22.09.2017 Digitalisierung verschafft Wettbewerbsvorteile

Der Einfluss von E-Commerce auf das Transportwesen

Von: Kathrin Zieblo

Auf welche Entwicklung sich Transportunternehmen in den kommenden Jahren konzentrieren sollten, berichtet Daniel Dombach, Director EMEA Industry Solutions, Zebra Technologies, im Interview.

Daniel Dombach, Zebra Technologies

„Noch steht die Digitalisierung in diesem Bereich ziemlich am Anfang. Mittelständische Unternehmen sollten versuchen, sich durch innovative digitale Dienstleistungen abseits der Standarddienste einen Wettbewerbsvorteil in ihrer Nische zu verschaffen", empfielht Daniel Dombach von Zebra Technologies.

ITM: Herr Dombach, in Zeiten von zunehmendem E-Commerce-Konsum und der Internationalisierung von Unternehmen spielt die Transport- und Logistikbranche eine entscheidende Rolle. Welche Priorität sollten mittelständische Transport-/Logistik-Unternehmen derzeit setzen?
Daniel Dombach:
Die ganz großen Anbieter verfügen mit ihrem breiten Warensortiment, großen Distributionszentren und Flotten über einen klaren Wettbewerbsvorteil. Nur mit einer solchen logistischen Struktur lassen sich beispielsweise Next-Day- oder gar Same-Day-Delivery-Ansprüche erfüllen. Um diesen Wettbewerbsnachteil auszugleichen, sollten mittelständische Transport- und Logistikunternehmen die Nähe der Kunden suchen – sowohl geografisch bei der Standortwahl für Distributionszentren und Warenlager als auch über die Kommunikation. Insgesamt geht es gerade für kleine Unternehmen und Start-ups darum, eine innovative Nische für sich zu finden.

ITM: Schnelle Lieferzeiten bei gleichzeitig niedrigen Kosten gehören zu den Hauptanforderungen, wie lassen sich diese bewältigen?
Dombach:
Die Kosten der letzten Meile aufgrund fehlgeschlagener Zustellung sind eines der Hauptprobleme. Um diese Kosten so gering wie möglich zu halten, benötigen Unternehmen neue Ideen, mit denen sie ihre Erfolgsquote beim ersten Zustellversuch erhöhen können. Hierfür sind Flexibilität und die Kommunikation zwischen Unternehmen, Transportfahrern und Kunden entscheidend. Eine Lösung kann etwa eine App sein, die dem Kunden anzeigt, wo sich der Lieferant gerade befindet und so den Liefertermin konkretisiert, oder eine flexible Möglichkeit, den Lieferort kurzfristig zu ändern.

ITM: Welche Bedeutung hat die Digitalisierung für mittelständische Unternehmen aus diesem Sektor?
Dombach:
Noch steht die Digitalisierung in diesem Bereich ziemlich am Anfang. Mittelständische Unternehmen sollten versuchen, sich durch innovative digitale Dienstleistungen abseits der Standarddienste einen Wettbewerbsvorteil in ihrer Nische zu verschaffen. Viele Möglichkeiten bietet die Technik schon heute, etwa Smart Label – elektronische Label, die beispielsweise mit Batterien, Antennen und Schaltkreisen, Temperatur- oder Schocksensoren ausgestattet sind. So können besonders hochwertige, temperatur- oder schockempfindliche Güter individuell nachverfolgt und überwacht werden.

ITM: Welche Bereiche profitieren bereits von digitalen Prozessen und an welcher Stelle gibt es noch Verbesserungsbedarf?
Dombach:
In erster Linie profitieren die Lieferverfolgung und die Kundenkommunikation von digitalen Prozessen, gerade bei Versand aus dem Ausland und bei verlorenen Paketen. Vorstellbar sind in diesem Zusammenhang auch eine minutiös genaue Lieferverfolgung oder intelligente Label, die nicht nur den Ort, sondern auch den Zustand der Ware melden können – das ist gerade im Premiumsegment eine mögliche Nische für kleinere Unternehmen. Eine andere Möglichkeit ist zudem die schnelle Bestätigung des Empfängers bei persönlicher Zustellung, etwa bei wichtigen Medikamenten oder Artikeln mit Altersbeschränkung.

ITM: In letzter Zeit treten vermehrt verschiedene Lebensmittellieferdienste (bzw. im allgemeinen der Online-Lebensmittelhandel) in Erscheinung. Welche speziellen Herausforderungen entstehen dadurch?
Dombach:
Bei der Lieferung frischer Lebensmittel sind insbesondere drei Herausforderungen zu bewältigen: Liefergeschwindigkeit, Wahrung der Kühlkette und garantierte Zustellung. Die bisherigen Konzepte wurden allerdings hauptsächlich im Ausland getestet und können nicht unbedingt auf deutsche Kunden übertragen werden. Mittelständische Logistikunternehmen, die im Lebensmittelhandel mitmischen möchten, müssen diese Herausforderungen über eine enge Kooperation mit Einzelhändlern in Pilotprojekten angehen.

ITM: Wie könnte ein geeignetes Logistikkonzept aussehen bzw. welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit solche Lebensmittellieferungen auch in Deutschland erfolgreich werden?
Dombach:
Zunächst müssen viele offene Fragen geklärt werden. Die vielleicht wichtigste ist: Worauf möchte ich mich spezialisieren? Ballungsräume oder dünn besiedelte Regionen? Frische Lebensmittel oder haltbare Lebensmittel wie Dry Food? Erst wenn ein Unternehmen weiß, in welche Nische es sich bewegen möchte, kann es ein überzeugendes Konzept planen, das entsprechende Märkte in Kundennähe, enge Interaktion mit dem Kunden über digitale Kanäle und eine straffe Lieferkette beinhaltet.

ITM: Inwieweit unterscheiden sich die Anforderungen von der Logistik anderer Produktgruppen?
Dombach:
Die Anforderungen an den Transport frischer Lebensmittel unterscheiden sich mitunter deutlich von den Anforderungen an Non-Food oder haltbare Lebensmittel. Hier ist eine hohe Liefergeschwindigkeit keine Option, sondern ein Muss. Zudem müssen die Waren auf ihrem gesamten Transportweg gekühlt werden und schließlich entweder persönlich dem Empfänger übergeben werden oder im Vorfeld eindeutig festgehalten werden, wer die Lieferung in Vertretung entgegennehmen darf.

ITM: Welche Entwicklungen erwarten Sie in der Transport- und Logistikbranche in den nächsten fünf Jahren?
Dombach:
Es wird eine Menge passieren: Logistikanbieter werden Allianzen formen und Paketstationen aus Platz- und Kostengründen gemeinsam betreiben. In der etwas ferneren Zukunft werden Paketstationen überall sein, um eine hundertprozentige Zustellungsquote im ersten Anlauf zu ermöglichen: bei Einzelhändlern, in Büros oder Mehrfamilienhäusern.

Der Einsatz von elektrischen Lieferfahrzeugen wird immer mehr zunehmen und an den Anblick autonom fahrender Lieferroboter werden wir uns in den nächsten fünf Jahren sicher gewöhnen. Nicht zuletzt dadurch wird sich Same-Day-Delivery als Standard durchsetzen. Dennoch wird die Digitalisierung den Kontakt zwischen Lieferunternehmen und Kunden stärken, etwa durch präzisere Lieferungsankündigungen. Im Bereich Luxusgüter, Medikamente und Frischelogistik sind Smart Label und Sensoren der nächste logische Schritt, um Kunden in Echtzeit über Standort und Zustand ihrer Bestellung zu informieren.

Unternehmen der Transport- und Logistikbranche werden ihre Mitarbeiter in Zukunft deutlich mehr mit Wearables ausstatten, um ihre Mobilität und Produktivität zu erhöhen, etwa durch einen kleinen Mobilcomputer am Arm oder einen Ringscanner. Auch Datenbrillen mit professionellen Anwendungen, durch die Mitarbeiter ihre Aufgaben schneller und effizienter erledigen können, werden verstärkt zum Einsatz kommen.

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