20.09.2017 Jens Heinrich, CTO Ehrhardt + Partner im Interview

Logistik 4.0 ist gelebte Realität

Von: Kathrin Zieblo

Im Interview erläutert Jens Heinrich, Chief Technology Officer (CTO) der Ehrhardt + Partner-Gruppe, worauf sich Transport- und Logistikunternehmen derzeit konzentrieren sollten.

Jens Heinrich, Chief Technology Officer (CTO) der Ehrhardt + Partner-Gruppe

„Eine zeitgemäße und zukunftsfähige Software vernetzt im besten Fall alle Bereiche der Supply Chain miteinander.“ Jens Heinrich, Chief Technology Officer (CTO) der Ehrhardt + Partner-Gruppe

ITM: Herr Heinrich, in Zeiten von zunehmendem E-Commerce-Konsum und der Internationalisierung von Unternehmen spielt die Transport- und Logistikbranche eine entscheidende Rolle. Welche Priorität sollten mittelständische Transport-/Logistik-Unternehmen derzeit setzen?
Jens Heinrich:
Der zunehmende E-Commerce-Konsum stellt die bestehenden IT- und Logistikstrukturen in Unternehmen auf den Prüfstand. Das erfordert ein Umdenken. Eine zeitgemäße und zukunftsfähige Software vernetzt im besten Fall alle Bereiche der Supply Chain miteinander: vom Wareneingang über die Kommissionierung bis zum Warenausgang – und darüber hinaus auch die Transportlogistik. Nur so können Fehler im Prozess auf ein Minimum reduziert werden. Gerade im E-Commerce stehen Retouren auch aufgrund von Falschlieferungen auf der Tagesordnung und kosten eine Menge Geld. Unternehmen sollten darüber hinaus analysieren, an welchen Stellschrauben sie drehen müssen, um die Effizienz in ihrer Logistik zu steigern. Ist beispielsweise bereits ein Staplerleitsystem im Einsatz? Gibt es eine wegeoptimierte Auftragsbearbeitung in der Kommissionierung? Wie sieht es mit der Ressourcenplanung und dem -management aus und welche Rückschlüsse lassen sich aus den Bestellgewohnheiten der Kunden auf das eigene Geschäft zeihen? Auch das Thema Analytics, das heißt die Auswertung und Analyse von Daten, um daraus Optimierungspotentiale abzuleiten, wird zunehmend wichtiger. Hierfür lohnt sich der Einsatz spezialisierter Softwaresysteme, die diese Aufgaben automatisiert übernehmen.

Um die steigende Komplexität in den Prozessen zu beherrschen, ist höchste Stabilität und maximale Performance aller beteiligten Systeme erforderlich. Dabei kommen Private-Cloud-Lösungen ins Spiel. Diese sind nicht nur hochperformant, sondern wachsen auch mit – gerade für mittelständische Unternehmen ein wichtiger Faktor, um auch in Zukunft maximal flexibel zu sein. Denn nicht nur die Anforderungen an die Lagerprozesse steigen. Auch eine stabile Infrastruktur wird essentiell für den Unternehmenserfolg.

ITM: Schnelle Lieferzeiten bei gleichzeitig niedrigen Kosten gehören zu den Hauptanforderungen, wie lassen sich diese bewältigen?
Heinrich:
Schnelle Lieferzeiten sind einerseits eine zentrale Anforderung. Andererseits verändert aber auch das Bestellverhalten der Kunden die Logistik: Bestellung mit wenigen Auftragspositionen und Transparenz über die gesamte Lieferkette stehen heute auf der Tagesordnung. Dies alles erfordert Flexibilität, Schnelligkeit, Transparenz und eine ganzheitliche Betrachtung der Supply Chain. Intralogistik und Transportlogistik müssen optimal aufeinander abgestimmt sein. Im besten Fall wird die gesamte Lieferkette bis hin zum Endkunden intelligent von einer einzigen Logistiksoftware gesteuert, um Transparenz zu erhalten und Fehler zu vermeiden. Supply-Chain-Execution-Systeme (SES) sind dafür das Mittel der Wahl. Diese ganzheitlichen Lösungen berücksichtigen sämtliche vor- und nachgelagerten Prozesse, beziehen Tourenplanung und Ressourcenmanagement mit ein und sorgen dafür, dass die steigenden Ansprüche der Kunden auch zukünftig erfüllt werden. 

ITM: Welche Bedeutung hat die Digitalisierung für mittelständische Unternehmen aus diesem Sektor?
Heinrich:
Die Digitalisierung stellt Unternehmen vor neue Herausforderungen, birgt aber viele Chancen. In diesem Punkt besteht aktuell jedoch noch deutlicher Nachholbedarf auf dem Logistikmarkt. Für viele ist der wirtschaftliche Nutzen noch nicht klar ersichtlich, obwohl sie vielleicht bereit wären zu investieren. Die Lösung für diese Diskrepanz ist eine klare Kosten-Nutzen-Abwägung: In welchen Bereichen macht der Einsatz von digitalen Technologien überhaupt Sinn? Es gilt, Synergien zwischen den einzelnen Systemen zu schaffen und alle Prozesse miteinander zu vernetzen. Es bringt nichts, wenn einzelne Lösungen autark vor sich hinarbeiten. Alles muss intelligent aufeinander abgestimmt sein. Erst dann erzielen Unternehmen auch einen wirtschaftlichen Nutzen. Jeder Mittelständler sollte sich jetzt mit der Digitalisierung beschäftigen und seine bestehenden Prozesse auf ihre Zukunftsfähigkeit überprüfen.

ITM: An welcher Stelle können spezielle mobile Lösungen – z.B. Apps – die betroffenen Unternehmen aus der Branche unterstützen?
Heinrich:
Vor allem im Bereich der Transportlogistik sind Apps schon etabliert. Wir bieten mit LFS.delivery beispielsweise eine solche Lösung an. Die Applikation vernetzt die Intralogistik mit der Transportlogistik und synchronisiert sämtliche Daten in Echtzeit. Die Prozesse sind somit exakt aufeinander abgestimmt. Darüber hinaus können Anwender so beispielsweise die beste Route planen, externe Einflüsse, wie Staus oder Verkehrsmeldungen sofort mit einbeziehen und die Lieferung für den Kunden optimal planen. Im Einsatz sind mobile Applikationen aber auch bereits für den Lagerleitstand zur Visualisierung von KPIs. Smart Watches mit verschiedenen Features gewinnen vor allem in der Kommissionierung in Verbindung mit Pick-by-Voice an Bedeutung.

ITM: In letzter Zeit treten vermehrt verschiedene Lebensmittellieferdienste (bzw. im allgemeinen der Online-Lebensmittelhandel) in Erscheinung. Welche speziellen Herausforderungen entstehen dadurch?
Heinrich:
In der Lebensmittellogistik gilt generell: Die Prozesse müssen perfekt organisiert sein, da es um verderbliche Waren geht. Die Auslieferung ist noch zeitkritischer als in anderen Branchen und muss deshalb besonders effizient erfolgen. Wichtig ist auch, Prozesse wie das MHD-Handling zu berücksichtigen und die Transporte entsprechend zu organisieren. Außerdem spielt die Verwendung der richtigen Verpackungen eine große Rolle, wenn es sich beispielsweise um Tiefkühlwaren handelt. Online sind die Anforderungen noch höher: Die Betrachtung der Logistik muss hierbei noch kritischer erfolgen. Geschwindigkeit und Flexibilität sind wichtige Faktoren im Online-Lebensmittelhandel. Und auch die Kunden erwarten just-in-time-Lieferungen: Sobald die Waren bestellt sind, müssen diese innerhalb weniger Stunden vor der Haustüre stehen. Bestelleinheiten mit wenigen Auftragspositionen der Endkunden stellen die Händler zusätzlich vor andere Herausforderungen als die Belieferung einer Lebensmittelfiliale. 

ITM: Wie könnte ein geeignetes Logistikkonzept aussehen bzw. welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit solche Lebensmittellieferungen auch in Deutschland erfolgreich werden?
Heinrich:
Fakt ist: Der Erfolg des Konzeptes steht und fällt mit der Flexibilität und Geschwindigkeit der Lieferanten. Und diese müssen zunächst einmal lernen, wie ein Logistikunternehmen zu denken, wenn wir die aktuellen Bestrebungen beispielsweise von Lebensmittelhändlern in den USA betrachten. Die Performance und Flexibilität muss über die gesamte Lieferkette bis hin zum Endkunden hoch sein. Kunden fordern schon heute, dass ihre bestellten Waren just-in-time zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort geliefert werden. Transportlogistiker müssen hier noch deutlich an Flexibilität zulegen. Damit das auch im Lebensmittelhandel gelingt, müssen außerdem die Prozesse im Unternehmen hinterfragt werden. Der Transport darf nicht zu Einbußen in der Qualität führen. Zu den entscheidenden Erfolgskriterien gehört beispielsweise auch, dass die Waren nah am Belieferungsstandort gelagert werden – vor allem in der Lebensmittelbranche ist das ein entscheidender Faktor für maximale Qualität der Produkte.

ITM: Inwieweit unterscheiden sich die Anforderungen von der Logistik anderer Produktgruppen?
Heinrich:
Lebensmittel sind sensible, verderbliche Güter, die ein spezielles Handling erfordern. Hier geht es um die Einhaltung von Mindesthaltbarkeits-Daten, die Lagerung der Produkte in den richtigen Temperaturzonen und eine anforderungsgerechte Verpackung, damit die Waren mit der gewünschten Qualität beim Kunden ankommen. Das hat wiederum Einfluss auf die eingesetzte Lagersoftware, die alle diese Parameter erfassen und nachverfolgen muss. Jeder Handgriff muss sitzen.

ITM: Wagen Sie eine Prognose: Welche Entwicklungen stehen der Transport- und Logistikbranche innerhalb der nächsten fünf Jahre bevor?
Heinrich:
Die Vernetzung und der zunehmende Automatisierungsgrad von Systemen im Lager, die Digitalisierung von Prozessdaten und die steigende Komplexität in der gesamten Wertschöpfungskette sind Herausforderungen, denen sich Unternehmen branchenübergreifend täglich stellen. Für Anbieter von Logistiksoftware bedeuten diese Entwicklungen, Prozesse wieder mehr zu standardisieren. Zunehmende Automatisierung von Abläufen geht einher mit einer möglichst einfachen Gestaltung des Materialflusses, um Fehler zu vermeiden. Logistik 4.0 ist heute längst kein Marketing-Buzz-Word mehr, sondern gelebte Realität. Unternehmen müssen auf diese Entwicklungen reagieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine wird im Zuge der zunehmenden Automatisierung im Lager immer wichtiger. Nur wer seine Logistik- und IT-Strukturen jetzt darauf ausrichtet, wird auch in Zukunft wirtschaftlich und erfolgreich am Markt agieren können.

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