Outsourcing nach Mazedonien

Einen Blick über die Grenzen werfen

In Ost- und Südosteuropa, wie etwa im Balkanstaat Mazedonien, stehen viele potentielle Partner für eine sofortige Zusammenarbeit bereit. Auch für Mittelständler könnte sich ein Blick über die Grenzen Deutschlands hinaus lohnen.

Die ITK-Branche in Deutschland boomt. Im vergangenen Jahr legte ihr Umsatzvolumen um 2,8 Prozent auf 152 Mrd. Euro zu, und nach 28.000 Neueinstellungen 2011 wuchs die Zahl der Beschäftigten 2012 noch einmal um rund 10.000 auf insgesamt 886.000 Personen. Dennoch gibt es eine dramatische negative Entwicklung: Von 2009 bis 2012 hat sich laut Bitkom die Zahl der unbesetzten Stellen für IT-Experten in Deutschland auf etwa 43.000 mehr als verdoppelt. Nach einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Aris sind von dieser Entwicklung vor allem mittelständische Unternehmen mit 50 bis 249 Beschäftigten betroffen. Auf sie entfallen knapp 80 Prozent der offenen IT-Stellen. Sie suchen in erster Linie Software-Entwickler für betriebswirtschaftliche Anwendungen, Cloud Computing, Social Media und Mobile-Applikationen. „Der Fachkräftemangel kostet die Branche etwa einen Prozentpunkt Wachstum pro Jahr“, bedauert Bitkom-Präsident Prof. Dieter Kempf.

Nearshoring: Kulturelle Nähe und EU-Standards

Einen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden, gestaltet sich schwierig. Seit Jahren werden Ausbildungsinitiativen und eine Reform des Bildungswesens gefordert. Eine Qualifizierungsoffensive soll vor allem weibliche Fachkräfte für das Fach interessieren. Die Betriebe sollen mehr ausbilden, das Studium effizienter werden und weniger Studienabbrecher produzieren. In der Praxis aber schöpfen die großen Arbeitgeber nach wie vor den spärlichen Nachwuchs ab – der Mittelstand muss sich nach Alternativen umsehen. Die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte via Blue Card könnte hier langfristig eine Lösung sein. Um jedoch bereits jetzt an der wirtschaftlichen Entwicklung teilzuhaben und im Wettbewerb zu bestehen, könnte es sich für viele Mittelständler lohnen, wieder einmal einen Blick über die Grenzen Deutschlands hinaus zu werfen. Die EU und ihre Anrainerstaaten in Ost- und Südosteuropa wachsen immer mehr zusammen. Dort stehen viele potentielle Partner für eine sofortige Zusammenarbeit bereit.

Im Gegensatz zum Offshoring nach Asien finden Westeuropäer hier eine größere kulturelle Nähe, die gleiche Zeitzone und neben Englisch zum Teil sogar deutsche Sprachkenntnisse vor. Mit der Osterweiterung der EU haben sich die Lohnkosten in einigen neuen Mitgliedsstaaten durch die Einführung des Euro zwar erheblich verteuert, doch die Qualität der Dienstleistungen stimmt. Wer günstigere Angebote bei gleicher Qualität sucht, findet diese aber noch bei den aktuellen EU-Beitrittskandidaten, die alles daran setzen, ihre Wirtschaftsstruktur ganz auf die Vorgaben der Europäischen Union auszurichten. Mazedonien z.B. hat sich Westeuropa in den letzten Jahren politisch und wirtschaftlich angenähert. Seit 2005 zählt es zu den Beitrittskandidaten der EU. Die Weltbank listet den kleinen Balkanstaat in ihrem aktuellen Report „Doing Business 2012“ sogar unter den Top-Performern der letzten sechs Jahre.

Ein Fundament dieses Aufschwungs bildet die traditionell leistungsstarke mazedonische ITK-Branche, die im Rahmen staatlicher Reformen Lösungen für die Verbesserungen im Justizwesen, in der Finanz- und Wirtschaftsverwaltung sowie für Bürgerportale entwickelte. Mazedonien hat bereits viele EU-Standards wie z.B. zum Schutz geistigen Eigentums und von Patenten übernommen. „Kombiniert mit den niedrigen Lohnkosten macht dies Mazedonien zu einer Alternative als Nearshoring-Partner im ITK-Dienstleistungsbereich“, erklärt Anita Nikova, die Geschäftsführerin des ITK-Verbandes Masit. Zudem habe man im Land langfristig keine Verteuerung der Lohnkosten durch den Euro zu befürchten. Ein ausgebildeter Entwickler verdient derzeit umgerechnet rund 1.200 Euro im Monat, ein Projektmanager 1.500 Euro.

Mittelständische Prägung herrscht vor

Die meisten ITK-Firmen im Balkanstaat haben ihren Sitz in der Hauptstadt Skopje. Sie ist genauso weit entfernt von München oder Hamburg wie Barcelona. Wer einen Partner für ein IT-Projekt sucht, erreicht die Metropole mit Direktflügen von Düsseldorf, Berlin, Wien oder Zürich. Die Unternehmen sind mittelständisch geprägt und rekrutieren ihre Mitarbeiter aus zwölf Universitäten vor Ort. Die etablierteren Software-Unternehmen arbeiten schon seit zehn bis 15 Jahren professionell für Auftraggeber aus dem benachbarten Ausland, Westeuropa und den USA. Einige Firmen besitzen bereits Erfahrungen mit der Abwicklung von Projekten von Auftraggebern aus dem deutschsprachigen Raum, so z.B. Aspekt (für Bwin, Österreich), Axeltra (Multibase, Gilching), Gord Systems (T-Mobile; Diahem – Schweiz) oder Infinite Solutions (Icon Institute Köln, Dr. Karb GmbH Stuttgart und Lufthansa).

Rund die Hälfte der Unternehmen sind in den Bereichen Software-Entwicklung und ITK-Services aktiv. Das Know-how reiche, so Nikova, von Bankingprozessen über Cloud-Lösungen, Telekommunikationsinfrastrukturen, ERP, DMS, Business Intelligence, Internetservices bis hin zu Security- und Mobile-Lösungen. Die Entwickler bewegen sich auf allen gängigen Plattformen inklusive Open-Source-Technologien und in spezialisierten Branchen wie z.B. Finanzwesen, Medizin, Automotive und öffentliche Verwaltung. Neben Software-Entwicklung und -Implementierung bieten die Unternehmen auch Dienstleistungen wie Consulting, Training, Support und Maintenance an. Eine Anfrage könnte sich also lohnen.



Mazedonien...

  • … ist ein Binnenstaat, etwas kleiner als Belgien und hat mit rund zwei Millionen Einwohnern etwas weniger Einwohner als Thüringen.
  • Das Land ist zu 80 Prozent von Gebirge bedeckt. Die Bevölkerung lebt zu 59 Prozent in den Städten der Flussebenen, insbesondere in der Hauptstadt Skopje, Partnerstadt von Nürnberg und Dresden. Skopje ist mit 500.000 Einwohnern das politische, kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der seit 1991 unabhängigen ehemaligen jugoslawischen Republik.
  • Mazedonien gilt als eine der schwächsten Volkswirtschaften Europas mit hohen Arbeitslosenzahlen und einer schwachen Infrastruktur. Mazedonier (etwa zwei Drittel) und Albaner (ein Viertel) stellen die Mehrheit der Bevölkerung.

Bildquelle: © Macedonia Timeless: staatliche Tourismuszentrale

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