11.08.2017 Expansion ins Ausland

Hürden der Internationalisierung

Von: Lea Sommerhäuser

Gute Ideen und innovative Produkte kennen keine Landesgrenzen, daher ist die Internationalisierung für jede Unternehmensgröße relevant. Vor allem im deutschen Mittelstand ist die internationale Geschäftsausweitung für das Wachstum von immenser Bedeutung. Doch welche Hürden sind hierbei zu überwinden?

  • „Think global and act local“ ist nicht nur ein Marketing-Spruch.

    „Think global and act local“ ist nicht nur ein Marketing-Spruch.

  • Dirk Martin, Techconsult

    „Eine IT-Lösung kann vieles berücksichtigen und vorbereiten, nicht aber unterschiedliche gesetzliche Bestimmungen vereinen.“ Dirk Martin, Techconsult

  • Gregor Bieler, Microsoft

    „Die Errichtung von Produktionsstandorten ist immer ein großer Aufwand, das Eingehen von Kooperationen dagegen vergleichsweise moderat.“ Gregor Bieler, Microsoft

  • Jürgen Biffar, Docuware

    „Am wichtigsten ist es, die Menschen vor Ort, also auch in den Niederlassungen, schon in die Planungsphase mit einzubeziehen.“ Jürgen Biffar, Docuware

Die gestiegene Nachfrage insbesondere aus den benachbarten Euroländern lässt Deutschland zu einem Exportweltmeister aufsteigen – „umso näher liegt es, sein Geschäft ins nahe Ausland auszuweiten“, betont Jan Hoffmeister, Managing Director und Chairman von Drooms. Diese Ausweitung geht oftmals mit der Gründung von Tochtergesellschaften einher, um näher am ausländischen Kunden und Partner dran zu sein. Entscheidend hierbei sind jedoch eine gute Planung samt Analyse des Bedarfs im jeweiligen Land, die gleichzeitige Fokussierung auf das Kerngeschäft sowie das generelle Vermeiden einer „Zu viel, zu schnell“-Mentalität.

„Internationalisierung ist nicht nur ein Thema für große Unternehmen, sondern in erheblichem Maße auch für den deutschen Mittelstand“, pflichtet Gregor Bieler von Microsoft Deutschland bei. „Wir haben gerade hierzulande viele ‚Hidden Champions’ aus dem Mittelstand – mit weltmarktführenden Lösungen, aber ohne großen Namen“, so der General Manager One Commercial Partner Group, der unter Internationalisierung aber nicht nur die Expansion in andere Länder, sondern auch internationale Kooperationen und Wertschöpfungsketten versteht.

Erhebliche Synergieeffekte?

Faktoren, die die Internationalisierung vorantreiben, sind etwa die Spezialisierung, denn Mittelständler adressieren oft und sehr erfolgreich spezielle Nischenmärkte, sowie die Tatsache, dass in Deutschland hergestellte Güter mit guter Qualität verbunden werden. Stichwort: „Made in Germany“. Doch vor allem liefert die derzeit viel diskutierte „Digitalisierung“ auch „im Mittelstand Ansätze und Lösungen, schneller und zielgerichteter über Landesgrenzen hinaus aktiv zu werden“, weiß Dirk Martin, Director Research & Analytics sowie Geschäftsführungsmitglied bei der Techconsult GmbH.

Häufig wird die Expansion ins Ausland von den Unternehmen aber unterschätzt. Ein erhöhter Aufwand zu Beginn bleibt hier allerdings niemandem erspart. Der Grundgedanke gehe jedoch von „erheblichen Synergieeffekten“ aus, meint Martin, wenn sich die ersten Infrastrukturen erst einmal gebildet hätten. „Für unsere eigene Expansion kann ich sagen, dass die Kosten nicht das Thema sind“, berichtet indes Gregor Stöckler, CEO der Datavard-Gruppe, aus der Praxis. Vertrauen sei die große Herausforderung. „Wir benötigen ein lokales Management, das mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut ist und ein bestehendes Netzwerk erbringen kann.“

Gründliche Marktanalyse

Neben einer gründlichen Marktanalyse und vorhergehender Planung ist es vor allem entscheidend, sich auf die Kultur und Gegebenheiten des neuen Marktes einzulassen. Da genügt es nicht, sich verständigen zu können. So spielt etwa das Thema „Rechtssicherheit“ eine große Rolle, „da unterschiedliche Anforderungen der lokalen Gesetzgebung – innerhalb und außerhalb der EU – massiven Aufwand und Komplexität in die Prozesse treiben“, warnt Stöckler. Insbesondere im Personalwesen würden (Lohn-)Nebenkosten, Kündigungsregelungen, Rentensysteme und Krankenversicherungen große Herausforderungen darstellen. Nicht zu vergessen seien Zölle und Steuern – und man denke hier an die unterschiedlichen Währungseinheiten. „Die zuvor im Headquarter festgelegten Prozesse können dabei möglicherweise für ein anderes Land aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen nicht greifen“, ergänzt Jan Hoffmeister.

Da ist es nicht verwunderlich, dass auch der internationale Rollout von im Einsatz befindlichen Systemen wie Enterprise Resource Planning (ERP), Dokumenten-Management (DMS) und Customer Relationship Management (CRM) eine große Hürde darstellen kann. „Oft ist die Ausgangssituation durch viele verschiedene  im Einsatz befindliche Systeme schwierig, was historisch durch Firmenzukäufe erklärt werden kann“, so Thomas Krebs, Kompetenzfeldleiter Informationsprozesse bei der Miebach Consulting GmbH. Dadurch gebe es normalerweise auch keine Standardprozesse oder zentralen IT-Strukturen. Eine weitere Hürde seien falsche oder fehlende Stammdaten für Artikel, Stücklisten etc.

Generell sollten moderne Lösungen für ein internationales Rollout gerüstet sein. „Voraussetzung ist eine englische Version der Software, weitere Sprachen sind von Vorteil“, bemerkt Jürgen Biffar, Geschäftsführer der Docuware GmbH. „Wir bieten unsere Lösungen in 16 Sprachen an“, darunter etwa Arabisch, Chinesisch und Russisch. Die gesetzlichen Bestimmungen wiederum müssten entweder voreingestellt oder durch geeignete Konfigurationen berücksichtigt werden. Gleiches bestätigt Gregor Bieler: Die Lösungen müssen „mehrsprachig, mandantenfähig und so flexibel sein, dass sie sich an regionale Besonderheiten anpassen lassen“. Diese Grundeigenschaften seien in den Microsoft-Lösungen von Beginn an vorhanden und würden den internationalen Betrieb erleichtern.

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Solche Projekte sind allerdings nicht nur mit technischen und rechtlichen Herausforderungen verbunden. So ist der Faktor „Mensch“ enorm wichtig für eine erfolgreiche Internationalisierung. „Es geht darum“, erläutert Jan Hoffmeister, „die richtigen Mitarbeiter an den richtigen Stellen zu haben.“ Die Bereitschaft von Menschen, international Verantwortung zu übernehmen, sei aber sehr unterschiedlich ausgeprägt. Außerdem haben der demografische Wandel und Fachkräftemangel dazu geführt, „dass der Wettbewerb um gutes Personal in vielen Regionen der Welt hoch ist“, fügt Japhet Wünsch, Managing Director bei Raymond James European Advisory (RJEA), bei. Ist passendes Personal dann letztlich gefunden, sollten die Menschen vor Ort, also auch in den Niederlassungen, schon von Beginn an in die Planungsphase mit einbezogen werden.

Cloud und Sicherheit

Zwei Schlagworte, die im Rahmen von Internationalisierungsprojekten immer wieder auftauchen, sind „Cloud“ und „Sicherheit“. Denn laut Jürgen Biffar ermöglichen es gerade cloud-basierte Lösungen, die Internationalisierung effizient zu gestalten. Entsprechende technische Voraussetzungen seien dabei wichtig, damit kein Unbefugter Zugriff auf die Daten hat. Allerdings wissen Unternehmen beim Cloud Computing oft nicht, wo sich ihre Daten befinden und was mit ihnen durch wen geschieht. An dieser Stelle garantieren deutsche bzw. europäische Server-Standorte schon einmal „ein hohes Datenschutzniveau durch die EU-Regulierung“, meint Jan Hoffmeister. Zusätzlich sollte die Übertragung der Daten verschlüsselt erfolgen.

„Von der Vorstellung, dass Daten physisch und dediziert in Deutschland gespeichert werden, müssen wir uns aus meiner Perspektive verabschieden“, wirft Japhet Wünsch ein. Der IT-Bedarf jedes Mittelständlers sei typischerweise hybrid und habe somit meist auch Komponenten, oder anders gesagt „Work-loads“, welche in der Cloud besser aufgehoben sind. Insofern sei es von größter Bedeutung, den Infrastrukturpartner mit Sorgfalt zu wählen und ein geeignetes, globales Sicherheitskonzept zu entwickeln. Je nach Anforderungen an den Datenschutz können entweder Private- oder Public-Cloud-Lösungen in Betracht gezogen werden.

Experten frühzeitig involvieren

Hinter einem internationalen Rollout verbirgt sich letztlich ein anspruchsvolles Projekt – selbst wenn die gesamte Lösung aus der Cloud kommen sollte – und es muss auch als solches angegangen werden. Die bereits erwähnte Planung im Vorfeld, in die die Anwender mit einbezogen werden müssen (!), stellt das A und O eines erfolgreichen Rollouts dar. „Mangelnde Kommunikation und zu geringe Wertschätzung der jeweiligen Akteure sind sicherlich für jedes Projekt störend“, bekräftigt Dirk Martin.

Man sollte auch nicht zu starr und dogmatisch vorgehen, empfiehlt Gregor Stöckler. „Viele Prozesse und Regelungen in Unternehmen beruhen auf einfachen Annahmen, über die wir uns keine Gedanken mehr machen: Verfügbarkeit der Infrastruktur, Arbeitszeiten, Rechtssicherheit, Gleichbehandlung von Mann und Frau, Einhaltung ethischer und moralischer Standards, Bildung sowie Mobilität. Wie Julius Cäsar schon sagte: andere Länder, andere Sitten.“ Wer nicht aufmerksam zuhöre und kein Verständnis für die lokalen Gegebenheiten aufbringe, sorge für viel Aufwand, Frust und Unverständnis. „Think global and act local“ ist laut Stöckler nicht nur ein Marketing-Spruch. Die Notwendigkeit, Prozesse und Steuerungsmethoden so flexibel, gleichzeitig aber auch effektiv zu gestalten, dass sie international zum Erfolg führen, sei sehr schwierig.

Es ist also stets ratsam, Experten frühzeitig zu involvieren und sich bei der Entscheidungsfindung für benötigte Lösungen unterstützen zu lassen. „Zu guter Letzt muss man allerdings auch immer dazu bereit sein, die Notbremse zu ziehen“, betont Japhet Wünsch abschließend. Dies sei für Unternehmen oft der schwierigste Teil, insbesondere wenn sie schon viel Zeit, Mühe und Geld investiert haben.

Bildquelle: Thinkstock / iStock

 

 

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