14.08.2017 Von Ignoranz bis Unterschätzung

Durch diese Faktoren scheitern Internationalisierungs-Projekte

Von: Lea Sommerhäuser

Laut Gregor Bieler, General Manager One Commercial Partner Group bei Microsoft Deutschland, gibt es mehrere Faktoren, die Internationalisierungsprojekte scheitern lassen: schlechtes oder fehlendes Projekt-Management, das Ignorieren von Befindlichkeiten der Mitarbeiter, das Unterschätzen der Themen Sicherheit, Datenschutz und Compliance.

Gregor Bieler, General Manager One Commercial Partner Group bei Microsoft Deutschland

„Ein internationaler Rollout ist ein anspruchsvolles Projekt“, betont Gregor Bieler von Microsoft.

ITM: Herr Bieler, ist „Internationalisierung“ ein Thema, das nur die „Großen“ betrifft? Welche Rolle spielt „Internationalisierung“, d.h. die Expansion über die Landesgrenzen hinaus, im deutschen Mittelstand?
Gregor Bieler:
Internationalisierung ist nicht nur ein Thema für große Unternehmen, sondern in erheblichem Maße auch für den deutschen Mittelstand. Wir haben gerade in Deutschland viele „Hidden Champions“ aus dem Mittelstand – mit weltmarktführenden Lösungen, aber ohne großen Namen. Internationalisierung meint übrigens nicht nur die Expansion in andere Länder, sondern immer häufiger auch internationale Kooperationen und internationale Wertschöpfungsketten.

ITM: Welche Faktoren treiben die Internationalisierung im deutschen Mittelstand voran?
Bieler:
Neben der zunehmenden Kooperation ist es vor allem die Spezialisierung. Der deutsche Mittelstand adressiert oft und sehr erfolgreich spezielle Nischenmärkte. Neue Technologien und insbesondere cloud-basierte Lösungen sind auch weltweit sehr gefragt und erleichtern das internationale Geschäft.

ITM: Mit welchem Aufwand ist die Expansion ins Ausland verbunden?
Bieler:
Darauf gibt es keine pauschale Antwort: Die Errichtung von Produktionsstandorten ist immer ein großer Aufwand, das Eingehen von Kooperationen dagegen vergleichsweise moderat. Auch unter Kostengesichtspunkten helfen moderne Cloud-Technologien, denn sie halten den Initialisierungsaufwand für internationale Geschäfte tendenziell niedrig.

ITM: Wie gestaltet sich der internationale Rollout von im Einsatz befindlichen Systemen wie ERP, DMS, CRM und Co.?
Bieler:
Es gibt den klaren Trend, über Standardisierung Synergien zu heben und Kosten zu sparen. Internationale Rollout-Projekte sind eine Herausforderung eher im organisatorischen Bereich, bei Prozessen und Schnittstellen etwa, weniger in technischer Hinsicht. In Industrien mit „reifen“ internationalen Branchenstandards sind Rollout-Projekte einfacher.

ITM: Inwieweit sind die entsprechenden Lösungen für den Einsatz in Tochtergesellschaften bzw. ausländischen Niederlassungen gerüstet? (Stichwort: z.B. Sprachbarrieren)
Bieler:
Um grenzüberschreitend produktiv sein zu können, müssen die Lösungen mehrsprachig, mandantenfähig und so flexibel sein, dass sie sich an regionale Besonderheiten (Gesetze, regulatorische Vorgaben, Compliance, Archivierung) anpassen lassen. Diese Grundeigenschaften sind in unseren Lösungen „by Design“, also von Beginn an vorhanden und erleichtern den internationalen Betrieb. Gleichzeitig hilft das hybride Betriebsmodell unserer Cloud-Plattform bei internationalen Rollouts in Konstellationen, in denen einzelne Landesgesellschaften unterschiedlich schnell (möglicherweise auch gar nicht) in eine Public Cloud gehen können. Dafür bieten wir maximale Wahlfreiheit zwischen Private Cloud, Partner Hosted Cloud und Public Cloud – aus Deutschland, der EU oder unseren weltweit verteilten Rechenzentren.

ITM: In jedem Land herrschen andere gesetzliche Bestimmungen z.B. hinsichtlich Finanzbuchhaltung, Lieferkette, Produktionssicherheit, Datenschutz etc. Inwieweit kann dies von den entsprechenden Lösungen berücksichtigt werden?
Bieler:
Das ist genau das, was wir unter der Anpassbarkeit einer Lösung verstehen. Unseren Unternehmenskunden stehen dafür einfach zu verwendende Programmierschnittstellen oder andere Methoden für das „Customizing“ einer Standardlösung zur Verfügung. Zudem helfen hier oft auch vorgefertigte Adaptionen unserer auf das internationale Geschäft spezialisierten Partner, die sich in den länderspezifischen Anforderungen an Sicherheit, Datenschutz und Compliance gut auskennen.

ITM: Was sind neben den technischen und rechtlichen Problemen weitere häufige Stolpersteine bei Internationalisierungsprojekten – etwa hinsichtlich dem Faktor „Mensch/Mitarbeiter“?
Bieler:
Solche Projekte sind nicht nur mit technischen und rechtlichen Herausforderungen verbunden. Oft haben sie auch einen Einfluss auf die Geschäftsprozesse und damit auch auf die Mitarbeiter der Unternehmen. Allgemein gesprochen, haben wir es im Change Management häufig mit klassischen Veränderungsszenarien zu tun, bei denen die Mitarbeiter schlicht mitgenommen werden müssen.

ITM: Wie ist es um die Sicherheit der Daten bestellt, die plötzlich Deutschland „verlassen“ bzw. auf die aus dem Ausland zugegriffen wird?
Bieler:
Mit der Internationalisierung bekommen Themen wie Sicherheit und Datenschutz in der Regel eine höhere Komplexität. Mittelständische Unternehmen stehen vor der Herausforderung, dass sie das Know-how dafür in ausreichendem Maße gar nicht im eigenen Haus haben. Die Nutzung von Cloud-Lösungen kann hier sehr helfen, weil Daten-, Ausfall- und Betriebssicherheit durch einen leistungsfähigen Anbieter sichergestellt werden.

ITM: Welche Rolle spielt hierbei die Cloud?
Bieler:
Unsere Cloud-Angebote basieren weltweit auf unseren Trusted-Cloud-Prinzipien Sicherheit, Datenschutz, Compliance und Transparenz. Damit garantieren wir unseren Kunden bestmöglichen Schutz auf Enterprise-Niveau. Die Cloud spielt also eine wichtige Rolle als Enabler, als Garant für Sicherheit und als Plattform für die Vermeidung prohibitiver Initialkosten.

ITM: Wie kann ein möglichst problemloser Rollout gewährleistet werden? Inwieweit greifen Sie als Anbieter/Berater Ihren Kunden, die ins Ausland expandieren (wollen), unter die Arme?
Bieler:
Ein internationaler Rollout ist ein anspruchsvolles Projekt – selbst wenn die gesamte Lösung aus der Cloud kommt – und muss als solches angegangen werden. Dazu gehört die Berücksichtigung aller schon besprochenen Aspekte von Technik über Regulatorik, Sicherheit, Datensicherheit bis hin zu dem Management des Change-Prozesses und eine gute Einbindung der Mitarbeiter. Hier spielen unsere Partner mit ihrer internationalen und Branchenexpertise eine herausragende Rolle. Auch wir selbst unterstützen unsere Kunden mit unserer weltweiten Erfahrung aus vielen vergleichbaren Projekten dieser Art.

ITM: Wann sind Internationalisierungsprojekte zum Scheitern verurteilt?
Bieler:
Da gibt es mehrere Faktoren: schlechtes oder fehlendes Projekt-Management, das Ignorieren von Befindlichkeiten der Mitarbeiter, das Unterschätzen der Themen Sicherheit, Datenschutz und Compliance.

Bildquelle: Microsoft

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