Blick auf Bologna aus der Cupola von Maria della Fiore
Die größte Bildungsreform aller Zeiten? Oder der Untergang der Bildungsrepublik Deutschland? Die Bologna-Reform schuf das zweigeteilte Studium mit aufeinanderfolgenden Abschlüssen Bachelor und Master. Sie war und ist umstritten.
So
spricht der Technikphilosoph Günter Ropohl von der "deformierten Universität". Und Peter Wex, der ehemalige Verwaltungsdirektor der FU Berlin,
stellt fest: Vor allem die berühmten überfachlichen Kompetenzen sind ein leeres Versprechen. Dabei gehören genau diese Kompetenzen zum eigentlichen Kern des Bologna-Systems.
Das Studium sollte stärker auf die Berufsbefähigung der Absolventen ausgerichtet werden. Gegenüber den alten Abschlüssen wie dem Magister oder in den MINT-Fächern das Diplom ist die Studiendauer erheblich verkürzt. Das verringert den Wissensfundus der Absolventen, aber auch die Freiräume für die Studenten.
Die Berufsberaterin Karin Wilcke
kritisiert eine fragwürdige Hetze im Studium: "Bei mir saßen schon 22-Jährige, in Tränen aufgelöst, die klagten: 'Ich bin schon so alt und immer noch nicht fertig mit dem Studium.'" Anders ausgedrückt: Die Studiendauer sinkt und die Studenten haben sich darauf ausgerichtet. Doch was ist mit der Wirtschaft? Können IT-Unternehmen mit 21jährigen Informatik-Bachelors etwas anfangen?
"Für uns sind Bachelor-Absolventen ideale Kandidaten", sagt Armin Kräck, CFO bei IFS Central Europe. "Ein längeres Studium wie Master oder Diplom ist sehr stark wissenschaftlich ausgerichtet, das entspricht nicht dem Profil unseres Unternehmens." Nach seinen Erfahrungen sind die BA-Absolventen in der Lage, sich schnell in neue Themen einzuarbeiten und das erforderliche Fachwissen aufzubauen. "Wir benötigen Praktiker und keine Forscher."
Doch gerade die Praxis hat sich als Problem herausgestellt. "Viele Bachelor-Absolventen kommen aus einer Welt, die nichts mit der Realität in den Unternehmen zu tun hat", meint Diethelm Siebuhr, Geschäftsführer Central Europe von Easynet Global Services. Diese Erfahrungen hat auch Kristina Gerwert gemacht.
Die Leiterin des Human Resources Management bei der adesso AG erkennt einen Nachteil in der starken Verschulung des BA-Studiums. "Es bleibt kaum Zeit für Jobs." Diplom-Studenten haben sehr häufig gearbeitet und zwar oft in der IT-Branche. "So sind die Bachelor zwar schnell fertig, haben aber kaum praktische Erfahrungen", beschreibt Kristina Gerwert ihre Erfahrungen.
Sie sieht deshalb die Wirtschaft in der Pflicht: "Das stellt an Unternehmen höhere Anforderungen." Darunter versteht sie eine stärkere Verbindung der Unternehmen zu den Universitäten, um dort Praktika und Abschlussarbeiten anzubieten.
Auch für junge Leute mit frischen BA-Abschluss sind aus ihrer Sicht spezielle Traineeprogramme notwendig - wie in vielen anderen Bereichen üblich. "Das ist in der Informatik neu. Die jungen Absolventen erfordern das aber", meint Kristina Gerwert. "Sie beherrschen zwar die Grundlagen, haben aber kein besonders intensives Methodenwissen."
Eine zweite Schwierigkeit sind die oft fehlenden "Soft Skills", die häufig erst in einer längeren Berufspraxis (sprich: Lebenserfahrung) erworben werden kann. Auch hier müssen die Unternehmen reagieren. Kristina Gerwert: "Die Absolventen müssen einen erfahrenen Kollegen als Mentor erhalten und über einen längeren Zeitraum begleitet werden."
Diese Sicht wird von Diethelm Siebuhr (Easynet) und Armin Kräck (IFS) bestätigt. Beide Unternehmen haben Traineeprogramme aufgelegt, die den Absolventen den Einstieg in de Beruf erleichtern. Dieses starke Engagement für den Nachwuchs hat aber nicht nur seine mangelnde Praxiserfahrung zum Grund.
Vor allem die kleinen und mittleren IT-Unternehmen müssen sich sehr intensiv um ihren Nachwuchs kümmern. Es ist nicht mehr so leicht, Mitarbeiter mit Berufserfahrung in ein mittelständisches Unternehmen zu locken. "Wir haben zur Zeit einen Bewerbermarkt und die Situation wird sich in Zukunft noch verschärfen", meint Armin Kräck. "Die Großen der Branche greifen ganze Jahrgänge von manchen Unis ab. Da müssen wir den Absolventen einiges bieten."
Es sieht bei mittelständischen Unternehmen häufig so aus, dass sie sich bei guten Absolventen bewerben müssen. Kräck nennt hier die Stichworte Work/Life-Balance und Vereinbarkeit von Familie und Beruf. "Der häufigste Wunsch unserer jungen Mitarbeiter: Ergebnisorientiertes Arbeiten mit möglichst freier Zeiteinteilung, auch von Zuhause aus."
Für ein modern organisiertes Unternehmen mit flachen Hierarchien dürfte das kein großes Problem sein. Doch natürlich müssen die Studenten erst einmal von den Vorzügen der Unternehmen erfahren. Easynet zum Beispiel setzt ganz früh an: "Wir engagieren uns sehr stark dafür, dass Bachelor-Studenten unser Unternehmen noch vor dem Abschluss kennenlernen", sagt Diethelm Siebuhr.
"Wir bieten ein spezielles Traineeprogramm für einen dualen Studiengang an und haben die Lehrpläne abgestimmt, so dass die Studenten stark praxisorientiert lernen." Gleichzeitig lernt das Unternehmen frühzeitig attraktive Kandidaten für offene Stellen kennen.
Die Art des Studienabschlusses hat für Diethelm Siebuhr keine große Bedeutung: "Entscheidender sind Interesse an und Leidenschaft für die Technik. Wir bemerken eigentlich keinen Unterschied bei der Einarbeitung von engagierten Diplomanden und Bachelors."
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