17.08.2017 Frisches aus der Box

Emmasbox: Vernetzte Abholstationen

Von: Martin Häußler

Das Internet der Dinge kommt zum Supermarkt: Stationäre Einzelhändler experimentieren mit Abholstationen für Online-Einkäufe von frischen Lebensmitteln.

  • Mit der gekühlten Abholstation „Emmasbox“ sind Lebensmittel rund um die Uhr verfügbar.

    Mit der gekühlten Abholstation „Emmasbox“ sind Lebensmittel rund um die Uhr verfügbar.

  • Mit der gekühlten Abholstation „Emmasbox“ sind Lebensmittel rund um die Uhr verfügbar.

    Mit der gekühlten Abholstation „Emmasbox“ sind Lebensmittel rund um die Uhr verfügbar.

  • Mit der gekühlten Abholstation „Emmasbox“ sind Lebensmittel rund um die Uhr verfügbar.

    Mit der gekühlten Abholstation „Emmasbox“ sind Lebensmittel rund um die Uhr verfügbar.

Der Angstgegner des Einzelhandels ist da: Im Mai startete der Lebensmittellieferdienst Amazon Fresh zunächst in Berlin und Potsdam. Den Vorteil des neuen Service sieht Florian Baumgartner, Deutschland-Chef des Lieferdienstes, in der Produktvielfalt. Amazon Fresh bietet rund 85.000 Artikel an, darunter Getränke, Milchprodukte, Lebensmittel und vieles mehr. Der stationäre Handel kann diese Vielfalt kaum bieten, da die meisten größeren Supermärkte nur etwa 12.000 Produkte gelistet haben.

Ob der Lieferdienst tatsächlich ein Erfolg wird, ist noch offen. Es ist allerdings schon länger absehbar, dass große E-Commerce-Anbieter in den Lebensmittelhandel einsteigen und damit auch ihre Umsätze bei „Fast Moving Consumer Goods (FMCG)“ ausbauen wollen.

Hier werden Claims abgesteckt, weil die Onliner eine Goldgrube vermuten: Der gesamte deutsche Lebensmittelmarkt bringt pro Jahr etwa 200 Mrd. Euro Umsatz. Der Anteil des Online-Handels liegt im Moment nur bei einem Prozent. Branchenexperten rechnen damit, dass er in den nächsten fünf Jahren auf etwa zehn Prozent anwachsen wird.

Zum Vergleich: Der Anteil des E-Commerce am gesamten Handelsumsatz liegt bei gut elf Prozent und er wächst weiter, denn ein Online-Einkauf ist für die Kunden bequem. Und genau hier könnte der stationäre Einzelhandel punkten. Viele Handelsketten setzen auf Lieferdienste, die aber einen Nachteil haben: Der Kunde muss zu Hause sein. Bei Frischeprodukten sollte innerhalb eines bestimmten Zeitfensters zugestellt werden, damit die Kühlkette nicht unterbrochen wird.

Doch es gibt eine für den Kunden attraktive Alternative: die Abholung. Gerade der stationäre Handel kann dies leicht ermöglichen, da er über das entsprechende Platzangebot inklusive einfach zugänglicher Parkplätze verfügt. Allerdings ist auch hier wieder ein Zeitfenster nötig, da Frischeprodukte nicht beliebig lange gelagert werden können. Doch die Praxis zeigt: Die Kunden haben kein Problem damit, diese Zeitfenster einzuhalten, die Ware lagert im Regelfall nur kurz in den gekühlten Abholstationen.

Web, Cloud und Software im Hintergrund

Obwohl der Handel sehr vorsichtig agiert und beispielsweise Lidl sein Abholsystem wieder gestoppt hat, gibt es seit zwei Jahren ein paar Pilotprojekte des Handelsunternehmens Edeka. So bietet die Deutsche Bahn in Stuttgart und Berlin von Edeka befüllte Abholstationen für Online-Einkäufe an. Die Regionalgesellschaft Edeka Südbayern ermöglicht in Gaimersheim bei Ingolstadt die Abholung von Online-Bestellungen in einer Kühlstation.

Die Stationen heißen „Emmasbox“ und wurden von dem Start-up Open Ideas entwickelt. Das Prinzip ist einfach: Die Kunden bestellen online Lebensmittel und Supermarktmitarbeiter legen sie in die gekühlte Abholstation. Die Kunden können sie rund um die Uhr dort abholen, indem sie einen Abhol-Code eingeben. Eine solche Box gilt als ideale Ergänzung zu E-Commerce und einem Lieferdienst, ergab die Auswertung der bisherigen Pilotprojekte. Viele nutzen je nach ihren persönlichen Bedürfnissen mal die Lieferung, mal die Abholung oder kombinieren Letzteres mit einem Supermarktbesuch.

Viele Kunden schätzen demnach nach einer Eingewöhnungszeit die Abholstation. Zudem hat die Abholung auch für den Händler einen Kostenvorteil: Nach bisherigen Erfahrungen liegt der Break-even hier bei einem Warenkorb von 50 Euro, bei der Lieferung eher beim Doppelten. Ein weiterer Kostenvorteil entsteht dadurch, dass die IT für Emmasbox vom Start-up und seinen Kooperationspartnern erledigt wird, denn das gesamte Abholsystem basiert stark auf leistungsfähiger und damit teurer Informations- und Telekommunikationstechnologie.

Die Grundfunktion der Boxen ist recht einfach, da es sich im Prinzip um Kühlschränke mit mehreren Fächern handelt, die ferngesteuert geöffnet werden können. Doch dahinter steckt wie bei vielen digitalisierten Lösungen ein Trio aus Internet, Cloud und Software. Die Self-Service-Terminals sind mit einem zentralen Cloud-Rechenzentrum verbunden. Dort regelt Software die Vergabe von Öffnungs-Codes für den Abholvorgang und stellt zwischen den Onlineshops der Lebensmittelhändler und den Boxen vor Ort die Verbindung her.

Was zunächst einfach klingt, ist bei genauerem Hinsehen deutlich komplexer. So müssen pro Einkauf bis zu drei Fächer mit unterschiedlichen Kühltemperaturen verwaltet werden – etwa für Tiefkühlprodukte, Waren aus der Kühltheke und Gemüse. Außerdem muss die Software eine optimale Befüllung berechnen und die Vergabe von Zeitfenstern für die Abholung regeln. Im Maschinenraum der Lösung arbeitet deshalb eine umfangreiche Infrastruktur, die vor allem eine stabile und ausreichend breitbandige Internet-Kommunikation benötigt. Dafür ist jede Station mit einem eigenen Netzanschluss ausgerüstet. Itenos sorgt dabei als Dienstleistungspartner für die Kommunikations-Hardware und den Netzbetrieb.

Eigenes, abgeschirmtes Netz

Die Stationen sind im Grunde Internet-of-Things-Geräte (IoT), d.h. vernetzte, computer-artige Maschinen, die an das Internet der Dinge angeschlossen sind. Dabei ist gerade die Verbindung zum zentralen Rechenzentrum eine potentielle Engstelle. Doch der Netzbetreiber sorgt mit seiner Protectservice-Plattform für einen reibungslosen Betrieb. Die Datenverbindungen der Abholstationen finden in einem eigenen, abgeschirmten Netzsegment mit garantierter Bandbreite statt.

Der Dienstleister verwaltet viele solcher Lösungen für Verkaufsautomaten, Packstationen, Lotto-Terminals oder Geldautomaten. Ein weiteres Beispiel dafür ist das elektronische Warenausgabe-System (EWA) einer deutschen Automatengesellschaft. Der Kunde „zieht“ vor der Kasse einen Bestellbon, bezahlt ihn und kann dann mit dem Bon an einem Automaten außerhalb der Kassenzone seine Waren bekommen. Der Vorteil für den Handel: Die Mitarbeiter müssen keine Ausgabegeräte bedienen und im Kassenbereich ist mehr Platz für attraktive Aktionsware.

Der Betrieb solcher Selfservice-Stationen ist keine einfache Aufgabe. Sie müssen ohne Benutzereingriff laufen und die Bedienung der internen Software sollte selbsterklärend sein, sodass auch technisch nicht so versierte Kunden keine Probleme damit haben. Das ganze System in Eigenregie zu entwickeln und zu betreiben würde einen enormen Aufwand bedeuten, sodass der Aufbau einer Infrastruktur für eine bundesweit ausgerollte Abhollösung besser bei Netzwerk- und Hosting-Spezialisten aufgehoben sein kann.

Bildquelle: Emmasbox

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