06.09.2017 Vertrauen ist Herausforderung

„Kosten sind bei Expansion nicht das Thema“

Von: Lea Sommerhäuser

„Für unsere eigene Expansion kann ich sagen“, so Gregor Stöckler, CEO der Datavard AG, im Interview, „dass die Kosten nicht das Thema sind. Vertrauen ist die große Herausforderung: Wir benötigen ein lokales Management, das mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut ist und ein bestehendes Netzwerk erbringen kann.“

Gregor Stöckler, Datavard AG

„Die eigentliche Herausforderung ist immer der Mensch“, betont Gregor Stöckler von der Datavard AG.

ITM: Herr Stöckler, ist „Internationalisierung“ ein Thema, das nur die „Großen“ betrifft? Welche Rolle spielt „Internationalisierung“, d.h. die Expansion über die Landesgrenzen hinaus, im deutschen Mittelstand?
Gregor Stöckler:
Für Exportweltmeister ist das ein allgegenwärtiges Thema. Heutzutage kann kein Unternehmen, egal wie groß oder klein es ist, ohne ein internationales Netzwerk auf Kunden- und Lieferantenseite Wertschöpfung betreiben. Ich möchte hier zwei Beispiele aus dem Mittelstand anführen: Zum einen haben spezialisierte Anbieter wie Grohmann eine Domänenexpertise aufgebaut, die international vermarktet werden muss, um Wachstum zu erreichen. In jeder Nische ist früher oder später kein profitables Wachstum im Heimatmarkt mehr möglich. Die Expertise war so groß, dass sich Tesla durch die Übernahme den exklusiven Zugang sicherte. Bei Datavard ist die Situation ähnlich. Unsere Kompetenz in den Nischen Big Data und Datenmanagement zwingt uns zur internationalen Expansion. Zum anderen möchte ich das Beispiel von Anbietern wie Tchibo aufführen. Durch eine hohe Marktdurchdringung wächst der Druck auf die Marge. Die Folge ist, dass die Beschaffung bzw. Produktion ins Ausland führt.

ITM: Welche Faktoren treiben die Internationalisierung im deutschen Mittelstand voran?
Stöckler:
Zu den genannten Faktoren kommt außerdem die bestehende Chance bzw. Nachfrage für ein Unternehmen hinzu. Aber auch ein durch hohe Lohnkosten entstehender Margendruck kann als Faktor gelten.

ITM: Mit welchem Aufwand ist die Expansion ins Ausland verbunden?
Stöckler:
Für unsere eigene Expansion kann ich sagen, dass die Kosten nicht das Thema sind. Vertrauen ist die große Herausforderung: Wir benötigen ein lokales Management, das mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut ist und ein bestehendes Netzwerk erbringen kann. Zudem spielt das Thema Rechtssicherheit eine große Rolle, da unterschiedliche Anforderungen der lokalen Gesetzgebung – innerhalb und außerhalb der EU – massiven Aufwand und Komplexität in die Prozesse treiben. Insbesondere im Personalwesen stellen Lohn- und Lohnnebenkosten, Kündigungsregelungen, Rentensysteme, Krankenversicherungen, darüber hinaus selbstverständlich Zölle, Steuern etc. eine große Herausforderung dar.

ITM: Wie gestaltet sich der internationale Rollout von im Einsatz befindlichen Systemen wie ERP, DMS, CRM und Co.? Inwieweit sind die entsprechenden Lösungen für den Einsatz in Tochtergesellschaften bzw. ausländischen Niederlassungen gerüstet? (Stichwort: z.B. Sprachbarrieren)
Stöckler:
Als SAP-Partner ist das für uns glücklicherweise selten ein Problem. Die Software und die Dokumentation sind in so gut wie jeder Sprache verfügbar und die Support-Leistungen für die lokale IT werden in Englisch erbracht, was weitestgehend keine Barriere darstellt.

ITM: In jedem Land herrschen andere gesetzliche Bestimmungen z.B. hinsichtlich Finanzbuchhaltung, Lieferkette, Produktionssicherheit, Datenschutz etc. Inwieweit kann dies von den entsprechenden Lösungen berücksichtigt werden?
Stöckler:
Auch hier sind wir als SAP-Partner bestens gerüstet und das war auch der Grund, weshalb wir uns intern für S4 Hana entschieden haben. Mit acht Auslandstöchtern kommen viele der Mittelstandspakete schnell an ihre Grenzen. Für uns war vor allem die Abdeckung der lokalen Steuer und des Personalwesens wichtig.

ITM: Was sind neben den technischen und rechtlichen Problemen weitere häufige Stolpersteine bei Internationalisierungsprojekten – etwa hinsichtlich des Faktors „Mensch/Mitarbeiter“?
Stöckler:
Die eigentliche Herausforderung ist immer der Mensch. Im Lean Management gibt es den Grundsatz „Erfolg ist gleich Qualität mal Akzeptanz“. Hier machen selbst erfahrene und große Unternehmen immer noch den grundlegenden Fehler, einer Niederlassung Prozesse und Methoden aus dem Headquarter überzustülpen. Das erzeugt nicht nur menschliche Reibung, sondern überfordert eine deutlich kleinere Niederlassung in der Regel sehr schnell. Ein gutes Beispiel ist aus einem aktuellen Projekt, für das das amerikanische Headquarter „einheitliche“ Standards definiert hat, die seit zwei Jahren in alle 50 Niederlassungen ausgerollt werden. Die Anfrage der italienischen und französischen Kollegen zur Abbildung lokaler Unterschiede (z.B. gesetzliche Krankenkassen und Rentensysteme) wurde als mangelndes Verständnis interpretiert, da es diese Anforderungen in Amerika nicht gibt.

ITM: Wie ist es um die Sicherheit der Daten bestellt, die plötzlich Deutschland „verlassen“ bzw. auf die aus dem Ausland zugegriffen wird?
Stöckler:
Hierbei handelt es sich um ein großes Problem, bei dem sich viele Unternehmen ohne böse Absicht in- und oft auch schon außerhalb der rechtlichen Grauzone bewegen. Nicht erst mit der EU-Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) und der daraus resultierenden Neufassung des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG) ist der Ort der Datenhaltung – beispielsweise ein Server in den USA – für deren Schutz und Sicherheit entscheidend wichtig. Zwar regelt das sogenannte Safe-Harbor-Abkommen die Einhaltung von EU-Datenschutzstandards durch US-Anbieter, die lokale Gesetzgebung in den USA kann das jedoch leicht aushebeln. Durch den „Patriot Act“ zur Terrorbekämpfung oder den „Cybersecurity Act“ ist es US-Behörden ohne Richterbeschluss erlaubt, Dateneinsicht zu erlangen. Steuerrechtlich ist – wie immer in Deutschland – die Regelung eindeutig, aber ebenso unklar wie die Einhaltung gewährleistet werden soll/kann. Steuerlich relevante Daten dürfen im Ausland gespeichert werden, aber nur nach vorheriger Genehmigung der Finanzbehörden und auch nur innerhalb der EU bzw. des Europäischen Wirtschaftsraums.

ITM: Wie kann ein möglichst problemloser Rollout gewährleistet werden? Inwieweit greifen Sie als Anbieter/ Berater Ihre Kunden, die ins Ausland expandieren (wollen), unter die Arme?
Stöckler:
Da wir seit Gründung 1998 international aktiv sind, greifen wir auf einen großen Erfahrungsschatz zurück. Wir beraten unsere Kunden ganzheitlich hinsichtlich der technischen, menschlichen, rechtlichen und prozessualen Herausforderungen.

ITM: Wann sind Internationalisierungsprojekte zum Scheitern verurteilt?
Stöckler:
Wie in meinem genannten Beispiel immer dann, wenn man zu starr und dogmatisch vorgeht. Viele Prozesse und Regelungen in Unternehmen beruhen auf einfachen Annahmen, über die wir uns keine Gedanken mehr machen: Verfügbarkeit der Infrastruktur, Arbeitszeiten, Rechtssicherheit, Gleichbehandlung von Mann und Frau, Einhaltung ethischer und moralischer Standards, Bildung, Mobilität. Wie Julius Cäsar schon sagte: andere Länder, andere Sitten. Wer nicht aufmerksam zuhört und kein Verständnis für die lokalen Gegebenheiten aufbringt, sorgt für viel Aufwand, Frust und Unverständnis. „Think global und act local“ ist nicht nur ein markiger Spruch. Die Notwendigkeit, Prozesse und Steuerungsmethoden so flexibel, gleichzeitig aber auch effektiv zu gestalten, dass sie international zum Erfolg führen, ist sehr schwierig.

Bildquelle: Datavard AG

©2017 Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH