16.05.2017 Machine Learning und HR: Umfragen bilden Unternehmensstimmung ab

Peakon analysiert die Mitarbeitermotivation

Von: Kathrin Zieblo

Mitarbeiter sind der Schlüssel zum Unternehmenserfolg. Häufig fehlt jedoch der Dialog zwischen Mitarbeitern und Führungskräften, um Problemfelder und die Stimmungslage sichtbar zu machen. Dan Rogers, Mitgründer von Peakon, schildert, wie sich mithilfe einer Software und Machine-Learning-Algorithmen die Mitarbeitermotivation analysieren lässt.

Dan Rogers, Peakon

„Im alltäglichen Stress geht die Einsicht, dass gute und regelmäßige Kommunikation Zeit und Geld spart oder sogar entscheidend für den Unternehmenserfolg ist, schnell unter", berichtet Dan Rogers.

ITM: Herr Rogers, Mitarbeitermotivation und Loyalität sind in Zeiten des Fachkräftemangels wichtige Faktoren für Unternehmen. An welcher Stelle kommt Peakon in diesem Zusammenhang ins Spiel?
Dan Rogers
: Peakon wurde gegründet, um beide Faktoren – Mitarbeitermotivation und Loyalität – zu verbessern. Die Unternehmensberatung Gallup hat in einer Studie (Engagement Index Deutschland) festgestellt, dass mangelnde Kommunikation der Vorgesetzten die Mitarbeitermotivation von allen Faktoren am stärksten negativ beeinflusst.

Laut der Gallup-Studie sprechen 56 Prozent der Mitarbeiter mit ihren Chefs nur einmal im Jahr über ihre Arbeit und Leistung. Dies ist gravierender als zum Beispiel eine als zu gering empfundene Bezahlung. Deshalb geben wir allen Beteiligten – Mitarbeitern, Vorgesetzten, HR und dem Management – ein Werkzeug, mit dem sich der Dialog über Probleme und Lösungen vereinfachen lässt. Unsere Umfragen lassen sich problemlos monatlich oder wöchentlich durchführen, ohne dass der Aufwand zu groß wird. Unser Analyse-Dashboard zeigt automatisch kritische Zustände, zum Beispiel, wenn die Faktoren Anerkennung oder Kreativität eine kritische Schwelle unterschreitet oder wenn eine Abteilung im Vergleich zu anderen besonders unzufrieden ist. Die Stimmung im Unternehmen sowie spezifische Probleme oder Entwicklungsfelder werden so nahezu in Echtzeit sichtbar. Mitarbeiter bleiben motiviert, weil das Management viel schneller auf das Feedback der Mitarbeiter reagieren kann. Dies hat eine unglaublich kraftvolle Signalwirkung und belebt die interne Kommunikation im Unternehmen.

ITM: Woran liegt es, dass sich Führungskräfte meist nur wenig bzw. selten Zeit für die Gespräche mit Mitarbeitern nehmen?
Rogers:
Im alltäglichen Stress geht die Einsicht, dass gute und regelmäßige Kommunikation Zeit und Geld spart oder sogar entscheidend für den Unternehmenserfolg ist, schnell unter. Oft herrscht der Eindruck, dass man über Interessenkonflikte, die zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten herrschen, nicht reden kann. Aber das ändert sich gerade. Unter dem Stichwort Performance Management werden aktuell Faktoren wie bessere Kommunikation und Mitarbeiterengagement stärker gewichtet. Das Controlling erweitert sein Sichtfeld. Genau hier versuchen wir mit unseren fortlaufenden Weiterentwicklungen zu helfen, indem wir zukünftig etwa die Kosten von hoher Personalfluktuation mit den Kosten von Maßnahmen zur Mitarbeitermotivation vergleichbar machen.

ITM: Lässt sich anhand der Ergebnisse der Mitarbeiterumfragen ablesen, welche Kriterien heute einen guten Arbeitsplatz ausmachen?
Rogers:
Ja, das ist klar zu sehen und ein wesentlicher Teil unserer Analyse. Wir können zum Beispiel belegen, dass Millennials ihre persönliche Entwicklung und eine gute Work-Life-Balance als wichtiger einschätzen, als die Bezahlung und Privilegien wie z.B. ein Dienstauto. Das erfassen wir mit Standardfragen, die wir organisationspsychologischen Methoden entnommen haben. Diese beziehen sich auf die Bereiche Leistung, Autonomie, Anerkennung, Belohnung, Meinungsfreiheit und Zielsetzung.

Zu den Fragen und Aussagen gehören beispielsweise:
- Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie ihr Unternehmen als Arbeitgeber empfehlen würden?
- Ich kann mich auf die Hilfe meiner Kollegen und Kolleginnen verlassen, wenn ich sie benötige.
- An den meisten Tagen erfüllt mich meine Arbeit.
- Mein direkter Vorgesetzter unterstützt mich dabei, meine Arbeit zu erledigen.


Alle Fragen und Aussagen werden auf einer Skala von 1 bis 10 bewertet, außerdem können frei formulierte Kommentare abgegeben werden. Durch unsere Methoden mit Machine Learning können wir zeigen, welche der genannten Bereiche den größten Einfluss auf die Mitarbeitermotivation haben. Das kann je nach Rolle und Abteilung unterschiedlich ausfallen. Ein Kunde hat beispielsweise festgestellt, dass für seine Marketing-Mitarbeiter das Einbringen eigener Ideen ein entscheidender Motivationsfaktor ist, der vernachlässigt wurde.  

ITM: Welche Defizite würden Sie Unternehmen im Umgang mit Mitarbeitern – laut Feedback – zuschreiben?
Rogers:
Wir sehen vor allem das Problem, dass es bisher an Prozessen mangelt auf vielfältige Interessen und Probleme einzugehen. Kann ein Unternehmen zum Beispiel die Interessen junger und älterer Mitarbeiter erkennen, vergleichen und entsprechend reagieren? Werden die Bedürfnisse ganz unterschiedlicher Menschen berücksichtigt? Oft wird eine aufwändige, jährliche Umfrage durchgeführt und bis die Ergebnisse da sind oder gar reagiert wurde, weiß keiner mehr, was er damals eigentlich wollte. Vieles verläuft im Sand. 

ITM: Peakon ist noch ein recht junges Unternehmen, verzeichnet aber in kurzer Zeit starkes Wachstum sowie zahlreiche Kunden – wie erklären Sie dies?
Rogers:
Der Personalbereich wurde bei der digitalen Transformation lange vernachlässigt. Gerade im Online Marketing sind datengetriebene Echtzeit-Analysen längst etabliert und die Vorteile sind bekannt. Entsprechende Lösungen im Personalbereich gab es nicht oder ihre Relevanz war nicht anerkannt. Durch die Start-up-Erfahrung unseres Gründerteams bei erfolgreichen Unternehmen wie Podio, Gumtree, Songkick und Qype, erschien es uns ganz natürlich und vielversprechend die datengetriebene Analyse, die wir in anderer Form vom Online-Marketing kennen, auf das Personalmanagement zu übertragen.

Mit der Qualität der Lösungen wächst auch die Erkenntnis beim Kunden, dass sich Mitarbeitermotivation managen lässt und einen erheblichen Erfolgsfaktor darstellt. Oft ist es ganz einfach: Wenn zum Beispiel die stark umworbenen Software-Entwickler bei einem Kunden von uns zufriedener sind als bei deren Konkurrenz, wird schnell deutlich, dass sich Geld beim Recruiting sparen lässt und man schneller vorankommt. 

ITM: Welche Rolle spielt der Einsatz von künstlicher Intelligenz bei der Software?
Rogers:
Peakons Machine-Learning-Algorithmen und unsere Datenwissenschaftler machen den Unterschied zur Konkurrenz aus. Ein praktisches Umfrage-Tool zu entwickeln ist einfach, aber das war nicht unser Ziel. Entscheidend ist die Auswertung. Also wie gut und schnell unsere Kunden Probleme und gute Ideen aus dem Mitarbeiter-Feedback herauslesen und einordnen können. Der Schlüssel hierzu liegt in der automatischen Analyse individueller, frei formulierter Kommentare. Unsere Machine-Learning-Algorithmen können wichtige Themen erkennen und daraus übersichtliche Zusammenfassungen ableiten. Gerade bei besonders negativen oder positiven Feedbacks ist es entscheidend tiefer zu schürfen, um vom Symptom zur eigentlichen Ursache zu kommen. Unsere Software erledigt das automatisch und fügt selbstständig und in Echtzeit weitere Fragen zu den Themengebieten ein, bei denen das Feedback deutlich vom Durchschnitt abweicht.  

ITM: Wie sehen Ihre Pläne für die unmittelbare Zukunft aus?
Rogers:
Wir haben gerade eine Finanzierungsrunde über 6,1 Millionen Euro abgeschlossen und investieren das Geld in die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz und die prädiktive Analyse. Wir sehen uns als datengetriebene Unternehmensberatung. Unsere Software liefert wertvolle Einblicke und Handlungsempfehlungen für das Management. Diese Funktionen wollen wir weiter ausbauen.

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