11.10.2017 Ein Marathon mit vielen Etappen

Mit IT-Beratung auf dem Weg zu Industrie 4.0

Von: Lea Sommerhäuser

Automatisierung findet in den Unternehmen zwar schon länger statt, ist in den verschiedenen Branchen aber unterschiedlich stark ausgeprägt. Noch nicht jeder Mittelständler hat „Industrie 4.0“ für sich entdeckt. IT-Berater können den Unternehmen aufzeigen, wann und wo eine komplette Vernetzung wirklich Sinn macht.

  • Ein Marathon mit vielen Etappen: der Weg zu Industrie 4.0

    Ein Marathon mit vielen Etappen: der Weg zu Industrie 4.0

  • Dr. Stefan Benett, Inverto

    „Die Konzepte der Vernetzung und Auto-matisierung, die der Industrie 4.0 zugrunde liegen, sind seit längerem bekannt und als technische Einzellösungen häufig bereits etabliert. Neu ist u.a. die breite Verfügbarkeit kostengünstiger technischer Lösungen zur effektiven Vernetzung von Produktionssystemen.“ Dr. Stefan Benett, Inverto

  • Werner Bick, Roi Management Consulting

    „Vollständig vernetzte Prozesse ergeben in der Konsequenz eine vollständig autonome, dezentrale und selbststeuernde Fabrik – eine Smart Factory. Das ist gewissermaßen der Fluchtpunkt der Industrie 4.0, die große Vision.“ Werner Bick, Roi Management Consulting

  • Thomas Widmann, Widasconcepts

    „Die ‚richtige’ Sicht von außen bringt detailliertes Wissen über Digitalisierung, über moderne IT-Konzepte und Technologien sowie den Weitblick über Marktveränderungen. Daraus lassen sich konkrete und machbare Maßnahmen ableiten, die einem Unternehmen helfen, auch in Zukunft erfolgreich zu sein.“ Thomas Widmann, Widasconcepts

  • Konstantin Böhm, Ancud IT-Beratung

    „Industrie 4.0 Einführung ist ein längerer Prozess, der verlässliche Begleitung erfordert. Je nach Voraussetzungen braucht es viel technischen Wissenstransfer, aber auch Mindset-Entwicklung von Mitarbeitern bzw. den Fertigungsverantwortlichen. Wichtig sind auch die Vermittlung und Kooperation zwischen verschiedenen Bereichen.“ Konstantin Böhm, Ancud IT-Beratung

Wie fast überall finden sich auch im Bereich „Digitalisierung“ innovative Vorreiter, die bei der Umsetzung ihrer digitalen Agenda bereits sehr weit sind. In den meisten Unternehmen – und hier vor allem im Mittelstand – gibt es allerdings hinsichtlich Vernetzung noch großes Potential – da sind sich die IT-Dienstleister einig.

Automatisierte Prozesse an sich sollen hingegen nichts Neues in den Produktionen sein. Im Gegenteil: „Natürlich gibt es schon seit Jahrzehnten automatisierte Werkzeugmaschinen, Roboter und IT-Systeme in der Produktion“, weiß Werner Bick, Generalbevollmächtigter der Roi Management Consulting AG, zu berichten. Doch letztlich seien es erst die vorhandenen und bezahlbaren Technologien wie Cloud und Mobile Computing, Künstliche Intelligenz (KI) und Deep Learning, neue Konnektivitätslösungen und sehr leistungsfähige Datenbanken und Prozessoren, die eine Umsetzung des Industrie-4.0-Konzepts möglich machten.

Das „Hypen“ ist laut Thomas Widmann, Geschäftsführer der Widasconcepts GmbH, der Marketing-Industrie geschuldet, „wo alles, was Automatisierung ist, bereits als Digitalisierung herausgestellt wird“. Industrie 4.0 ziele darauf ab, dass die vielen Daten im Unternehmen in mehr oder weniger Echtzeit analysiert werden, um daraus Vorhersagen zu generieren. Diese Vorhersagen werden direkt in den IT-Systemen verwendet, um entsprechende Aktionen auszulösen.

Doch gerade aufgrund der Komplexität der Thematik sorgt der Begriff bei vielen Mittelständlern noch für Verunsicherung. „Dennoch darf das, was hinter dem Begriff steckt, nämlich der Einzug des Internets in die Produktionsstätte, keinesfalls als vorübergehender Hype abgetan werden“, betont Christoph Plass, Vorstand von Unity. Ein Blick in die Unternehmen zeige, dass das Internet noch keineswegs in der Produktion angekommen sei. Dieses Potential müsse gehoben werden, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.

Wichtige Impulsgeber

Die mittelständische Industrie ist darauf angewiesen, dass sich Investitionen – so auch in Industrie-4.0-Konzepte – schnell rechnen. Geld für Experimente ist in der Regel nicht vorhanden. Die Unternehmen müssen nicht nur ihre bestehenden Strukturen und Prozesse kennen und verstehen, sondern auch die neuen Technologien. Sie müssen über Software-Know-how verfügen und die Klaviatur des Lean-Managements beherrschen. Sie brauchen eine klare Vision und Strategie sowie eine Vorstellung darüber, wie der Transformationsprozess auf organisatorischer und kultureller Ebene gesteuert werden muss. Sie müssen die Balance zwischen „Think big“ und „Start small“ halten und in der Lage sein, Pilotprojekte gegebenenfalls global auszurollen. Nicht zuletzt bedarf es neuer Kooperationen und des Wissens um Benchmark-Projekte, sowohl in der eigenen als auch in anderen Branchen.

 

„Das ist schon eine Menge Holz für ein einzelnes Unternehmen“, warnt Werner Bick, „da ist fachkundige IT-Beratung durchaus von Vorteil.“


So sieht es auch Dr. Stefan Benett, Geschäftsführer der Inverto GmbH: „Eine Beratung zum Thema ‚Industrie 4.0’ kann die schnelle Umsetzung von Konzepten bei mittelständischen Kunden unterstützen.“ Dabei gehe es in erster Linie um praktische, direkt umsetzbare Schritte zur Optimierung der eigenen Wertschöpfung sowie der Vernetzung z.B. in der Lieferantenintegration oder der Fertigungsautomatisierung. Erfolgsfaktoren sind hier ein unternehmensspezifisches Verständnis zum aktuellen Entwicklungsstand der Digitalisierung sowie den Potentialen entlang der unternehmensspezifischen Prozesse. IT-Berater sind letztlich wichtige Impulsgeber, zugleich kennen sie Best Practices aus anderen Unternehmen und Branchen, die auf den individuellen Betrieb zugeschnitten werden können.

Konkretes Vorgehen

Und wie gehen die Berater und Dienstleister konkret vor? Bei der Msg Industry Advisors AG geht es erst einmal darum zu verstehen, „welche Voraussetzungen für Digitalisierungsansätze bestehen“, erklärt Partner Harald Stricker. „Wir wollen – und müssen – das Geschäftsmodell des Unternehmens im Detail verstehen.“

Darauf aufbauend werde Folgendes untersucht: Wie gestaltet sich die Reife im Hinblick auf die Digitalisierung? Welche Schwächen bestehen? Wo können neue „Digital Player“ das Unternehmen angreifen? Danach werden gemeinsam mit dem Kunden und weiteren Experten Innovationen erarbeitet – häufig in Form von Workshops. „Wir überlegen dann, wie das Geschäftsmodell durch digitale Technologien und Prozesse so geändert oder angepasst werden kann, dass sich neue Felder erschließen oder neue Produkte und Services entwickeln lassen“, so Stricker weiter. „Darüber hinaus versuchen wir auch Ansätze zu erarbeiten, um das Geschäftsmodell aktiv gegen Angriffe zu härten.“ In anderen Fällen gehe es darum, bestehende und bekannte „Schmerzpunkte“ anzugehen und mit neuen Technologien zu beseitigen.

Agiles Projektmanagement

Das Vorgehen von Unity gliedert sich konkret in vier Schritte. „Zuerst führen wir eine Standort- und Zielbestimmung mit unserem Industrie-4.0-Reifegrad-Modell durch, um festzustellen, wo sich das Unternehmen auf dem Weg zu Industrie 4.0 befindet – und wo dieser genau hinführen soll“, berichtet Christoph Plass. „Dann gilt es, die Digitalisierungsstrategie, die ein fester Bestandteil der Unternehmensstrategie ist, zu entwickeln. Sie enthält Architekturen und Technologien zur Erhöhung des Automatisierungsgrads sowie neue Geschäftsmodelle.“ Entscheidend für die digitale Transformation sei die Umsetzungsplanung. Hier müssen Begrifflichkeiten, Zuständigkeiten, Rollen und Zusammenarbeitsmodell geklärt werden, um die Projekteffektivität und -effizienz zu gewährleisten. Schließlich müssen die einzelnen Aktivitäten umgesetzt werden.

Die Novedas Consulting GmbH hat indes vor über zehn Jahren ihren 360-Grad-IT-Check entwickelt, „mit dem wir großen und mittleren Unternehmen geholfen haben“, so Geschäftsführer Kai Hunold. „Hieraus haben wir den 360-Grad-IT-Readiness-Check als ein ganzheitliches Instrument entwickelt, das Geschäftsführung oder IT-Leitung dabei unterstützt, die eigene Infrastruktur, Applikationslandschaft sowie Prozesse, Organisation und Steuerung der IT kritisch zu hinterfragen.“ Zielsetzung des Checks seien als erster Schritt in die Industrie-4.0-Welt die Identifikation von Stärken und Schwächen sowie die Feststellung bestehender Probleme und Risiken. Desweiteren zeige der Check den Unternehmen Potentiale zur Leistungsverbesserung und Kostenoptimierung auf, die maßgeblich den Unternehmenserfolg beeinflussen können.

Starre Projektpläne sind bei Industrie-4.0- und IoT-Projekten generell nicht zielführend und „daher setzen wir auf agiles Projektmanagement“, fügt Donald Wachs, Partner bei Bearingpoint, an. Bei Digitalisierungsprojekten gelte es, kontinuierlich Zwischenergebnisse abzuliefern und Veränderungen anzuschieben. Der Erfolg der Projekte beruhe auf täglicher Zusammenarbeit von Fachexperten und Entwicklern aus verschiedenen Disziplinen. Um diese selbstorganisierten Teams steuern zu können, müsse das Ergebnis bereits vor Projektstart klar umschrieben sein. Auch hierbei helfen Berater.

Pauschal oder individuell?

Häufig mangelt es bei mittelständischen Unternehmen zunächst an dem Willen, sich mit Digitalisierung zu beschäftigen. Dafür muss man sich schließlich Zeit nehmen und die Sache offen und visionär angehen. Im ersten Schritt geht es darum, das Thema „Industrie 4.0“ zu verstehen – erst im zweiten Schritt gilt es, für sich geeignete Ansätze zu finden.

„Wir erleben häufig, dass die Euphorie aus der Innovations- und Design-phase schnell abnimmt, wenn man in die Umsetzungsphase einsteigt und sich mit den ganzen komplizierten Altlasten auseinandersetzen muss“, rückt Harald Stricker die Herausforderungen von Industrie-4.0-Projekten in den Fokus. „An diesem Punkt, wenn die Realität einen einholt, ist es sehr wichtig, einen langen Atem zu haben und einen starken Sponsor im Management, der den Wandel unterstützt und vorantreibt.“

Pauschale Konzepte, die „mal eben“ rasch umgesetzt werden, gibt es hier nicht. „Gerade der deutsche Mittelstand zeichnet sich im internationalen Vergleich durch seine Individualität, spezifischen Eigenschaften, Dienstleistungen und Produkte aus und ist damit sowohl national als auch weltweit erfolgreich“, betont Kai Hunold. Wollte man nun über diese so auf verschiedene Weise erfolgreichen Unternehmen ein pauschales Konzept stülpen, so wäre genau diese Stärke gefährdet. „Wir befürworten aus diesem Grund individuelle Konzepte und Strategien“, sagt der Novedas-Chef.

Und so individuell, wie die mittelständischen Unternehmen sind, genauso individuell gestaltet sich für sie der jeweilige Aufwand bei der Umsetzung entsprechender Industrie-4.0-Projekte. Jeder Schritt, jede Prozessumstellung fordert dabei jede darin beteiligte Person. Wichtig ist: Je besser an einem Strang gezogen werde, desto einfacher sei alles, meint Hunold. „Das Ganze ist kein Sprint, es ist ein Marathon mit vielen Etappen. Wenn alle daran glauben, dann minimiert man den Aufwand.“

Den Mitarbeitern wird auf dieser „digitalen Reise“ eines Unternehmens eine wichtige Rolle zuteil. Sie müssen auf die „neue Welt“ vorbereitet und in den Transformationsprozess eingebunden werden. Mit Industrie 4.0 wandeln sich nicht nur Technologien – die Auswirkungen auf die konkrete Arbeitswelt werden enorm sein. „Führungskräfte müssen in Pilotprojekten Vertrauen für die neuen Technologien schaffen“, betont Christoph Plass. Beschäftigte werden seiner Meinung nach in Zukunft autonomer arbeiten können. Schwere körper-liche Arbeit werde deutlich abnehmen, kreative geistige Arbeit sei hingegen mehr denn je gefragt.

Gütesiegel für IT-Berater?

Um mit den neuen Technologien, Tools und Lösungen im Rahmen von Industrie 4.0 sinnvoll umzugehen, benötigen die entsprechenden Mitarbeiter i.d.R. Schulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen – am besten schon während des Transformationsprozesses. Auch hier kommen wieder die IT-Berater bzw. -Dienstleister ins Spiel. „Eine hauptsächliche Aufgabe von Beratern ist die Befähigung des jeweiligen Kunden, entwickelte Lösungen nach Projektabschluss eigenständig zu verwalten, zu pflegen und zu verwenden“, so Donald Wachs. Hierzu seien insbesondere Workshops und Trainings ein Mittel der Wahl.

Was zeichnet einen guten IT-Berater hier letztlich aus? Viele sind der Ansicht, „Erfahrungen“ und „Referenzen“ seien das A und O. Thomas Widmann von Widasconcepts findet das persönlich zwar auch gut, „aber wie soll jemand bei Industrie 4.0 zehn Jahre Erfahrungen mitbringen?“, merkt er an. Seiner Ansicht nach sollte es eher darum gehen, wie visionär ein IT-Dienstleister sich in ein Unternehmen bzw. in eine Branche hineinversetzen kann, um ein guter Sparrings-Partner beim Thema „Digitalisierung“ zu sein.

Praktisch wäre es, wenn es hier eine Art „Gütesiegel für IT-Berater“ geben würde, die dem Mittelstand als Orientierungshilfe dienen könnte. Doch „entsprechend anerkannte Zertifikate zu Industrie 4.0 oder Digitalisierung sind mir nicht bekannt“, meint nicht nur Widmann. Auch Christoph Plass betont: „Ein Gütesiegel gibt es leider nicht.“ Dafür sei eine enge Vernetzung mit führenden Industrie-4.0-Initiativen und Institutionen wie Acatech, Plattform Industrie 4.0, Industrial Data Space oder Spitzencluster It’s OWL ein guter Hinweis für Qualität in der Industrie-4.0-Beratung.

Bildquelle: Thinkstock

 

 

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