„Es existiert eine Vielzahl verschiedener Akteure im Normungs- und Standardisierungsumfeld von Cloud Computing“, weiß Nicolai Bieber, Mitglied der Geschäftsleitung bei Booz & Company.
IT-DIRECTOR: Herr Bieber, was sind die Ziele und Möglichkeiten von Cloud Computing?
N. Bieber: Neben der Möglichkeit, die Komplexität bei Entwicklung und Betrieb der „In-house“-IT zu reduzieren, liegen Potentiale in der Umsetzung von Skaleneffekten (z.B. Konsolidierung von IT-Ressourcen), in geringerer Kapitalbindung sowie höherer Flexibilität und Transparenz.
IT-DIRECTOR: Wie gestaltet sich das derzeitige Normungs- und Standardisierungsumfeld im Bereich „Cloud Computing“?
N. Bieber: Das Normungs- und Standardisierungsumfeld im Cloud Computing ist erst im Entstehen begriffen. Es gewinnt jedoch zunehmend an Eigendynamik. Aufgrund einer Vielzahl von – teils konkurrierenden – Initiativen ist das Umfeld recht unübersichtlich. Im Rahmen einer Studie von Booz in Zusammenarbeit mit dem FZI wurden 160 Standards betrachtet.
IT-DIRECTOR: Die Entwicklung von Standards und Normen scheint hier nur schleppend voranzuschreiten. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe?
N. Bieber: Bisherige Bemühungen zur Standardisierung stecken konzeptionell in den Kinderschuhen, da ein Mangel an einheitlichen Definitionen oder Orientierungswissen ein zielorientiertes gemeinsames Handeln behindert. In Teilbereichen konkurrieren mehrere Standardisierungsinitiativen mit bereits etablierten De-facto-Standards der führenden amerikanischen Anbieter. In Summe gibt es eher zu viele Standardisierungssätze.
IT-DIRECTOR: Warum erachten Sie Standardisierungen für Cloud-Technologien als wichtig?
N. Bieber: Wir haben neun zentrale Ziele/Herausforderungen für Standards definiert: Effizienz, Effektivität, Transparenz, Informationssicherheit, Datenschutz, Interoperabilität, Portabilität, funktionierender Wettbewerb und Compliance. Besonders wichtige Herausforderungen sind hierbei Portabilität und Interoperabilität.
IT-DIRECTOR: Welche Möglichkeiten können durch Standards erreicht werden?
N. Bieber: Standards im Bereich Portabilität sind notwendig, um sicherzustellen, dass Nutzer nicht „auf ewig“ an einen Anbieter gebunden (sog. „Lock-in-Effekt“) sind, sondern ihre Daten und Anwendungen problemlos „umziehen können“. Das gilt für Unternehmen wie für Privatpersonen gleichermaßen.
IT-DIRECTOR: Wer legt grundsätzlich Standards in diesem Bereich fest?
N. Bieber: Es existiert eine Vielzahl verschiedener Akteure im Normungs- und Standardisierungsumfeld von Cloud Computing. In der Studie wurden über 150 verschiedenen Institutionen untersucht. Besonders relevant sind z.B. ISO als internationales Standardisierungsgremium, Etsi auf europäischer Ebene, DIN, Bitkom und das BSI auf nationaler Ebene in Deutschland sowie Nist in den USA. Darüber hinaus existiert eine Vielzahl – teils konkurrierender – Industrieinitiativen.
IT-DIRECTOR: Inwiefern kann/wird die Standardisierung durch die Anbieter und ggf. auch Anwender beeinflusst (werden)?
N. Bieber: Bei der Anbieterauswahl und der Nutzung von Cloud-Services ist die Einhaltung offener Standards (soweit bereits vorhanden) sicherzustellen. Zudem besteht für Unternehmen die Möglichkeit, sich selbst in einer der genannten Initiativen zu engagieren.
IT-DIRECTOR: Welche Cloud-relevanten Standards bzw. Ansätze gibt es bereits und in welche Kategorien lassen sie sich einteilen?
N. Bieber: Von den 160 untersuchten Standards wurden exemplarische 20 Standards ausgewählt und detailliert hinsichtlich „Durchsetzungsfähigkeit“ und „Reife“ untersucht. Grundsätzlich wurde zwischen Standards in den Bereichen Technik, Management und Recht unterschieden. Eine besondere Durchsetzungsfähigkeit und Reife besitzen z.B. OCCI (Open Cloud Computing Interface) und die Openstack-Cloud-Software.