19.09.2017 Neue Anforderungen an die Logistikbranche

Liefer-Boom: Neue Transportideen müssen her

Von: Kathrin Zieblo

Der Online-Handel hat sich hierzulande auf einer breiten Basis etabliert. Warengruppen – darunter immer häufiger auch frische Lebensmittel –, die bislang von der Digitalisierung der Handelswelt nicht betroffen gewesen sind, holen inzwischen auf und erhöhen damit die Anforderungen an die Transport- und Logistikbranche.

  • Der Lebensmittelversand fordert die Logistik heraus.

    Der Lebensmittelversand fordert die Logistik heraus.

  • Daniel Dombach,  Director EMEA Industry Solutions, Zebra Technologies

    „Noch steht die Digitalisierung in diesem Bereich ziemlich am Anfang. Mittelständische Unternehmen sollten versuchen, sich durch innovative digitale Dienstleistungen abseits der Standarddienste einen Wettbewerbsvorteil in ihrer Nische zu verschaffen.“ Daniel Dombach, Director EMEA Industry Solutions, Zebra Technologies

Der Lebensmittelmarkt zählte lange zu einer der hartnäckigsten stationären Branchen. Der HDE Online Monitor vom Handelsverband Deutschland beziffert den Online-Anteil von Lebensmitteln im vergangenen Jahr auf 0,8 Prozent vom gesamten Online-Umsatz. Dieser bislang sehr geringe Marktanteil soll – glaubt man der Studie „Revolution im Lebensmittelhandel“ von Ernst & Young – bis 2020 auf zehn Prozent ansteigen.

Verantwortlich dafür ist die Digitalisierung, die auch vor der Lebensmittelbranche nicht Halt macht. Immer mehr spezialisierte Händler vertreiben Produkte wie Müsli, Gewürze oder Spirituosen ausschließlich über das Internet. Und auch stationäre Supermarktketten nutzen die Möglichkeiten, ihre Waren – bislang aus den Bereichen Non-Food oder unverderbliche Lebensmittel – parallel online zu verkaufen.

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Vor allem deshalb, weil inzwischen auch frische Produkte und Tiefkühlwaren in den Fokus von Kunden rücken und die Hemmschwelle, Lebensmittel im Internet zu bestellen, schwindet – wenn auch langsam. In einer Forsa-Umfrage aus dem letzten Jahr wurden die „Meinungen zur Digitalisierung im Lebensmittelmarkt“ unter 1.003 Personen abgefragt. Eine Mehrheit von 70 Prozent geht davon aus, dass sie auch in den nächsten fünf bis zehn Jahren den Großteil ihrer Lebensmittel vor Ort kaufen wird. Immerhin ein Viertel glaubt, dass es bestimmte Produkte, wie haltbare oder schwere Produkte (z.B. Getränke), online einkaufen wird.

Konsumenten wollen dem Supermarkt vor Ort also nicht komplett abschwören, gleichzeitig aber möglichst bequem und schnell an Waren gelangen – und diese am besten direkt vor die eigene Haustür liefern lassen. Diejenigen unter den Forsa-Befragten, die dem Online-Handel mit frischen Lebensmitteln eher positiv gegenüberstehen, gaben als Gründe Zeitersparnis bzw. zeitliche Flexibilität sowie Bequemlichkeit an. Weitere genannte Aspekte sind Mobilität, gute Produktqualität und die Erleichterung des Transports.

 

Edeka, Rewe, Kaufland testen neuen (Liefer-)Services

Aus diesem Grund versuchen sich hiesige Einzelhändler wie Edeka, Rewe oder Kaufland an neuen (Liefer-)Services – zumeist noch beschränkt auf einzelne Bezirke von Großstädten wie Berlin oder München. „Neue Geschäftsmodelle rund um Lebensmittellieferungen werden sich hauptsächlich auf mittlere bis große Metropolen konzentrieren“, bestätigt Stefan Gerats, Business Development Manager DACH bei Cipherlab.

Was bei beliebten Online-Sachgütern wie Mode, Büchern oder Kleinelektronik bereits gelingt, ist bei Lebensmitteln oder Waren des täglichen Gebrauchs derzeit noch schwierig. Gerade der letzte Streckenabschnitt bis zur Haustür gestaltet sich sowohl für Logistikdienstleister als auch für Händler und somit zwangsläufig auch den Endverbraucher teuer. „Die Kosten für die letzte Meile aufgrund fehlgeschlagener Zustellung sind eines der Hauptprobleme. Um diese Kosten so gering wie möglich zu halten, benötigen Unternehmen neue Ideen, mit denen sie ihre Erfolgsquote erhöhen können“, rät Daniel Dombach, Director EMEA Industry Solutions bei Zebra Technologies.

Gefragt sind deshalb Zustellalternativen zur herkömmlichen Paketübergabe an den Kunden – die Kofferraumzustellung, wie sie von der Deutschen Post und deutschen Autobauern erprobt wird, kommt für empfindliche Lebensmittel eher nicht in Betracht. Dann schon eher Abholstationen, wie z.B. von Emmasbox an Bahnhöfen oder Flughäfen, an denen der fertig verpackte Wocheneinkauf eingesammelt werden kann.

 

Transport- und Logistikunternehmen sind gefordert

Mit steigender Nachfrage und neuen Angeboten verändert sich nicht nur die gewohnte Lebensmittelbranche. Zugleich sind Transport- und Logistikunternehmen herausgefordert: „Bei der Lieferung frischer Lebensmittel sind insbesondere drei Herausforderungen zu bewältigen: Liefergeschwindigkeit, Wahrung der Kühlkette und garantierte Zustellung“, beschreibt Dombach die Situation. Denn zur Zufriedenheiten der Kunden zählt nicht nur die Qualität des Produktes. „Eine hohe Liefergeschwindigkeit ist keine Option, sondern ein Muss. Zudem müssen die Waren auf dem gesamten Transportweg gekühlt und schließlich persönlich übergeben werden“, konkretisiert er.

Die lückenlose Dokumentation der Liefer- und Kühlkette ist ein besonders wichtiger Aspekt. Vor allem deshalb, weil für unterschiedliche Warengruppen verschiedene Temperaturbereiche einzuhalten sind. Mittels spezieller Sensortechnik und Smart Labels – intelligente Etiketten – „können besonders hochwertige, temperaturempfindliche Güter individuell nachverfolgt und überwacht werden“, berichtet Daniel Dombach. So lässt sich der Temperaturverlauf jederzeit einsehen und auf etwaige Schwankungen reagieren.

Das Thema „Kühlung“ stellt Transporteure allerdings noch vor weitere Aufgaben. Ein nicht unbedeutender Faktor stellt die Verwendung der richtigen Verpackung dar, wenn es sich um Tiefkühlwaren handelt, merkt Jens Heinrich, Chief Technology Officer (CTO) der Ehrhardt + Partner-Gruppe, an. Mit dem Einsatz von Thermokartonage oder Kühlakkus lässt sich die Kühlkette zwar einhalten, gleichzeitig wird dafür aber mehr Platz im Lager benötigt und die Kosten sind im Vergleich zu herkömmlicher Wellpappe um ein Vielfaches höher. Zudem entsteht eine große Menge an Verpackungs- und Kühlmaterialmüll, der entsorgt werden muss.

Zentrale Lager und Wearables

Um in Zeiten von gestiegenen Kundenerwartungen in Bezug auf möglichst kurze Lieferzeiten – Same- und Next-Day-Delivery – schnell und flexibel auf Bestellungen reagieren zu können, liegen Lagerhallen immer häufiger mitten in der Stadt. Vor allem für „mittelständische Transport- und Logistikdienstleister spielt die Nähe zu Kunden eine Rolle – sowohl geografisch bei der Standortwahl für Distributionszentren und Warenlager als auch für die Kommunikation“, argumentiert Dombach.

Und auch der Einsatz moderner Devices in diesen Lagern wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen. So berichtet Ingo Bertram von Hermes Europe, dass in „Logistikcentern Wearables wie z.B. Barcodescanner in Armbanduhrenoptik bei der Sortierung von Großstücken zum Einsatz kommen und dabei helfen, sowohl Prozesse zu beschleunigen als auch den Arbeitsablauf für den einzelnen Mitarbeiter zu verbessern. Gleiches bestätigt Daniel Dombach, wenn er sagt, dass „Unternehmen ihre Mitarbeiter in Zukunft deutlich mehr mit Wearables ausstatten werden, um ihre Mobilität und Produktivität zu erhöhen, etwa durch kleine Mobilcomputer am Arm oder einen Ringscanner. Auch Datenbrillen mit professionellen Anwendungen, durch die Mitarbeiter ihre Aufgaben schneller und effizienter erledigen können, werden verstärkt zum Einsatz kommen“.

Neue Transportideen müssen her

„Home Delivery“ ist ein Trend, den die Branche in den kommenden Jahren bewältigen muss. Deshalb gilt es für die betroffenen Unternehmen, effiziente und zum Wohle der Umwelt zugleich saubere Lieferkonzepte unter Berücksichtigung intelligenter Technologien, moderner Software sowie verschiedener Geräteklassen zu realisieren. „Logistiker sollten sich nicht scheuen, selbst mit den vielen neuen Transportideen zu experimentieren. Zu warten, bis sich eine davon durchsetzt, ist angesichts des herrschenden Innovationstempos eher riskant“, warnt Daniela Zimmer, Ressortleiterin E-Commerce der Internet World Business.

Beobachten lässt sich dies bereits: Reagieren etablierte Paketzustelldienste zu langsam auf die veränderten Einkaufs- und Bestellgewohnheiten, treten Start-ups – wie Liefery oder Tiramizoo – mit neuen Geschäftsideen auf dem Markt in Erscheinung. Ersteres betreibt eine digitale Plattform für die taggleiche Belieferung von Endkunden durch den lokalen Einzelhandel und Multi-Channel-Retailer im B2C-Umfeld. Im Rahmen einer Finanzierungsrunde im Frühjahr hat Hermes die Mehrheit an dem Start-up übernommen. Gemeinsam wolle man nun intensiv innovative Lösungen für die letzte Meile entwickeln. Auch Tiramizoo hat sich auf Expresslieferungen spezialisiert, kooperiert mit Lieferdiensten und vermittelt hauptsächlich zwischen Händlern und Kurieren mittels einer Software. An dem Start-up beteiligt sind inzwischen Konzerne wie der Autobauer Daimler und der Zusteller DPD.

„Die Digitalisierung stellt Unternehmen vor neue Herausforderungen, birgt aber viele Chancen. In diesem Punkt besteht aktuell jedoch noch Nachholbedarf auf dem Logistikmarkt“, so die Einschätzung von Jens Heinrich. Im Wettbewerb um das beste logistische Konzept ist noch alles offen. Aufgrund der unterschiedlichen Verbraucherinteressen und geografischen Besonderheiten wird es vermutlich auch nicht bei einer einzigen Lösung bleiben. Auch aus Sicht von Daniela Zimmer wird die Logistik insgesamt viel differenzierter werden und es wird für jeden Bereich eine optimierte Lösung geben müssen. In erster Linie sollten sich Mittelständler jedoch darauf konzentrieren, ihre bestehenden operativen Prozesse zu verschlanken sowie die Routenplanung sinnvoll zu organisieren, um auf dem hartumkämpften Markt bestehen zu können.

Bildquelle: Thinkstock / iStock

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