30.08.2017 Expansion ins Ausland

Der hohe Aufwand der Internationalisierung

Von: Lea Sommerhäuser

Ein erhöhter Aufwand zu Beginn von Internationalisierungsprojekten wird niemandem erspart bleiben. Dies betont Dirk Martin, Director Research & Analytics sowie Mitglied der Geschäftsführung bei der Techconsult GmbH, im Interview. Der Grundgedanke gehe jedoch von erheblichen Synergieeffekten aus, wenn sich die ersten Infrastrukturen erst einmal gebildet haben.

Dirk Martin von Techconsult

„Sprachbarrieren sind keine große Hürde mehr“, meint Dirk Martin von Techconsult im Interview.

ITM: Herr Martin, ist „Internationalisierung“ ein Thema, das nur die „Großen“ betrifft? Welche Rolle spielt „Internationalisierung“, d.h. die Expansion über die Landesgrenzen hinaus, im deutschen Mittelstand?
Dirk Martin:
Internationalisierung umfasst mehr als Absatzmärkte oder Im- und Export. Insbesondere im Kontext von IT erschließen sich täglich immer mehr Möglichkeiten für die Einbindung international tätiger Partner und Lieferanten. Auch das ist Teil einer Internationalisierung und im deutschen Mittelstand zunehmend Thema.

ITM: Welche Faktoren treiben die Internationalisierung im deutschen Mittelstand voran?
Martin:
Sicherlich liefert die derzeit viel diskutierte „Digitalisierung“ auch im Mittelstand Ansätze und Lösungen, vor allem schneller und zielgerichteter über Landesgrenzen hinaus aktiv zu werden. Während es früher eher den Aufbau eines landesspezifischen Vertriebsteams bedurfte, können Unternehmen heute auch mit zentralen Mitteln leichter dezentral agieren. Natürlich müssen die Besonderheiten internationaler Märkte nach wie vor berücksichtigt werden. Der Aufbau einer zunehmend digitalisierten Infrastruktur wird jedoch besser unterstützt.

ITM: Mit welchem Aufwand ist die Expansion ins Ausland verbunden?
Martin:
Ein erhöhter Aufwand zu Beginn bleibt niemandem erspart. Der Grundgedanke geht jedoch von erheblichen Synergieeffekten aus, wenn sich die ersten Infrastrukturen erst einmal gebildet haben. Bei erhöhter Einbindung digitalisierter Geschäftsabläufe lassen sich weitere Märkte bedeutend schneller einbinden.

ITM: Wie gestaltet sich der internationale Rollout von im Einsatz befindlichen Systemen wie ERP, DMS, CRM und Co.?
Martin:
Die Systeme sind bereits auf Internationalisierung ausgelegt. Zumindest sollten sie es sein. In den letzten Jahren haben viele IT-Anbieter aus dem Ausland zunehmend Fuß gefasst, wie auch deutsche IT-Anbieter erfolgreich im Ausland tätig sind. Die verwendeten Plattformen dieser Lösungen sind so oder so international. Einem internationalen Rollout stehen diese Lösungen daher nicht im Wege, sondern unterstützen diesen maßgeblich.

ITM: Inwieweit sind die entsprechenden Lösungen für den Einsatz in Tochtergesellschaften bzw. ausländischen Niederlassungen gerüstet? (Stichwort: z.B. Sprachbarrieren)
Martin:
Sprachbarrieren sind keine große Hürde mehr. Englisch als Sprache der IT ist mittlerweile auch in mittelständischen Unternehmen etabliert. Wichtiger als die Sprache ist hier die Unternehmenskultur, die von allen gleichermaßen gelebt werden muss. Diese Herausforderung ist organisatorischer Art und wird durch Digitalisierung nicht gelöst.

ITM: In jedem Land herrschen andere gesetzliche Bestimmungen z.B. hinsichtlich Finanzbuchhaltung, Lieferkette, Produktionssicherheit, Datenschutz etc. Inwieweit kann dies von den entsprechenden Lösungen berücksichtigt werden?
Martin:
In einigen Punkten ist die Politik seit Jahren gefordert, praktikable Vereinbarungen zu finden, die es den Unternehmen und auch den IT-Anbietern ermöglichen, vereinfacht international tätig zu sein. Eine IT-Lösung kann vieles berücksichtigen und vorbereiten, nicht aber unterschiedliche gesetzliche Bestimmungen vereinen.

ITM: Was sind neben den technischen und rechtlichen Problemen weitere häufige Stolpersteine bei Internationalisierungsprojekten – etwa hinsichtlich dem Faktor „Mensch/Mitarbeiter“?
Martin:
Eine Leitlinie, die in einem Land als Unternehmenskultur vereinbart und angestrebt wird, kann in einem anderen Land auf andere Weise interpretiert werden. Hier sind sicher länderspezifische und kulturelle Aspekte zu berücksichtigen. Allerdings gab es diese Herausforderung der Internationalisierung schon immer. Entsprechend vielfältig und umfangreich sind daher auch die Erfahrungen dazu. Für die Unternehmen ist es daher heute wie früher wichtig, in der Kommunikation auch Raum für Unterschiedlichkeit zu lassen, um sich dann auf eine gemeinsame Interpretation zu einigen. Das mag am Anfang befremdlich sein und etwas dauern, hilft aber in der Praxis ganz ungemein.

ITM: Wie ist es um die Sicherheit der Daten bestellt, die plötzlich Deutschland „verlassen“ bzw. auf die aus dem Ausland zugegriffen wird?
Martin:
Daten können sowohl im Ausland als auch in Deutschland relativ sicher oder auch relativ gefährdet sein. Relative Sicherheit entsteht durch die maximale Nutzung der dazu verfügbaren Security-Konzepte und -Lösungen und die sind international. Anders sieht es mit dem Zugriff Dritter auf Daten aus. Die Rechtslage bzw. damit verbundene Rechtsstaatlichkeit ist eine andere als im EU-Ausland oder gar darüber hinaus. Dass es international tätige Unternehmen gibt, die bestrebt sind, ihre Daten in die „deutsche Cloud“ zu überführen, spricht Bände. Allerdings ist das auch sehr unternehmensabhängig zu betrachten, weil es dabei auch ganz unterschiedliche branchenspezifische Anforderungen zu berücksichtigen gibt.

ITM: Wann sind Internationalisierungsprojekte zum Scheitern verurteilt?
Martin:
Mangelnde Kommunikation und zu geringe Wertschätzung der jeweiligen Akteure sind sicherlich für jedes Projekt störend. Bei Internationalisierungsprojekte sind die Anforderungen hier vielleicht noch etwas größer.

Bildquelle: Techconsult

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