshalb können autonome Autos zukünftig auch als Taxis eingesetzt werden, um sich die Leasing-Rate zurückzuverdienen. Beispiele wie dieses, bei dem Autobesitzer absolut keine Möglichkeit mehr haben, in das Geschehen einzugreifen, zeigen einmal mehr, dass in naher Zukunft neue Versicherungsmodelle benötigt werden.

IT-DIRECTOR: Welche Details muss der Gesetzgeber im Zuge der Verbreitung von autonomen Fahrzeugen auf jeden Fall regeln? Brauchen die Insassen überhaupt noch einen Führerschein? Falls nicht, ab welchem Alter dürfen Kinder/Jugendliche allein in autonomen Fahrzeugen ­unterwegs sein?
M. Schorer:
Ist ein Fahrzeug voll autonom ausgelegt, gibt es keine Eingriffsmöglichkeiten durch den Fahrer. Die Konsequenz: Selbst ein fünf- oder zehnjähriges Kind könnte alleine – auch ohne Führerschein – mit dem Auto unterwegs sein, so wie es heute auch in einem Bus unterwegs sein kann.

Die eigentlich interessantere Frage ist aber, was der Gesetzgeber eigentlich tun muss, um autonome Autos im Straßenverkehr zulassen zu können. Denn bisher gilt die Wiener Straßenverkehrskonvention von 1968, die selbstfahrende Autos in einer Überarbeitung von 2014 klar unterbindet. Zudem stellen Fahrzeuge, die noch nicht autonom sind, ein Problem dar. Gesetzgeber müssen deshalb Freiräume schaffen, so dass autonomes Fahren im ersten Schritt überhaupt zulässig wird und im nächsten Schritt das Zusammenspiel, zwischen autonomen und nicht autonomen Fahrzeugen, geregelt wird.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 03/2017. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Generell finde ich es bei diesem Thema wichtig, dass Aufklärung stattfindet und Fragen geklärt werden, wie „Was heißt eigentlich autonomes Fahren?“. Derzeit wird das Ganze noch sehr stark mystifiziert. Vielen Menschen ist nicht klar, was beim autonomen Fahren überhaupt passiert. Was kann ein autonomes Fahrzeug? Was kann es nicht? Es muss Vertrauen aufgebaut werden und erklärt werden, wie sich autonome Fahrzeuge im Straßenverkehr verhalten.

Bildquelle: VMware

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