07.08.2017 Mittelstand und Cloud

„Der Kunde entscheidet, in welcher Region Daten gespeichert werden“

Von: Ingo Steinhaus

Cloud-Dienstleister boomen - unter anderem die Amazon Web Services, die Unternehmen wie Kärcher oder AutoScout24 in die Cloud bringen.

Jochen Walter, Leiter des Mittelstandsgeschäfts bei AWS in Deutschland

Viele Mittelständler nutzen die Cloud nicht nur als erweiterte IT-Infrastruktur, sie bauen auch neue Geschäftsmodelle darauf auf wie beispielsweise Kärcher mit seiner IoT-Plattform zum Fleet-Management. Weitere interessante Details zu Einsatzszenarien und Use Cases beschreibt Jochen Walter, Leiter des Mittelstandsgeschäfts bei AWS in Deutschland, im Interview.

ITM: Wie weit ist ihrer Erfahrung nach der Mittelstand beim Einstieg in die Cloud?

Jochen Walter: Der Cloud Monitor 2017 des Branchenverbands Bitkom beispielsweise zeigt deutlich, dass die Akzeptanz für die Cloud gerade in kleinen und mittelständischen Unternehmen kontinuierlich steigt. So nutzen 64 Prozent der Betriebe mit 20 bis 99 Mitarbeitern heute die Cloud. Das entspricht einer Steigerung im Vergleich zum Vorjahr um zwölf Prozent. Aber auch der klassische Mittelstand mit 100 bis 1.999 Mitarbeiten sowie der gehobene Mittelstand setzen immer mehr auf Dienste in der Wolke. So ist der Anteil der Cloud-Nutzer bei dieser Gruppe um sieben Prozent auf 69 Prozent gestiegen. Diese Entwicklung können wir auch in unserer täglichen Arbeit beobachten. Immer mehr mittelständische Unternehmen aus Deutschland erkennen die Vorteile.

ITM: Was bietet AWS Skeptikern, die sich vor allem um Datenschutz und -sicherheit sorgen?

Walter: Der Schutz der Daten unserer Kunden hat für uns höchste Priorität. Sämtliche Angebote von AWS sind so konzipiert, dass unsere Kunden – in Deutschland allein sind das mehrere zehntausend – beim Konfigurieren und Bereitstellen der Lösungen flexibel bleiben und immer die volle Kontrolle über ihre Inhalte haben. Das beinhaltet selbstverständlich auch, wo und wie sie gespeichert werden und wer Zugriff darauf hat.

Einzig der Kunde entscheidet darüber, in welcher geografischen Region Daten gespeichert werden und ob Daten von einer Region in eine andere verschoben werden oder nicht. AWS ist nach zahlreichen weltweiten Datensicherheits- und Compliance-Standards zertifiziert, unter anderem auch nach dem neuen Anforderungskatalog C5 des BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik).

Dieser vereint das Beste aus bestehenden IT-Security-Standards und erweitert den BSI IT-Grundschutz-Standard um Anforderungen, die globale Cloud Service Provider besser berücksichtigen. Dementsprechend gehen wir auch davon aus, dass C5 sich auf europäischer Ebene weiterentwickeln und die Nutzung von Cloud Services in der freien Wirtschaft sowie auch für Kommunen und Behörden deutlich vereinfachen wird.

ITM: Welche Schwerpunkte zeigen Mittelständler beim Einsatz von AWS?

Walter: Generell ist die Bandbreite möglicher Einsatzszenarien der AWS-Cloud im Mittelstand sehr groß, und kann je nach Branche unterschiedliche Ausprägungen haben. So sehen wir beispielsweise in der Fertigungsindustrie ein zunehmendes Interesse für die Nutzung von Cloud Computing im Umfeld des Product Lifecycle Managements (PLM) oder Enterprise Resource Planning (ERP), und damit im „Kern“ der Unternehmen.

Auch im High Performance Computing (HPC) birgt die Nutzung der Cloud erhebliche Vorteile: einmal durch die Verkürzung der Zeit, in der Ergebnisse aus der Hochleistungsdatenverarbeitung vorliegen. Dadurch lässt sich die Produktivität von Ingenieuren besonders im Bereich Produktdesign und Simulation (CAD/CAE) stark erhöhen. Ebenso durch das Skalieren auf eine höhere Anzahl paralleler HPC-Aufgaben, als es in den meisten lokalen HPC-Umgebungen sinnvoll und möglich wäre, so dass auch sehr große Datenmengen schnell verarbeitet werden können.

Dadurch wird Rapid Prototyping einfach, schnell und zu geringen Opportunitätskosten ermöglicht. Andere Mittelständler wiederum verlagern in Massenmigrationsprojekten ihre gesamte Unternehmens-IT in die AWS-Cloud und nutzen fortan ein „virtuelles Rechenzentrum“, um flexible Kosten (Opex statt Capex) zu haben und durch optimierte Auslastung Gesamtkosten zu sparen.

Ein weiterer Vorteil, der sich bei einem solchen Vorhaben durch die Flexibilität und Skalierbarkeit der Cloud ergibt, ist die Möglichkeit zügig auf sich ändernde Anforderungen reagieren zu können bzw. dadurch auch proaktiv die Verkürzung der „Time-to-Market“ Zeiten der Geschäftseinheiten positiv zu beeinflussen. All dies erfordert weder langwierige und ungewisse Kapazitätsplanungen, noch jahrelange vertragliche Verpflichtungen.

ITM: Wie sehen solche Use Cases in der Praxis aus?

Walter: Einer unserer langjährigen deutschen Kunden ist die Alfred Kärcher GmbH & Co. KG aus dem schwäbischen Winnenden. Kärcher setzt seit 2012 auf AWS. Damals ging es darum, eine Plattform für die Bereitstellung von Bedienungsanleitungen anzubieten und die globale Website zu modernisieren. Kärcher war von den Möglichkeiten der Cloud beeindruckt und entschied sich 2013 dazu, seine IoT-Plattform Kärcher Fleet ebenfalls mit AWS zu betreiben – mit durchschlagendem Erfolg.

So lässt sich die Kapazität ganz nach Bedarf skalieren und dank der globalen Präsenz von AWS hat Kärcher weltweiten Zugriff auf eine flexible IT. Das Unternehmen kann jetzt virtuelle Server in der Cloud automatisiert überwachen und sie nach Bedarf vergrößern oder verkleinern. Die IT-Verantwortlichen profitieren von einem hohen Kontrollniveau, das mit traditioneller Hardware in dieser Form nicht möglich wäre.

Als weiteres Beispiel hat AutoScout24 „AWS First“ zu einem Architektur-Leitfaden des Unternehmens gemacht. Diese Leitlinie wird seit Ende 2014 konsequent verfolgt, als das Unternehmen nach der Übernahme durch private Investoren erkannte, dass es angesichts steigender Konkurrenz durch Startups und Internet-Firmen nur mit Schnelligkeit und Flexibilität bestehen kann.

Durch den Einsatz der AWS-Cloud konnte AutoScout24 Innovationszyklen für neue Produkte und Dienste deutlich zu verkürzen. Von Anfang an ging es nicht nur um die reine Inbetriebnahme der einzelnen Dienste, sondern vor allem auch um die Möglichkeit, schnell über verschiedenste Architekturen zu iterieren, Services miteinander zu kombinieren und Ansätze vergleichen zu können. Diese Form des schnellen Experimentierens und Rapid Prototypings auf Basis verschiedenster Technologien war im eigenen Rechenzentrum so nicht umsetzbar.

ITM: Bewirkt die Abwanderung der IT-Infrastruktur nicht (langfristig) einen starken Know-how-Verlust? Wie können Mittelständler dem entgegenwirken?

Walter: Das Gegenteil ist der Fall. In der Vergangenheit haben die wenigsten Unternehmen Know-how hinsichtlich des Betriebs ihrer IT-Infrastruktur deswegen aufgebaut, weil es ihr Kerngeschäft gewesen wäre. Vielmehr war und ist eine eigene IT-Infrastruktur früher ein echter „Business Enabler“. Diese Rolle des „Business Enablers“ lässt sich heute noch weiter ausbauen. Einsparungen und reduzierte Aufwände im IT-Betrieb, die sich durch den Einsatz der AWS-Cloud ergeben, können direkt in die Wertschöpfung investiert werden.

Außerdem ist eine Nutzung der AWS-Dienste nicht mit einem Outsourcing gleichzusetzen. Denn obwohl die Infrastruktur oder Teile davon in die AWS-Cloud wandern, behält der Kunde die volle Kontrolle über die Nutzung der Cloud-Ressourcen sowie die volle Datenhoheit. Dies bedeutet auch einen höheren Bedarf unserer Kunden, Cloud Know-How aufzubauen, um die neuen Möglichkeiten in der Cloud optimal zu nutzen und diese für neue Themen wie Digitalisierung, Industrie 4.0 oder Künstliche Intelligenz zu nutzen.

Bildquelle: AWS

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