25.08.2017 Geschäftslogik nach dem Bausteinprinzip

Kombination von Standard- und Individualsoftware

Von: Guido Piech

Gerade Mittelständlern mit nicht so großen IT-Abteilungen will Gebra-IT mit dem Produkt Brixxbox helfen, die Komplexität aus ERP-Projekten zu nehmen. Geschäftsführer Udo Hensen erläutert die Herangehensweise.

  • Geschäftslogik nach dem Bausteinprinzip

    Geschäftslogik nach dem Bausteinprinzip

  • „Um die Komplexität vermeintlich herauszunehmen, versuchen einige ERP-Anbieter, neue Oberflächen oder Workflows über ihre alten Strukturen zu legen“,  moniert Udo Hensen

    „Um die Komplexität vermeintlich herauszunehmen, versuchen einige ERP-Anbieter, neue Oberflächen oder Workflows über ihre alten Strukturen zu legen“, moniert Udo Hensen, dessen Software modular aufgebaut ist und den Aufwand von ERP-Projekten reduzieren soll.

ITM: Herr Hensen, worin liegen Ihrer Meinung nach derzeit die Schwierigkeiten von ERP-Projekten im Mittelstand?
Udo Hensen:
Wir kennen seit vielen Jahren die Anforderungen im Mittelstand. Der Kraftaufwand, den ein Mittelständler für ein ERP-Projekt aufnehmen muss, ist enorm. Die Mitarbeiter sind in der Umstellung meist einer Doppelbelastung ausgesetzt, denn das Tagesgeschäft läuft ja neben dem Neu-Projekt weiter. Fragen Sie einen Mittelständler, wie die Umstellung auf ein neues ERP-System lief, erhalten Sie meistens die Antwort: zu teuer, zu aufwendig, das Ergebnis ist unzureichend und man würde nicht noch einmal ein ERP-Projekt starten wollen.

ITM: Woran liegt das?
Hensen:
Das liegt im Wesentlichen an zwei Vorgehensweisen: Es gibt zum einen Unternehmen, in denen individuelle und erfolgreiche Geschäftsprozesse derart an eine Standard-Software angepasst werden, dass bisher vorhandene Wettbewerbsvorteile verlorengehen. Ebenso führt die Veränderung gelebter und erprobter Prozesse dazu, dass die Akzeptanz bei den Mitarbeitern weniger ausgeprägt ist. Zum anderen gibt es Anwenderunternehmen, die eine Standard-Software sehr stark in Richtung ihrer individuellen Prozesse verbiegen, was zu überhöhtem Zeit- und Kostenaufwand führt.

ITM: Warum reicht eine Standard-Software oftmals nicht?
Hensen:
In sogenannten Standard-Software-Produkten sind häufig sehr viele Funktionen abgebildet, die der Benutzer im Grunde nicht benötigt. Die gleiche Standard-Software wird z.B. in der Pharmaindustrie oder in der Holzbranche eingesetzt. Über unzählige Parameter wird dann versucht, die jeweils individuellen Anforderungen abzudecken. Beides überfordert sowohl die Anwender als auch die Berater, was in suboptimalen Prozessen und schlechter Datenqualität münden kann.

Die Standardlösungen, die von den traditionellen ERP-Anbietern programmiert wurden und angeboten werden, sind viel zu kompliziert. Alle unterschiedlichen Kundenanforderungen sollen in einem Standardprodukt umgesetzt werden. Um die Komplexität vermeintlich herauszunehmen, versuchen einige Anbieter, neue Oberflächen oder Workflows über ihre alten Strukturen zu legen. Das sieht zwar für den normalen Benutzer gut aus, aber das alte Auto bekommt lediglich eine neue bunte Lackschicht, Motor und Karosserie bleiben dieselben. Der Aufwand, diese „Kosmetik“ einzubauen, wird dem Kunden im Projekt dann auch noch als neue Oberfläche oder Workflow verkauft und muss natürlich in Form von Dienstleistung, Weiterentwicklung oder Upgrade gekauft und bezahlt werden.

ITM: Für welche Branchen und Unternehmensgrößen eignet sich denn Ihre Lösung?
Hensen:
Die Geschäftsprozesse werden mit unserem Produkt Brixxbox nach dem Bausteinprinzip zusammengestellt. Die Software muss nicht mehr programmiert werden, sondern kann vom Kunden oder Berater durch die Kombination von Standardmodulen konfiguriert werden. Alle Geschäfts- und Verwaltungsprozesse können aufgebaut werden, für alle Branchen und Unternehmensgrößen.

ITM: Sie versprechen maßgeschneiderte Business-Applikationen, die sich sowohl mit einem „hochflexiblen Bausteinsystem“ als auch mit vorkonfigurierten Modulen erstellen lassen. Wie bewerkstelligen Sie diesen Spagat aus Flexibilität und Vorkonfiguration?
Hensen:
Die Bausteine decken alle notwendigen Funktionen zur Gestaltung von Business-Applikationen ab, sie sind allgemeingültig, wobei die BusinessLogik durch ihre Kombination entsteht. Die Applikationen werden dabei „ohne Ballast“ konfiguriert, denn nur die Felder und Funktionen, die der Prozess wirklich benötigt, werden konfiguriert. Unser Ziel ist es, das Beste aus den Welten „Individualsoftware“ und „Standard-Software“ zusammenzuführen – wir liefern „standardisierte Individualsoftware“. Dabei können bereits vorkonfigurierte Applikationen eingesetzt werden, die eine noch schnellere Implementierung von Prozessen ermöglichen. Diese vorkonfigurierten Applikationen können schnell angepasst werden bzw. es können zeitnah neue individuelle Applikationen durch Berater oder Kunden aufgebaut werden.

ITM: Um welche Art von Modulen und Bausteinen handelt es sich? Wie integrieren Sie die Business-Logik?
Hensen:
Bei ERP-Programmen und -Codes fällt auf, dass sich die zugrundeliegenden Funktionen und Zugriffe in leicht abgewandelter Form immer wiederholen. Dies führte uns zu unserem Ansatz, diese Funktionen und Zugriffe als einzelne Bausteine zu separieren und die Prozesslogik aus dem Source Code zu entfernen. Die Abbildung der Prozesslogik erlangen wir durch die Kombination der immer selben Bausteine innerhalb der Konfiguration. Ähnlich verschiedener „Legosteine“, die verschiedenste Bauwerke abbilden können.

Wir haben folgende Bausteinarten: Controls (Felder und Masken als Design), Events (Zeitpunkte, wenn Funktionen ausgelöst werden sollen – z.B. auf Adressnummernfeld und Enter wird der Kundenname angezeigt), Funktionen (Daten von Feldern nach Anforderungen werden angepasst z.B. Anzeige des Kundennamens nach Eingabe der Adressnummer) sowie SQL (Zugriffe, wenn Daten abgefragt werden).

ITM: Wie lange dauert die Implementierung Ihrer Software?
Hensen:
Zunächst einmal empfehlen wir eine bestimmte Projektabwicklung. Je besser die Abläufe und Prozesse beschrieben sind, desto schneller ist die Umsetzung. Hier gliedern wir traditionell zwischen Ist-Analyse, Soll-Konzept, Prototyping, Feintuning, Schulung, Testphase und Inbetriebnahme. Je nach Größe des Projektes wird auch die Implementierungsdauer unterschiedlich sein. Zu traditionellen ERP-Projekten schaffen wir aber eine um bis zu 60 Prozent schnellere Implementierung, was an unserer agilen Projektmethodik liegt.

Schauen Sie sich den Prozess bei einem klassischen ERP-System an: Ein normales Projekt wird vom ERP-Vertrieb verkauft. Der Berater geht die Prozesse mit dem Kunden in der Standard-Software durch. Hierbei stellt man fest, dass Funktionen fehlen. Der Berater schreibt ein Konzept, welches vom Produktmanagement des Softwareanbieters geprüft wird. Gibt das Produktmanagement die Anforderung frei, prüft der Account-Manager die Kostenübernahme. Nach erfolgter Freigabe durch den Account-Manager, plant die Software-Entwicklung die notwendigen Ressourcen und die zeitliche Umsetzung. Nach Fertigstellung der Entwicklung prüft der Berater zusammen mit dem Kunden die erstellten Funktionen.

Die Flexibilität unserer Software und die Möglichkeit der Vor-Ort-Konfiguration durch den Berater erlauben es uns, diese zeit- und kostenintensiven Schritte zu eliminieren. Berater und Anwender können durch Kombination der Bausteine schlanke und passende Prozesse gestalten und werden nicht durch ständiges Warten auf Abteilungen des Softwarehauses ausgebremst.

ITM: Inwieweit benötigt das implementierende Unternehmen externe Unterstützung oder eigene Programmierkenntnisse?
Hensen:
Wir unterscheiden zwischen Kunden mit eigener IT-Abteilung und ohne eigene IT-Fachleute. Falls eine IT-Abteilung bzw. IT-Fachleute im Hause sind, benötigt man keine externe Unterstützung. Wir schulen die IT-Fachleute mit dem Tool, woraufhin der Kunde alle Prozesse selbstständig konfigurieren kann. Kunden ohne IT-Fachleute können auf uns als Beratungshaus oder auf andere Partner zurückgreifen. Wir werden ein internationales Partnernetzwerk aufbauen, um die Software und die Tools schnellstmöglich zu multiplizieren. Weiterhin werden wir die Tools so einfach gestalten, dass jeder in der Lage sein wird, seine Geschäftsprozesse per Drag-and-drop oder über einen Workflow bzw. Prozessdesigner zu gestalten. Das wird die ERP-Branche revolutionieren.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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