08.05.2017 Dem Fachkräftemangel entgegenwirken

Mutige Wege bei der Personalgewinnung

Von: Kathrin Zieblo

Wie Unternehmen die Personalgewinnung trotz des vielbeklagten Fachkräftemangels gelingt und wie wichtig ein ideenreiches Recruiting ist, berichtet Martin Gaedt im Interview.

Martin Gaedt

„Es gibt in jeder Region und Branche mittelständische Unternehmen ohne Mangel an Fachkräften und Digital Natives. Mangel hat Gründe wie Ideenmangel im Recruiting oder ein Mangel in der Unternehmenskultur", argumentiert Martin Gaedt.

ITM: Herr Gaedt, gibt es in Deutschland zu wenige Fach- und Nachwuchskräfte?
Martin Gaedt*:
Die Zahl der Erwerbstätigen ist 2016 in Deutschland auf einen neuen Rekordwert von über 43 Millionen gestiegen. Mehr Fachkräfte denn je werden gefunden und eingestellt. Ist es also legitim, Fachkräftemangel zu behaupten? Zusätzlich arbeiten vier Millionen Deutsche im Ausland. Gleichzeitig läuft der sogenannte ‚War for talents‘ – selbstverständlich. Weltweit! Wer alte Wege geht verliert Marktanteile – auch in der Fachkräftegewinnung!

ITM: Wie schwierig ist es für den deutschen Mittelstand offene Positionen zu besetzen?
Gaedt:
Behandeln Sie Bewerber wie Kunden, dann gelingt die Personalgewinnung. Wer magnetisch anzieht, bekommt die gewünschte Resonanz. Wer auf Mainstream-Wegen wie Stellenanzeigen sucht, bekommt Mainstream. Wer stehen bleibt, baut ab. Personalgewinnung war, ist und bleibt anspruchsvoll. Wer sein Recruiting rockt, hat viel Arbeit aber keinen Mangel.

ITM: Welche Tätigkeiten werden derzeit besonders stark nachgefragt?
Gaedt:
Coden, Big Data-Analysen, Gestalten von Fintechs und Blockchains, Cybersecurity, Netzwerken und Ideenfitness. Alles, was Maschinen besser können, werden Maschinen tun: Häuser und Brücken bauen, Bilanzen und Rechtstexte verfassen. Der Roboter Hadrian baut ein Einfamilienhaus in 48 Stunden. In Dubai und China entstehen Häuser aus dem 3D-Drucker. Ein Team der Uni München hat den schnellsten Prototypen für den Hyperloop gebaut. Ein neues Material ist zehnmal stärker als Stahl. Wer stehen bleibt, baut ab.

ITM: Inwiefern ist die Personalgewinnung von Digital Natives für mittelständische Unternehmen problematisch bzw. schwierig?
Gaedt:
Es gibt in jeder Region und Branche mittelständische Unternehmen ohne Mangel an Fachkräften und Digital Natives. Mangel hat Gründe wie Ideenmangel im Recruiting oder ein Mangel in der Unternehmenskultur. Sind Unternehmen ein Magnet? Welche Experimente machen sie in der Personalgewinnung? Welche Alleinstellung im Recruiting haben sie? Wie erreichen sie die, die sich nicht bewerben? Nehmen sie Quereinsteiger? Querdenker? Regelbrecher? Sortiert das Bewerber-Managementsystem systematisch interessante Persönlichkeiten aus? Besetzen sie Vollzeitstellen mit zwei Kandidaten im Jobsharing? Wie bleiben Unternehmen auf dem Laufenden? Oder machen sie das Gleiche wie immer?

ITM: Ist ein möglicher Mangel an gutausgebildeten Fachkräften allein auf den demografischen Wandel zurückzuführen und inwieweit wird die Politik in diesem Zusammenhang aktiv?
Gaedt:
Der demografische Wandel ist seit 30 Jahren bekannt, Fachkräftemangel wird seit 1984 täglich behauptet. Langweilig. Spiegel Online hat 2015 mehrere offizielle Prognosen von 2009 zum Fachkräftemangel untersucht. Welche der Szenarien trafen nach sechs Jahren tatsächlich ein? Das Fazit: Keine einzige Prognose der Meinungsforschungsinstitute ist bis 2015 eingetroffen. Die Welt ändert sich rasant, 70 Prozent der Tätigkeiten und Berufe in zehn Jahren gibt es heute noch nicht. Antwort: Bildung, Fortbildung, Weiterbildung, Fragen, Vertiefen, Umdenken, Innovation. Wer stehen bleibt, rostet.

ITM: Nicht selten wandern gut ausgebildete Deutsche ins Ausland ab. Was sind die möglichen Gründe dafür?
Gaedt:
Vier Millionen Deutsche arbeiten im Ausland, damit ist Deutschland Vize-Europameister hinter Polen. Die meist genannten Gründe sind die mangelnde Unternehmenskultur, befristete Verträge und niedrige Löhne.

ITM: Welche Maßnahmen ergreift der Mittelstand um sich in der Situation des „Fachkräftemangels“ selbst zu helfen?
Gaedt:
Es gibt in jeder Branche und jeder Region Unternehmen, die magnetisch anziehen. Ein Hotel hat Überstunden abgeschafft. Kein Fachkräftemangel mehr. Qualität spricht sich rum. Ein Pflegedienstanbieter hat das Management abgeschafft. Jede Pflegekraft organisiert die eigene Arbeit selbst. Was mit vier Mitarbeitern begann, läuft jetzt mit über 10.000 Mitarbeitern. Kein Fachkräftemangel. Alle wollen dahin. Ein Softwareunternehmen bietet jedem Mitarbeiter unterschiedliche, passende Arbeitszeiten an. Das spricht sich herum. Wenn Mitarbeiter sich wohlfühlen, werden sie Freunden und Bekannten vorschlagen, sich zu bewerben. Von Mitarbeitern empfohlene Mitarbeiter sind besonders loyal. Die Initiative für Ausbildung macht Ausbildungsbetriebe sichtbar, die zwölf Qualitätskriterien erfüllen. Qualität spricht sich herum.

ITM: Wie gestaltet sich das Personalmarketing in kleinen und mittelständischen Unternehmen? Welche Rolle spielen beispielsweise das Recruiting über das Internet bzw. Social Recruiting oder ein spezielles Hochschulmarketing?
Gaedt:
Xing, Linkedin, Instagram, Twitter, Facebook usw. Dort sind Milliarden Menschen aktiv, ob sie zum eigenen Unternehmen passen, muss jeder selbst herausfinden. Keiner kann alles gleich gut, aber wer die Möglichkeiten nicht kennt und getestet hat, sollte sich nicht beschweren. Risiko und Regelbruch. Personalgewinnung ist in weiten Teilen noch eine Innovationsfreie Zone. Wer geht mutig neue Wege? 70 Prozent aller Hochschulabsolventen sagen, sie würden gerne da arbeiten, wo sie studiert haben, Gießen, Deggendorf, Osnabrück usw. „Aber hier gibt`s ja nichts“, also gehen 70 Prozent weg, Wer geht auf Hochschulabsolventen zu, Bevor sie weggehen? Wer bildet Studienabbrecher als Azubis aus? Die Studentenzahlen steigen, aber auch die Zahlen der Studienabbrecher. Nur 36 Prozent eines Jahrgangs schließen ein Studium ab, 64 Prozent stehen also einer dualen Ausbildung zur Verfügung. Sie müssen allerdings gefunden und gewonnen werden. 

ITM: Immer häufiger ist von dem Begriff Talent Management die Rede. Was ist darunter zu verstehen?
Gaedt:
Die Welt ist voller Talente. Die meisten potentiellen Mitarbeiter werden sich nie bei einem Unternehmen bewerben, denn es gibt 3,6 Millionen Betriebe. Warum warten? Talenten Interesse zeigen, sie mit Mehrwerten gewinnen und ans Unternehmen binden. Talente bekommen Auszeichnungen und schreiben Blogs, sie sind in Netzwerken und Social Media aktiv. Talent Management nimmt das wahr und baut Beziehungen auf lange bevor daraus ein Mitarbeiter werden kann. Unternehmen könnten sich auch zusammentun zur gemeinsamen Fachkräftesicherung in Netzwerken. Ein Handwerker in der Pfalz hatte 2016 über neunzig Bewerbungen von Elektrikern. Zwanzig hätte er gerne eingestellt, aber er hatte nur eine Stelle. Neunzehn hätte er gerne weiter empfohlen. Aber Handwerker sind nicht vernetzt. Es gibt dafür Anbieter, die das datenschutzrechtlich für hunderte und Tausende Betriebe leisten können. 24.000 Verbände, Innungen, Business Clubs könnten zusammen halten…

ITM: Wie kann mittelständischen Betrieben das Binden von vorhandenen Fachkräften in Konkurrenz zu Großunternehmen erfolgreich gelingen, geben Sie drei Tipps?
Gaedt:

  1. Risiko und Regelbruch. Personalgewinnung ist in weiten Teilen eine Innovationsfreie Zone. Der sogenannte ‚War for talents‘ läuft – selbstverständlich. Weltweit! Mutig neue Ideen trauen.
  2. Gesunder Menschenverstand. Fachkräfte sind Menschen. Sie wünschen sich Wertschätzung. Bewerbungen schnell zu beantworten, wäre ein Unterschied zur Masse der Unternehmen.
  3. Bewerber wie Kunden behandeln.


*Martin Gaedt ist Autor der Bücher »Mythos Fachkräftemangel« (2014) und »Rock Your Idea« (2016). Gaedt ist Preisträger „Alternativer Wirtschaftsbuchpreis 2016“ und „Land der Ideen 2012“. Seit 1999 ist er Gründer und Unternehmer – acht Jahre lang als Arbeitgeber und Recruiter. Deutschlandweit hält er provokative Vorträge zur Ideenentwicklung und Personalgewinnung. Bei der index Internet und Mediaforschung GmbH ist er tätig als Trainer „Rock Your Recruiting“ und als Produktmanager der Kooperationsplattform cleverheads.eu für Bewerber auf Empfehlung.


©2017 Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH