23.03.2017 Drastische Kostensteigerungen für Microsoft-Kunden befürchtet

Kritik an neuer Lizenzmetrik von Microsoft

Von: Kerstin Janke

Ungewöhnlich scharf kritisiert Jörg Henschel, Geschäftsführer des Software-Asset-Management-Anbieters Metrix Consulting, die neue Lizenzmetrik von Microsoft.

Jörg Henschel, Geschäftsführer von Metrix Consulting.

„Erstaunlicherweise wird die Optimierung der Lizenzkosten heute nur noch auf der vertraglichen Ebene betrieben“, erklärt Jörg Henschel, Geschäftsführer von Metrix Consulting.

ITM: Herr Henschel, Microsoft hat kürzlich die für die Berechnung der Lizenzgebühren zugrundeliegende Metrik geändert. Können Sie uns kurz die wichtigsten Neuerungen erläutern?
Jörg Henschel:
Die wichtigste Änderung liegt in der zu zählenden Einheit. Früher waren die physikalisch vorhandenen Prozessoren ausschlaggebend, jetzt müssen die Prozessorkerne gezählt werden. Gleichzeitig wird eine Mindestlizenzierung je physikalischem Server eingeführt, die ältere Server-Hardware benachteiligt.

ITM: Gibt es weitere Änderungen, die die Lizenzgebühren beeinflussen?
Henschel:
Eine weitere wichtige Änderung ist das Verfahren, mit dem virtuelle Maschinen lizenziert werden, die ein Windows-Betriebssystem nutzen. Während bei dem alten Verfahren die Betriebssystemkosten ausschließlich durch die Anzahl der virtuellen Maschinen bestimmt wurden, haben nun die Hardware-Spezifika des Virtualisation Host Einfluss auf die Lizenzkosten.

Im Prinzip ist das so, als würden Autohersteller den vollen Fahrzeugpreis ein zweites Mal verlangen, sobald jemand auf der Rückbank mitfährt. Schaffen sie es, auf der Rückbank auch noch eine dritte Person unterzubringen, würde der komplette Fahrzeugpreis ein weiteres Mal fällig werden – und das geht bei der fünften und siebenten und neunten Person genauso so weiter. Wohl dem, dessen Firmenflotte nur über Kleinwagen verfügt! Personentransport in schlecht ausgelasteten Großraumlimousinen dagegen wird richtig teuer. Erst an dem Punkt, an dem dauerhaft mehr als 13 Personen im Fahrzeug sitzen, lohnt sich der „Data-Center-Lizenz-Bus“.

ITM: Warum kritisieren Sie die neue Lizenzmetrik so scharf?
Henschel:
Die Komplexität der Lizenzverwaltung von Microsoft-Server-Betriebssystem-Lizenzen war auch schon vorher enorm hoch und gespickt mit teuren Stolperfallen. Mit der neuen core-basierten Lizenzmetrik hat die Komplexität noch weiter zugenommen. Die Folge ist, dass in dynamischen, virtuellen Umgebungen eine fachgemäße und übersichtliche Budgetierung der Lizenzkosten für Lizenzen vom Typ „Standard Edition“ nicht mehr möglich ist.

Die von Microsoft hier präferierte Lizenzierungsvariante über Data-Center-Lizenzen stellt für die meisten Unternehmen, die wir im Detail kennenlernen durften, eine kaufmännisch äußerst unwirtschaftliche Lösung dar. Wir haben Simulationen mit der neuen Lizenzmetrik durchgeführt, die auf der aktuellen Hardware-Ausstattung unserer Kunden basierte. Dabei zeigte sich, dass in nahezu allen Fällen die Lizenz- bzw. die Wartungskosten unmittelbar steigen – im schlimmsten Fall lag diese Steigerung bei 60 Prozent. Die Unternehmen bekommen dafür aber keine direkt nutzbare Gegenleistung, sofern sie nicht gleichzeitig unter hohem Aufwand ihre Systemlandschaft verändern.

ITM: Welche Microsoft-Kunden sind besonders von diesen Änderungen betroffen?
Henschel:
Betroffen sind alle Kunden, die Volumenverträge mit Microsoft halten, in denen Lizenzänderungen für den Lizenzbestand automatisch akzeptiert werden. Diesen Kunden bleibt ab einem bestimmten Zeitpunkt keine Wahl – sie müssen die neue Metrik anwenden. Liegt für die Windows-Server-Systeme ein Wartungsvertrag vor, wird trotz des Lizenzmehrbedarfs zwar keine unmittelbare Lizenzinvestition notwendig, da Microsoft diese über den sogenannten „License Grant“ abfängt. Die Wartungskosten steigen jedoch unmittelbar. Wer dann noch eine hohe Volatilität in seiner virtuellen Umgebung aufweist – und dafür hat man ja virtualisierte Server – ,der wird oftmals seine Wartungskosten kaum noch im Vorfeld planen können, wenn er auf Standardlizenzen setzt.

ITM: Was ist mit Unternehmen, die solche Klauseln nicht im Vertrag haben?
Henschel:
Unternehmen, die selbst bestimmen können, wann die neue Core-Lizenzmetrik für sie greift, sollten vor dem Beschaffen der ersten neuen Lizenzen eine Simulation der geplanten neuen Situation erstellen lassen, um so die optimale Strategie für den Lizenzübergang finden und einsetzen zu können. Die Herausforderung besteht anschließend darin, den richtigen Mix der verschiedenen Metriken zu finden, die im Unternehmen eingesetzt werden. Im Fall einer hohen Dynamik im Rechenzentrum ist dies ausschließlich mit Monitoring-Lösungen zu bewältigen, die den Lizenzbedarf nahezu in Echtzeit managen können.

ITM: Gibt es Maßnahmen, um die prognostizierten Kostensteigerungen vermeiden zu können?
Henschel:
Mittel- und langfristig hat Microsoft seine Lizenzeinnahmen aus dem Windows-Server-Betriebssystem an die Hardware-Entwicklung gekoppelt, so dass bei weiterwachsenden Core-Zahlen je Prozessor Kostensteigerungen für Kunden wohl unvermeidbar sind.

Es gibt jedoch einige Möglichkeiten, die zu erwartenden Kostensteigerungen massiv einzudämmen. Man kann alle großen Software-Hersteller, die sich die benötigte Flexibilität beim Server-Betrieb allesamt teuer bezahlen lassen, mit ihren eigenen Waffen schlagen. Notwendig ist hier eine Überwachung des Lizenzverbrauchs nahezu in Echtzeit – entsprechende Lösungen existieren, sie weisen sogar einen hohen Automatisierungsgrad auf. Solche Monitoring- und Steuerungslösungen können dann alle Feinheiten der Lizenzmetriken voll ausschöpfen und der Rückgriff auf die sogenannten „All-You-Can-Eat“-Lizenzen, zu denen auch die Windows-Server-Data-Center-Lizenz gehört, wird obsolet.

ITM: Sind solche Maßnahmen auch für mittelständische Unternehmen durchführbar?
Henschel:
Auf jeden Fall. Gerade für Mittelständler bieten wir in diesem Bereich Full-Service-Pakete an, die es auch Firmen mit wenig Übung im Lizenzmanagement von komplexen Server-Umgebungen erlauben, alle Möglichkeiten der Lizenzmetriken zu ihrem Vorteil auszuschöpfen und so langfristig die Kostenkontrolle auf einem möglichst niedrigen Niveau zu etablieren.

ITM: Sehen Sie darüber hinaus Möglichkeiten, den Trend zu Kostensteigerungen bei den Lizenzkosten zu bremsen?
Henschel:
Erstaunlicherweise wird die Optimierung der Lizenzkosten heute nur auf der vertraglichen Ebene betrieben. Die Möglichkeiten der Kostensenkung sind hier aber sehr eingeschränkt. Gleichzeitig findet beim Server-Betrieb die Kostenkontrolle fast ausschließlich über Hardware-Minimierung, Energiekostenoptimierung und Personalkosten-Einsparung statt. Dabei wirken die Maßnahmen, die die Hardware-Kosten senken, im Hinblick auf die Lizenzkosten oftmals kontraproduktiv.

Bildquelle: Metrix Consulting

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