Handlungsempfehlungen für Industrie 4.0

Bloß nicht die Revolution verpassen

Technologien und Geschäftsmodelle entwickeln - zwei naheliegende Ziele der Wirtschaft für die nächsten Jahre. Und natürlich der Breitbandausbau.

Gemessen am Ausstoß von Studien und ähnlichen Dokumenten ist Industrie 4.0 ein gigantischer Erfolg. Es vergeht praktisch keine Woche, an der nicht irgendein Verband, ein Gremium der staatlichen Administration oder ein wissenschaftliches Institut irgendetwas zu diesem Thema zu sagen hat.

In den letzten Jahren ist hier eine spezifische Form von Prosa entstanden, die mit einer Mischung aus vielen Substantiven, Buzzwords aus der Digitalszene und positiv gestimmten Aufrufen das Bild einer sonnenhellen Zukunft des Menschen inmitten cyber-physikalischer Systeme malt.

Doch langsam klingen die Texte nicht mehr ganz so berufsoptimistisch: „Wenn wir nicht schnell agieren, werden wir von denen überholt, die sich nicht vorwiegend mit den Risiken beschäftigen, sondern mit den Potenzialen“, so die spürbar ungeduldige Aussage der Autoren einer aktuellen Studie der Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik (WGP).

Auch die Autoren der acatech (Deutsche Akademie der Technikwissenschaften) kritisieren die Behaarungskraft etablierter und damit sicherer Geschäftsmodelle in den Unternehmen, die einer schnellen Anpassung an die Digitalisierung entgegensteht: „Diese Einstellung ist zu überwinden.“

Bei Studien beginnen mit einer Ist-Analyse, die wenig schmeichelhaft ist. Die wichtigsten Punkte werden zum Teil seit zehn Jahren diskutiert: Kaum Breitband, fehlendes Wagniskapital, Kompetenzlücken bei Internet-Technologien, Tendenz zum Overengineering und so weiter.

Technologische Souveränität stärken

Die acatech-Studie nennt anschließend Handlungsempfehlungen. Wichtig und entscheidend sind hier die Antworten auf organisatorische und gesellschaftliche Herausforderungen. So müsse etwa die Akzeptanz der Bevölkerung für neue Technologien gefördert werden. Datentreuhänder könnten dazu über die Nutzung personalisierter Daten wachen. Auch sollte das Bildungssystem konsequenter neue Kompetenzen vermitteln, etwa in den Bereichen Datenschutz oder Datenanalyse.

Gefordert seien digital mündige Bürgerinnen und Bürger, die die Vorteile und Risiken der Digitalisierung erkennen und bewerten können. Angesichts der demografischen Entwicklung müssten auch die 50-Jährigen stärker eingebunden werden, die dank digitaler Assistenzsysteme länger als bisher am Berufsleben teilhaben können.

Notwendig seien zudem neue Formen der Zusammenarbeit über Firmengrenzen hinaus, etwa offene Schnittstellen und Kollaborationsplattformen für den sicheren Austausch industrieller Daten. Empfohlen wird auch eine Reform des Schutzes von geistigem Eigentum mit klaren Richtlinien für den Anteil an Erfindungen in Crowdsourcing-Netzwerken und an automatisch generierten Daten.

Um Deutschlands technologische Souveränität zu sichern, sollten nach Ansicht der Studienautoren Schlüsselkomponenten von Industrie 4.0 wie Sensorik oder Internettechnologien auch in Deutschland entwickelt werden. Darüber hinaus sei es empfehlenswert, das Geschäft mit „Industrial Content“ (Produkt-und Produktionsdaten) über Internetplattformen als Geschäftsmodell für die deutsche Wirtschaft zu etablieren.

Digitale Geschäftsmodelle entwickeln

Die Handlungsempfehlungen der WGP zielen in erster Linie auf den deutschen Mittelstand. So empfehlen die Autoren der Wirtschaft, die bestehenden Geschäftsmodelle in den Blick zu nehmen und anhand neuer technologischer Möglichkeiten digitaler Geschäftsmodelle schnell zu entwickeln und zu erproben.

Kleine und mittlere deutsche Unternehmen aus dem Produktionsbereich seien zu vorsichtig. Sie unterschätzen die Chancen und überschätzen die Risiken. Gründe für die Zurückhaltung sind laut der Studie häufig hohe erwartete Kosten, ein vermuteter Fachkräftemangel und Skepsis hinsichtlich der Datensicherheit.

Doch der Einstieg in die Industrie 4.0 erfordert häufig deutlich geringere Investitionen als befürchtet. So werden auf der Softwareseite viele Services nach dem Abomodell genutzt, sie kosten nur das, was auch tatsächlich genutzt wird. Auch der Kauf eines komplett neuen Maschinenparks ist unnötig, denn die vorhandenen Anlagen können schrittweise nachgerüstet werden.

Das wichtigste Mittel gegen den Fachkräftemangel ist nach Ansicht der WGP eine strategische Fokussierung auf die Personalentwicklung in Richtung Informatiker, Entwickler und IT-Experten. Ähnliches gilt auch für das Thema Datensicherheit: sie muss frühzeitig bedacht werden und gehört zu den strategischen Zielen, für die es allerdings ausreichend geeignete Dienste gibt, etwa Managed Security Services.

Die Handlungsempfehlungen sollen ein Weckruf für die Unternehmen sein, die sie noch nicht ausreichend dem Thema beschäftigt haben, so Thomas Bauernhansl, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA. „Industrie 4.0 ist keineswegs nur ein kurzer Hype oder ausschließlich ein Thema für finanzstarke Konzerne“, betont der Fraunhofer-Forscher. „Es ist eine Revolution, die sie nicht verpassen dürfen.“

Bildquelle: Thinkstock

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok