12.10.2017 Optimierung der eigenen Wertschöpfung

Industrie-4.0-Beratung im Mittelstand

Von: Lea Sommerhäuser

„Die Beratung zum Thema ‚Industrie 4.0’ kann die schnelle Umsetzung von Konzepten bei mittelständischen Kunden unterstützen“, meint Dr. Stefan Benett, Geschäftsführer der Inverto GmbH. Dabei gehe es in erster Linie um praktische, direkt umsetzbare Schritte zur Optimierung der eigenen Wertschöpfung.

Dr. Stefan Benett, Geschäftsführer der Inverto GmbH

„Die Realisierung der Potentiale von Industrie 4.0 erfolgt im besten Fall schrittweise durch konkrete, aufeinander abgestimmte Einzelmaßnahmen“, betont Dr. Stefan Benett, Geschäftsführer der Inverto GmbH.

ITM: Herr Dr. Benett, inwieweit sind digitalisierte, automatisierte und vernetzte Prozesse bereits in mittelständischen Betrieben verankert? Ist es nicht so, dass die Prozesse in den Produktionen schon recht lange automatisiert und vernetzt sind und dieser Tage aber als „Industrie 4.0“ gehypt werden?
Dr. Stefan Benett:
Die Konzepte der Vernetzung und Automatisierung, die der Industrie 4.0 zugrunde liegen, sind seit längerem bekannt und als technische Einzellösungen häufig bereits etabliert. Neu sind die breite Verfügbarkeit kostengünstiger technischer Lösungen zur effektiven Vernetzung von Produktionssystemen sowie eine deutlich verbesserte Leistungsfähigkeit in der Verarbeitung und wirtschaftlichen Nutzung großer Datenmengen. Entscheidend für eine erfolgreiche Anwendung ist die Identifikation unternehmensspezifisch relevanter Anwendungsfelder, die dann über die Integration standardisierter Bausteine erschlossen werden können.

ITM: Welchen Stellenwert besitzt demnach Industrie-4.0-Beratung im Mittelstand? Inwieweit benötigen mittelständische Unternehmen überhaupt konkrete Beratung in diesem Bereich?
Benett:
Die Beratung zum Thema „Industrie 4.0“ kann die schnelle Umsetzung von Konzepten bei mittelständischen Kunden unterstützen. Dabei geht es in erster Linie um praktische, direkt umsetzbare Schritte zur Optimierung der eigenen Wertschöpfung sowie der Vernetzung z.B. in der Lieferantenintegration oder der Fertigungsautomatisierung. Erfolgsfaktoren sind ein unternehmensspezifisches Verständnis zum aktuellen Entwicklungsstand der Digitalisierung sowie den Potentialen entlang der unternehmensspezifischen Prozesse. Darüber hinaus ist ein kontinuierlicher, koordinierter Erfahrungsaustausch mit vergleichbaren Unternehmen sowie Forschungseinrichtungen hilfreich, um konkrete Anwendungsfelder zu identifizieren.

ITM: Wie setzen Sie als IT-Berater/-Dienstleister hier an? Wie ist Ihre Vorgehensweise?
Benett:
Im Rahmen unseres Beratungsschwerpunktes Einkaufstransformation und Supply-Chain-Performance setzen wir vor allem an den Möglichkeiten zur besseren Vernetzung von Lieferanten und Unternehmen an. Dazu gehören in der Einkaufsorganisation beispielsweise die gezielte Nutzung von Technologien zur Beschleunigung von Einkaufsprozessen z.B. durch die Unterstützung des E-Procurement/E-RFQs, Robotic Process Automation (RPA) sowie durch verbesserte Analysemethoden in der Begleitung strategischer Einkaufsentscheidungen.

ITM: Mit welchen Methoden und Tools lassen sich die Prozesse, Anlagen- und Automatisierungstechnik sowie IT- und Kommunikationskonzepte eines Mittelständlers in Hinblick auf „Industrie 4.0 und IoT“ analysieren und die technische Machbarkeit sowie Wirtschaftlichkeit bewerten?
Benett:
Neben einem detaillierten Verständnis der Ausgangssituation sowie operativer Herausforderungen und möglicher Verbesserungspotentiale ist auch ein grundlegendes Verständnis hinsichtlich des spezifischen Mehrwerts der Investitionen in Industrie 4.0 erforderlich. Dann können pragmatische Lösungskonzepte entwickelt und umgesetzt werden. Ziel ist in der Regel ein „Bebauungsplan“, der gezielte Investitionen und Entwicklungsschritte zum Ausbau der Kompetenz und Vernetzung vorzeichnet, z.B. durch Investitionen in Fertigungsautomatisierung und Smart-Factory-Technologien, Datenerhebung und -übermittlung bzw. die Automatisierung von Entscheidungsprozessen.

ITM: Wann reicht ein „pauschales Konzept“, wann ist eine „individuelle Strategie“ nötig?
Benett:
Eine Reihe möglicher Maßnahmen sind vergleichbar und können eine gute Ausgangsbasis zur Konzeptentwicklung darstellen. Darüber hinaus benötigt jedes Unternehmen einen individuellen Vorgehensplan, um seine Stärken im Rahmen des Produktionskonzeptes erfolgreich weiterentwickeln zu können. Die Realisierung der Potentiale von Industrie 4.0 erfolgt dabei im besten Fall schrittweise durch konkrete, aufeinander abgestimmte Einzelmaßnahmen.

ITM: Welche Rolle spielen die Mitarbeiter auf dieser „digitalen Reise“ eines Unternehmens?
Benett:
Die Akzeptanz sowie der Aufbau von spezialisierten Fähigkeiten der Mitarbeiter ist entscheidend. Hierzu spielt der Aufbau spezifischer Fachkompetenzen zur Konzeption und Umsetzung von industrie-4.0-bezogenen Maßnahmen eine besondere Rolle. Daneben kommt dem Change-Management eine ganz besondere Bedeutung zu, um Akzeptanz für Veränderungen zu schaffen, beispielsweise die Entlastung von Routinetätigkeiten und mehr Zeit für strategisch/konzeptionelle Aufgaben. Hier kann der Einblick in das praktische Zusammenspiel von Industrie-4.0-Komponenten durch Modellfabriken wichtige Einblicke geben. Die Boston Consulting Group betreibt beispielsweise Standorte mit Industrie-4.0-Modellfabriken zusammen mit der RWTH Aachen und der Smart Factory des German Research Center for Artificial Intelligence in Kaiserslautern. Diese Modellfabriken bieten die Möglichkeit, konkrete Anwendungsbeispiele von Industrie 4.0 im Produktionsprozess erfahrbar zu machen und im Zusammenspiel in der Praxis zu kennenzulernen.

ITM: Was zeichnet einen guten IT-Berater/-Dienstleister im Bereich „Industrie 4.0/IoT“ letztlich aus? Worauf sollten Mittelständler achten, wenn sie sich entsprechende Hilfe suchen?
Benett:
Die Fähigkeit, sinnvolle Einzelinvestitionen in einem Gesamtkonzept zu integrieren, das den wirtschaftlichen und den Kundennutzen optimiert, ist ein wesentliches Element. Dies erfordert einerseits eine fundierte Kenntnis der technischen Lösungen und ihrer praktischen Anwendung. Zudem sind Erfahrungen in der methodischen Optimierung und Neugestaltung von unternehmensübergreifenden Wertschöpfungsketten und Produktionssystemen entscheidende Kompetenzen. Aus unserer Sicht sind Projektreferenzen von Kunden zu Projektergebnissen sowie eine Kenntnis innovativer Technologieplattformen wesentliche Kennzeichen einer erfolgreichen Zusammenarbeit.

Bildquelle: Inverto

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