08.09.2017 Drei Fragen an zwei Experten

Internationalisierung: Worauf aus IT-Perspektive achten?

Qualifiziertes Personal und geeignete IT-Systeme sind Voraussetzung für den Expansionsdrang der Mittelständler ins Ausland. IT-MITTELSTAND hat zwei Experten gefragt, worauf es dabei aus IT-Perspektive vor allem zu achten gilt.

  • Frank Siewert, Comarch

    „Die größten Fettnäpfchen liegen im rechtlichen Bereich. Innerhalb der EU gibt es einheitliche Richtlinien, gerade in Sachen Verbraucherschutz bei Onlineshops.“ Frank Siewert, Vorstand der Comarch Software und Beratung AG

  • Alice von Korff, IAS

    „Der Hauptexportmarkt für mittelständische Unternehmen sind die ‚alten‘ Länder der Europäischen Union, vor allem Frankreich und die Niederlande.“ Alice von Korff, Sales Representative der Industrial Application Software GmbH

  • Es gilt zu klären, ob es genügend qualifiziertes Personal für die geplante Expansion gibt – und ob die IT-Systeme dafür überhaupt geeignet sind.

    Es gilt zu klären, ob es genügend qualifiziertes Personal für die geplante Expansion gibt – und ob die IT-Systeme dafür überhaupt geeignet sind.

Deutschland hat nach Berechnungen des Ifo-Instituts im vergangenen Jahr China als Land mit dem größten Exportüberschuss abgelöst. 2015 war die Reihenfolge noch andersherum. An den großen Exporterfolgen hat der Mittelstand – das Herz der deutschen Volkswirtschaft –  maßgeblichen Anteil, denn Internationalisierung ist auch für kleinere Firmen längst kein Fremdwort mehr. Neue Absatzmärkte locken mit attraktivem Umsatzwachstum, neue Lieferanten aus anderen Regionen der Welt versprechen Zeit- oder Kostenvorteile. Doch kennt man sich auf den Auslandsmärkten nicht aus, kann eine geplante Expansion auch anders laufen als gewünscht.

Auf den Entschluss, die Internationalisierung voranzutreiben, folgt eine endlose Reihe kniffliger Entscheidungen:

  • Welche Märkte sind relevant?
  • Welche Form der Expansion bietet sich an?
  • Welche Strukturen müssen dafür geschaffen werden und welche geschriebenen oder auch ungeschriebenen Gesetze gilt es zu beachten?


Vor allem aber gilt es zu klären, ob es genügend qualifiziertes Personal für die geplante Expansion gibt – und ob die IT-Systeme dafür überhaupt geeignet sind. Denn in der Regel bremsen Infrastrukturdefizite den Expansionsdrang der Mittelständler ins Ausland. IT-MITTELSTAND hat daher zwei IT-Experten gefragt, worauf es dabei aus IT-Perspektive vor allem zu achten gilt.

ITM: Deutschland ist Exportweltmeister, der Mittelstand als Motor der Volkswirtschaft kann in Sachen Internationalisierung also gar nicht so schlecht sein. In welchen Regionen der Welt und in welchen Branchen treibt der Mittelstand derzeit die Internationalisierung besonders stark voran – und wo beobachten Sie Nachholbedarf?
Alice von Korff:
Der Hauptexportmarkt für mittelständische Unternehmen sind die „alten“ Länder der Europäischen Union, vor allem Frankreich und die Niederlande. Doch auch die „neuen“ EU-Mitgliedsstaaten gewinnen im Export immer mehr an Bedeutung. Ein weiterer wichtiger Exportmarkt für den deutschen Mittelstand sind die USA. Derzeit tut sich unserer Ansicht nach ein vielversprechender Exportmarkt in Asien auf, vor allem in China und Indien. Auch hier sehen wir Potential für den deutschen Mittelstand. Im Hinblick auf die Branchen sind die im Bereich der Kraftfahrzeuge und Kraftfahrzeugteile führend, aber auch der Maschinen- und Anlagenbau sowie Geräte zur Verarbeitung von Daten.

Frank Siewert: Die meisten Waren aus Deutschland werden innerhalb der Europäischen Union verkauft. Viele mittelständische Fertigungsbetriebe verkaufen ihre Produkte international und produzieren in Deutschland oder der Schweiz. Angesichts des globalen Wettbewerbs benötigen diese Firmen Lösungen zur Prozessoptimierung und Effizienzsteigerung und entscheiden sich für Comarch ERP.

Gleichzeitig gibt es langjährige Anwender, die noch einen Schritt weiter gehen – z.B. Richtung „Industrie 4.0“, um konkurrenzfähig produzieren zu können. Natürlich gibt es aber auch viele Firmen, die Produktionsstandorte in Asien haben und in Europa verkaufen. Hier spielen dann Themen wie Multisite eine Rolle. Im Handel beobachten wir, dass Handelsketten immer stärker expandieren, neue Märkte in (Ost-)Europa erschließen und ihr Filialnetz ausdehnen. Dazu ist eine offene und agile Warenwirtschaft essentiell. Wo wir Nachholbedarf sehen, ist einerseits bei flexiblen, offenen Systeme statt schwerfälliger und veralteter ERP-Lösungen aus dem letzten Jahrtausend und bei einer durchgängigen Omnichannel-und Digitalisierungsstrategie.

ITM: Moderne IT kann die Internationalisierung beschleunigen. Worauf muss der Mittelständler bei der Erweiterung seiner IT-Systeme für neue Zielmärkte achten – und wie kann ihn der Software-Lieferant dabei aktiv unterstützen?
Siewert:
Eine moderne IT-Architektur besteht aus offenen, vernetzt Systemen, die gut miteinander kommunizieren können. So entstehen dann Netzwerke aus intelligenten Produktionsmaschinen oder Vertriebskanälen. Diese Offenheit schafft Flexibilität, die angesichts des bestehenden Wandels grundsätzlich wichtig ist und wirklich entscheidend wird, wenn man in neue Länder geht. Ein zentrales ERP-System muss produktoffen, menschenoffen sowie agil und schnell sein. Basis dafür ist die bereits erwähnte Multisite-Struktur auf verschiedenen Ebenen – wie Rechnungswesen, Einkauf, Verkauf und Logistik. So werden schnelle Anpassungen an neue nationale Märkte, Gesetzgebungen, neue Webshops oder Produktionsmaschinen sichergestellt. Dabei soll die Software den Menschen nicht ersetzen, sondern seine Arbeit erleichtern und in Teilen autark agieren, sowohl bei Industrie 4.0 als auch bei Omnichannel und digitaler Kasse. Projektmethodiken in Firmen müssen genauso agil sein wie die Software, etwa wie die Projektarbeit nach „Business Scrum“.

von Korff: Sicherlich kann moderne IT zumindest die Prozesse, die für die Internationalisierung notwendig sind, beschleunigen. Das mittelständische Unternehmen sollte im Hinblick auf die Software darauf achten, dass diese flexibel ist und die Möglichkeit besteht, diese an die sich ändernden Marktbedingungen anzupassen. Die Anbindung an Kunden und Lieferanten – beispielsweise über Portale – sollte für solch ein System keine Probleme darstellen. Darüber hinaus muss die Software alle Funktionen abdecken, die notwendig sind, um Waren ins Ausland (nicht nur EU, sondern auch Drittländer) zu verkaufen. Dies kann nicht jedes ERP-System, aber der Anbieter sollte über Partnerschaften mit entsprechend spezialisierten Systemhäusern verfügen. Eben hier kann der ERP-Anbieter unterstützen.

ITM: Beispiel „internationale Onlineshops“: Was sind die größten Stolperfallen für Mittelständler bei der internationalen Ausweitung ihrer E-Commerce-Aktivitäten?
Siewert:
Die größten Fettnäpfchen liegen im rechtlichen Bereich. Innerhalb der EU gibt es einheitliche Richtlinien, gerade in Sachen Verbraucherschutz bei Online-shops. Hier ist unsere Webshop-Lösung z.B. schon so vordefiniert, dass Pflichtabgaben zum jeweiligen Produkt gar nicht vergessen werden können. Eine tiefgreifende Anbindung der üblichen Zahlungsdienstleister und -methoden wie Paypal, Sofortüberweisung, Kreditkarte und Billsafe sind die Voraussetzung, die für uns selbstverständlich zur Grundausstattung gehören. Auch die verpflichtenden Angaben zu Datenschutz, Impressum, Cookies und Weiterem werden hier abgedeckt.

Verlässt man jedoch den EU-Rechtsraum und betreibt den Shop etwa in den USA, so sollte man sich bei einem eigenen Webshop genau über die dortigen Regularien informieren. Hier empfehlen wir gerade kleineren Firmen oder Start-ups, die mit unserer ERP-Lösung arbeiten, durchaus auch einmal den Weg über Amazon zu gehen. In unserem ERP-System gibt es daher in der Omnichannel-Funktionalität neben vielen anderen Vertriebskanälen wie Ebay, Webshop und PoS auch eine starke Amazon-Fulfillment-Lösung.

von Korff: Generell kommt es darauf an, in welches Land über den Onlineshop verkauft wird. Daher ist es schwierig, hier eine pauschale Aussage zu treffen. Sicherlich ist es innerhalb der EU unkomplizierter als in Drittländern. Generell sollte auf die gesetzlichen Vorgaben und Richtlinien geachtet werden. Über weitere Distanzen ist sicherlich auch der versicherte Versand zu berücksichtigen, der sich letztendlich auch positiv auf die Kundenzufriedenheit auswirkt.

 

 

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