08.09.2017 Neue Märkte mit anderen Kulturen

„Expansion ins Ausland wird unterschätzt“

Von: Lea Sommerhäuser

„Häufig wird die Expansion ins Ausland deutlich unterschätzt“, betont Jan Hoffmeister, Managing Director und Chairman von Drooms, im Interview. Neben gründlicher Marktanalyse und vorhergehender Planung sei es auch entscheidend, sich auf Kultur und Gegebenheiten des neuen Marktes einzulassen.

Jan Hoffmeister, Drooms

„Mit der europäischen Datenschutzgrundverordnung wurden innerhalb der EU gemeinsame Grundlagen geschaffen, die es Unternehmen einfacher macht, Daten über Landesgrenzen auszutauschen“, so Jan Hoffmeister von Drooms.

ITM: Herr Hoffmeister, ist „Internationalisierung“ ein Thema, das nur die „Großen“ betrifft? Welche Rolle spielt „Internationalisierung“, d.h. die Expansion über die Landesgrenzen hinaus, im deutschen Mittelstand?
Jan Hoffmeister:
Gute Ideen und innovative Produkte kennen keine Landesgrenzen, daher ist die Internationalisierung für jede Unternehmensgröße relevant. Vor allen Dingen im deutschen Mittelstand ist die internationale Geschäftsausweitung wichtig für weiteres Wachstum. Die gestiegene Nachfrage insbesondere aus den benachbarten Euroländern lässt Deutschland zum Exportweltmeister aufsteigen – umso näher liegt es, sein Geschäft ins nahe Ausland auszuweiten. Entscheidend hierbei sind jedoch weiterhin gute Planung, Fokussierung auf das Kerngeschäft, Analyse des Bedarfs im jeweiligen Land und das Vermeiden einer „zu viel, zu schnell“-Mentalität.

ITM: Welche Faktoren treiben die Internationalisierung im deutschen Mittelstand voran?
Hoffmeister:
Die EU begünstigt die Internationalisierung des Mittelstands dank des stetigen Abbaus von Handelsbarrieren im EU-Raum. Insbesondere Deutschland bietet Platz für Kreativität und Unternehmertum, auch dank guter Investitions- und Arbeitsbedingungen. Die Bundesregierung ist sich über die Rolle des Deutschen Mittelstands als wichtiger Motor für Wirtschaftswachstum bewusst und bietet spezielle Förder- und Investitionsprogramme. Internationalisierung hängt nicht zuletzt auch an Mitarbeitern, die sie vorantreiben und mittragen. Im Mittelstand liegt die Herausforderung auch darin, Mitarbeiter von einer Vision zu überzeugen und mitzureißen, so dass ein Wir-Gefühl entsteht.

ITM: Mit welchem Aufwand ist die Expansion ins Ausland verbunden?
Hoffmeister:
Häufig wird die Expansion ins Ausland deutlich unterschätzt. Neben gründlicher Marktanalyse und vorhergehender Planung ist es auch entscheidend, sich auf Kultur und Gegebenheiten des neuen Marktes einzulassen. Da genügt es nicht, sich verständigen zu können – neben wirtschaftlichen Gegebenheiten spielen die rechtlichen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle. In jedem Fall sollte ein Team direkt vor Ort tätig sein – eine Expansion von außerhalb ist langfristig sicherlich schwierig.

ITM: Wie gestaltet sich der internationale Rollout von im Einsatz befindlichen Systemen wie ERP, DMS, CRM und Co.?
Hoffmeister:
Voraussetzung für die erfolgreiche Einführung dieser Systeme ist eine gründliche Analyse der Gegebenheiten eines Landes und deren Implementierung in das System. Neben den unterschiedlichen Währungseinheiten geht es vor allen Dingen um die unternehmensweite Einhaltung einheitlicher Prozesse auch im angestrebten Zielmarkt – aufgrund der Entfernung ist eine Kontrolle wesentlich aufwendiger bzw. schwieriger. Die zuvor im Headquarter festgelegten Prozesse können dabei möglicherweise für ein anderes Land aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen nicht greifen und das zieht eine Modifikation bestehender Prozesse nach sich. Die gängigsten Systeme bieten hierbei in der Regel ausreichend Flexibilität. Nicht zu vergessen ist das entsprechende Training der Personen vor Ort in der jeweiligen Landessprache. Das System und der hiermit implementierte Prozess sollte von allen in der Pflege des Systems beteiligten Personen verstanden werden. Die Sprache ist in der Regel kein Problem – dies berücksichtigen die gängigen Systeme bereits.

ITM: Inwieweit sind die entsprechenden Lösungen für den Einsatz in Tochtergesellschaften bzw. ausländischen Niederlassungen gerüstet? (Stichwort: z.B. Sprachbarrieren)
Hoffmeister:
Sprachbarrieren sind eher die Ausnahme. Unser tägliches Arbeitsumfeld ist heute sehr international – die Teams sind multinational aufgestellt mit Englisch als Unternehmenssprache. Die entsprechenden Lösungen sind für den internationalen Einsatz meist gut gerüstet.

ITM: In jedem Land herrschen andere gesetzliche Bestimmungen z.B. hinsichtlich Finanzbuchhaltung, Lieferkette, Produktionssicherheit, Datenschutz etc. Inwieweit kann dies von den entsprechenden Lösungen berücksichtigt werden?
Hoffmeister:
Die Anpassung an die jeweiligen Gegebenheiten eines Landes ist eine große Herausforderung im Rahmen einer Internationalisierung. Entweder man baut internes Know-how auf oder findet gute Berater vor Ort. Das Thema ist heute auch innerhalb der EU noch eine riesige Herausforderung. Ein nächster Schritt in Richtung eines gemeinsamen Marktes wären weitere Vereinheitlichungen bei diesen individuellen Bestimmungen.

ITM: Was sind neben den technischen und rechtlichen Problemen weitere häufige Stolpersteine bei Internationalisierungsprojekten – etwa hinsichtlich dem Faktor „Mensch/Mitarbeiter“?
Hoffmeister:
Die Bereitschaft von Menschen, international Verantwortung zu übernehmen, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es geht darum, die richtigen Mitarbeiter an den richtigen Stellen zu haben. Der Faktor Mensch ist enorm wichtig für eine erfolgreiche Internationalisierung – als Unternehmen liegt uns viel daran, unsere Kollegen mitzureißen und unsere unternehmerische Visionen mit ihnen zu teilen. Der Mitarbeiter muss das Gefühl von Sicherheit, Wertschätzung und Unterstützung durch das Unternehmen haben.

ITM: Wie ist es um die Sicherheit der Daten bestellt, die plötzlich Deutschland „verlassen“ bzw. auf die aus dem Ausland zugegriffen wird?
Hoffmeister:
Mit der europäischen Datenschutzgrundverordnung wurden innerhalb der EU gemeinsame Grundlagen geschaffen, die es Unternehmen einfacher macht, Daten über Landesgrenzen auszutauschen. Durch die Festlegung einer gemeinsamen Richtlinie für die Verarbeitung personenbezogener Daten und dem Schutz des freien Datenverkehrs ist es innerhalb der EU problemlos möglich, Daten sicher auszutauschen. Die Serverstandorte sollten sich daher immer innerhalb der EU befinden. Sobald man die Grenzen der EU verlässt, sollte geprüft werden, ob das Zielland über ein angemessenes Datenschutzniveau verfügt. Datensicherheit ist eines der größten Risiken für Unternehmen bei der Internationalisierung über EU-Grenzen hinaus.

ITM: Welche Rolle spielt hierbei die Cloud?
Hoffmeister:
Für eine Speicherung vertraulicher Unternehmensdaten ist ein Konzept für Sicherheit in der Cloud unerlässlich. Grundsätzliche sollte auf die Server-Location geachtet werden – Deutsche bzw. europäische Serverstandorte garantieren schon einmal ein hohes Datenschutzniveau durch die EU-Regulierung. Zusätzlich sollte die Übertragung der Daten verschlüsselt erfolgen. Unternehmen wissen beim Cloud Computing oft nicht, wo sich ihre Daten befinden und was mit ihnen durch wen geschieht. Einige europäische Anbieter virtueller Datenräume verhelfen Unternehmen zur vollen Kontrolle über ihre Daten: Über die umfangreiche Administration können die Nutzer selbst festzulegen, wer sensible Informationen sehen, speichern oder drucken darf. Außerdem werden individuelle Zugangsrechte von Benutzern festgelegt und die Verbreitung der Unternehmensinformationen überwacht. Sämtliche Aktivitäten werden in Echtzeit dokumentiert, wodurch ein zuverlässiger Prüfpfad entsteht. Dank SSL-Verbindungen mit AES-Verschlüsselung und 256-Bit-Schlüssellänge erfolgt ein sicherer Datenaustausch. Sämtliche Dokumente sind zudem durch Wasserzeichen geschützt.

ITM: Wie kann ein möglichst problemloser Rollout gewährleistet werden? Inwieweit greifen Sie als Anbieter/Berater Ihren Kunden, die ins Ausland expandieren (wollen), unter die Arme?
Hoffmeister:
Als europäischer Anbieter virtueller Datenräume für den sicheren Daten- bzw. Dokumentenaustausch bieten wir Unternehmen eine cloud-basierte Plattform, um auch international Projekte durchzuführen. Als europäisches Unternehmen unterhalten wir ausschließlich datenschutzkonforme Server in Deutschland und der Schweiz. Unsere Lösungen sind Lösungen ohne Landesgrenzen.

ITM: Wann sind Internationalisierungsprojekte zum Scheitern verurteilt?
Hoffmeister:
Eine Expansion mit schlechter Planung a la „zu viel, zu schnell“ führt zum sicheren Scheitern. Vorbereitung, gute Landeskenntnisse sowohl auf sprachlicher Ebene als auch hinsichtlich der legalen und wirtschaftlichen Gegebenheiten sind unerlässlich.

Bildquelle: Drooms

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