12.06.2017 Dem Wandel gemeinsam begegnen

Digitalisierung: Deutsche Mittelstand weiter, als viele denken

Von: Anke Triebe

Bei der Digitalisierung ist der deutsche Mittelstand weiter, als viele denken. Günter Althaus, Präsident des Mittelstandsverbunds ZGV und Vorstand der ANWR Group, spricht über die wichtigsten Entwicklungen und erklärt, warum Unternehmen zunehmend auf Transparenz setzen müssen.

Als Präsident des Mittelstandsverbunds ZGV und Vorstandsvorsitzender der ANWR Group vertritt Günter Althaus die Interessen von tausenden kleineren und mittleren Unternehmen in Deutschland.

Als Präsident des Mittelstandsverbunds ZGV und Vorstandsvorsitzender der ANWR Group vertritt Günter Althaus die Interessen von tausenden kleineren und mittleren Unternehmen in Deutschland.

ITM: Herr Althaus, Hand aufs Herz: Wie gut ist der Mittelstand angesichts der digitalen Transformation aufgestellt? Hat er seine Hausaufgaben gemacht oder gibt es Nachholbedarf?
Günter Althaus:
Tatsächlich ist der deutsche Mittelstand gut vorangekommen und weiter, als so mancher glauben würde. Das liegt daran, dass wir als Verbraucher und Konsumenten – also Externe – die vielfältigen Entwicklungen von mittelständischen Unternehmen und deren Innovationsprozesse nicht registrieren können. Ich würde den Mittelstand sicher nicht als digitalen Vorreiter bezeichnen und es gibt natürlich auf vielen Ebenen Nachholbedarf. In Summe haben die Unternehmen aber wichtige Aufgaben gemacht, begegnen dem Wandel innovativ, weitsichtig und sehr aufgeschlossen. Viele Bereiche sind in Deutschland schon mit wegweisenden Technologien „durchdigitalisiert“ – weitere Lösungen stehen in den Startlöchern oder sogar unmittelbar vor dem Durchbruch.

ITM: In welchen Bereichen werden digitale Lösungen schon erfolgreich eingesetzt?
Althaus:
In der Warensteuerung für Verkaufsflächen beispielsweise. Bei dem Handelsunternehmen Schuh Mücke, das auch zur ANWR Group gehört, wird die sogenannte RFID-Technik in einem Pilotprojekt getestet und auch äußerst verheißungsvoll umgesetzt. Das „Radio Frequency Identification“-System wird Logistik und Handel revolutionieren, weil es z.B. Warenbestände kontaktlos, in großer Entfernung und in hohen Mengen erfasst.

Bestandstransparenz, Wareneingangserfassung, Prüfung an der Kasse, ob das richtige Paar Schuhe im Karton ist, beschleunigte Kassenprozesse, Standortsuche von Produkten – dies alles wird mittels RFID möglich und die Prozesse im Handel und in der Logistik deutlich verschlanken. Allerdings ist hierfür auch eine hohe Prozess- und Datenqualität erforderlich. Letztlich ermöglicht das Verfahren aber, dass sich Mitarbeiter im Handel durch die gewonnene Zeit stärker der Kundenberatung widmen können. Die Effizienz nimmt also zu. Und das ist nur ein Beispiel, wie innovative Zukunftstechnologien einen positiven Wandel auch für den selbstständigen Fachhandel herbeiführen.

ITM: Wo sind die Schnittstellen zum Verbraucher? Werden sie in die digitalen Prozesse eingebunden und wo profitieren sie von der Entwicklung?
Althaus:
Hier bietet sich der Einzelhandel als gutes Beispiel an. Digitalisierung heißt dabei heute deutlich mehr, als einen Online-Shop zu eröffnen. Nutzen für den Endkunden entsteht z.B. durch digitale Regalverlängerungen. Mithilfe von gemeinsamen Plattformen können Händler ihre Warenbestände mit denen anderer Kollegen oder der Industrie vernetzen und damit die Verfügbarkeit im einzelnen Geschäft erhöhen. Vorteil für die Kunden: Gibt es einen Artikel bei Händler A nicht, so kann er auf das Warenangebot von Händler B zurückgreifen, ohne das Geschäft wechseln zu müssen.

Das Prinzip, sich im Internet zu informieren und dann stationär zu kaufen, kann auf diese Weise auch für jeden Einzelhändler zum Erfolg werden, weil er über Web-Anwendungen z.B. seinen Warenbestand im stationären Laden auch online darstellen kann. Der Kunde sieht hierdurch, ob ein bestimmtes Produkt beim Händler verfügbar ist, kann es reservieren – und dann den Shop gezielt besuchen, um das Produkt vor Ort haptisch zu erleben.

ITM: Wie zufrieden sind Sie mit den Entwicklungen der digitalen Transformation im Mittelstand insgesamt – und wo schlummert noch Optimierungspotential?
Althaus:
Alles in allem darf der deutsche Mittelstand zufrieden mit seiner Anpassungsfähigkeit und Innovationskraft sein. Aber natürlich bedeutet hier, wie in kaum einem anderen Feld, Stillstand Rückschritt. Deshalb muss beherzt weitergearbeitet werden. Hier sehe ich vor allem das Management und die Geschäftsführer in der Pflicht. Die Digitalisierung lässt sich nicht an IT-Verantwortliche oder Digital Manager auslagern, sondern muss Chefsache bleiben. Davon bin ich überzeugt. Sie müssen den digitalen Wandel einleiten und vorleben – dabei ist die digitale Transformation auch keine Frage des Alters.

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