06.09.2017 „Immer bereit sein, die Notbremse zu ziehen“

Internationalisierung will gut vorbereitet sein

Von: Lea Sommerhäuser

Gerade bei Internationalisierungsprojekten ist eine gute Vorbereitung unverzichtbar – „egal ob für Software, IT-Infrastruktur oder M&A“, betont Japhet Wünsch, Managing Director bei Raymond James European Advisory, im Interview. Man müsse auch immer dazu bereit sein, die Notbremse zu ziehen. Dies sei für Unternehmen oft der schwierigste Teil, insbesondere wenn man schon viel Zeit, Mühe und Geld investiert habe.

Japhet Wünsch, RJEA

„Der deutsche IT-Mittelstand steckt bereits mitten in der Internationalisierung“, so Japhet Wünsch, Managing Director bei Raymond James European Advisory.

ITM: Herr Wünsch, ist Internationalisierung ein Thema, das nur die „Großen“ betrifft? Welche Rolle spielt Internationalisierung, d.h. die Expansion über die Landesgrenzen hinaus, im deutschen Mittelstand?
Japhet Wünsch:
Der deutsche IT-Mittelstand steckt bereits mitten in der Internationalisierung: Schon heute erwirtschaftet mehr als die Hälfte der mittelständische IT-Wirtschaft ihre Umsätze mit Exporten ins Ausland. Es geht also nicht mehr darum, ob Internationalisierung ein Thema ist – sondern wie intensiv die weltweite Expansion in Zukunft verfolgt werden kann.

ITM: Welche Faktoren treiben die Internationalisierung im deutschen Mittelstand voran?
Wünsch:
Ein zentraler Faktor ist die Digitalisierung von Geschäftsmodellen. Durch den stetig wachsenden Rückgriff auf Cloud-Technologien verschwinden vor allem für das produzierende Gewerbe sowie Service-Unternehmen bestehende Grenzen. Im Grunde wird dadurch sogar die ganze Welt zu einem Markt – dies bedeutet aber auch, dass Wettbewerber nicht mehr nur aus einer anderen Stadt, sondern zunehmend auch aus anderen Ländern bzw. von anderen Kontinenten kommen. Aus technologischer Sicht ergeben sich aus der Nutzung der Cloud spannende Fragen, insbesondere in den Bereich der Datenverfügbarkeit sowie beim Datenschutz.

ITM: Mit welchem Aufwand ist die Expansion ins Ausland verbunden?
Wünsch:
Wenngleich Expansionen einer strukturierten und umfassenden Vorbereitung bedürfen, kann der Aufwand mit dem Einsatz der richtigen technischen Lösung reduziert werden. Zum Tragen kommt dies beispielsweise auch bei M&A-Aktivtäten, insbesondere wenn das notwendige Know-how nicht im Unternehmen vorhanden ist oder ein starkes regionales Standbein nötig ist.

ITM: Wie gestaltet sich der internationale Rollout von im Einsatz befindlichen Systemen wie ERP, DMS, CRM und Co.?
Wünsch:
Im Kern liegen die Vorteile solcher Systeme auf der Hand. Dennoch ist die Umsetzung solcher internationalen Vorhaben nicht leicht und bedarf einer gründlichen Planung. Zunächst sollte die Vereinheitlichung von Prozessen global durchgesetzt werden. In einem zweiten Schritt ist es von großer Bedeutung, eine geeignete IT-Infrastruktur zu wählen. Die richtige Abstimmung der Software auf die Infrastruktur, ob „inhouse“ oder per Hosting, ist in meinen Augen die wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen globalen Rollout.

ITM: Inwieweit sind die entsprechenden Lösungen für den Einsatz in Tochtergesellschaften bzw. ausländischen Niederlassungen gerüstet? (Stichwort: z.B. Sprachbarrieren)
Wünsch:
Grundsätzlich sollen solche Lösungen global genutzt werden können. Trotzdem muss die Mehrsprachigkeit als eigenes Projekt betrachtet werden – denn gerade in osteuropäischen oder asiatischen Märkten reicht ein System in englischer Sprache nicht aus, z.B. wenn es um Lieferpapiere oder Leistungsnachweise geht.

ITM: In jedem Land herrschen andere gesetzliche Bestimmungen z.B. hinsichtlich Finanzbuchhaltung, Lieferkette, Produktionssicherheit, Datenschutz etc. Inwieweit kann dies von den entsprechenden Lösungen berücksichtigt werden?
Wünsch:
Um die verschiedenen gesetzlichen Bestimmungen einzuhalten, gehen immer mehr Technologieanbieter Kooperationen ein oder kaufen regionale Anbieter mit entsprechendem Know-how. Dies spiegelt sich auch in einem starken Anstieg an grenzüberschreitenden Transaktionen wider, welchen wir derzeit beobachten können.

ITM: Was sind neben den technischen und rechtlichen Problemen weitere häufige Stolpersteine bei Internationalisierungsprojekten – etwa hinsichtlich dem Faktor Mensch bzw. Mitarbeiter?
Wünsch:
Ein Kernthema ist sicherlich die Auswahl geeigneter Mitarbeiter vor Ort sowie deren Integration in die bestehende Unternehmensstruktur und -kultur. Demografischer Wandel und Fachkräftemangel haben dazu geführt, dass der Wettbewerb um gutes Personal in vielen Regionen der Welt hoch ist. Daher ist es in meinen Augen manchmal auch ratsam, den Weg des anorganischen Wachstums zu wählen. So stellt man sicher, dass man eine bereits etablierte und funktionierende Betriebseinheit vor Ort hat.

ITM: Wie ist es um die Sicherheit der Daten bestellt, die plötzlich Deutschland „verlassen“ bzw. auf die aus dem Ausland zugegriffen wird?
Wünsch:
Von der Vorstellung, dass Daten physisch und dediziert in Deutschland gespeichert werden, müssen wir uns aus meiner Perspektive verabschieden. Der IT-Bedarf eines jeden Mittelständers ist typischerweise hybrid und hat somit meist auch Komponenten, oder anders gesagt „Workloads“, welche in der Cloud besser aufgehoben sind. Insofern ist es von größter Bedeutung, den Infrastrukturpartner mit Sorgfalt zu wählen und ein geeignetes, globales Sicherheitskonzept zu entwickeln. Für ein internationales Konzept sollte man eine internationale IT-Infrastruktur betreiben – bei letzterer in Landesgrenzen zu denken, ist wenig zielführend und kaum umsetzbar.

ITM: Welche Rolle spielt hierbei die Cloud?
Wünsch:
Die Cloud kann helfen, Prozesse zu vereinfachen – außerdem ist sie für Workloads mit hoher Volatilität sehr gut geeignet. Je nach Anforderungen an den Datenschutz können dabei entweder Private- oder Public-Cloud-Lösungen in Betracht gezogen werden. Cloud-Lösungen werden aber in der Regel nur ein Teil der Komplettlösung sein und bestehende Infrastrukturen nicht vollständig ersetzen. Aufgrund der Tatsache, dass die Cloud – vor allem in Deutschland – noch in den Kinderschuhen steckt, erwarten wir weiterhin eine signifikant ansteigende Nachfrage nach Cloud-Produkten für nationale als auch internationale IT-Projekte.

ITM: Wie kann ein möglichst problemloser Rollout gewährleistet werden? Inwieweit greifen Sie als Berater Ihren Kunden, die ins Ausland expandieren (wollen), unter die Arme?
Wünsch:
Als globale M&A-Beratung sind mehr als 70 Prozent unserer Projekte grenzüberschreitend. Insofern haben wir detaillierte Kenntnisse verschiedenster Märkte sowie Sektoren und können unseren Kunden bei potentiellen Zukäufen bestmöglich helfen. Unser Ziel ist es, u.a. dass sich unsere Mandanten weiterhin voll auf das operative Tagesgeschäft konzentrieren können. Wir managen unsererseits parallel den gesamten M&A-Prozess, was typischerweise ein sehr arbeitsintensiver Vorgang ist und ohne Fachwissen kaum zu stemmen wäre.

ITM: Wann sind Internationalisierungsprojekte zum Scheitern verurteilt?
Wünsch:
Auch wenn es austauschbar klingt: Gerade bei Internationalisierungsprojekten ist eine gute Vorbereitung unverzichtbar. Egal ob für Software, IT-Infrastruktur oder M&A – es ist immer ratsam, Experten frühzeitig zu involvieren und sich bei der Entscheidungsfindung unterstützen zu lassen. Zu guter Letzt muss man allerdings auch immer dazu bereit sein, die Notbremse zu ziehen. Dies ist für Unternehmen oft der schwierigste Teil, insbesondere wenn man schon viel Zeit, Mühe und Geld investiert hat.

Bildquelle: RJEA

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