18.08.2017 Product Lifecycle Management

PLM als wichtige Säule für Industrie 4.0

Von: Swetlana Isaak

Im Kontext von Industrie 4.0 stehen zahlreiche mittelständische Unternehmen vor der Frage, ob und wie sie Product-Lifecycle-Management-Systeme (PLM) einführen. Für viele ist dieses Thema eine gewichtige Herausforderung. Warum eigentlich? IT-MITTELSTAND suchte nach Antworten und sprach dazu mit Martin Thiel, Senior Vice President bei Cenit.

„Durch das Internet of Things (IoT) wachsen die physische und reale Welt immer mehr zusammen und vernetzen sich“, betont Martin Thiel, Vice President bei Cenit.

„Durch das Internet of Things (IoT) wachsen die physische und reale Welt immer mehr zusammen und vernetzen sich“, betont Martin Thiel, Vice President bei Cenit.

ITM: Herr Thiel, was sind die größten Hemmnisse auf dem Weg zum PLM? Gibt es Unterschiede je nach Branche?
MARTIN THIEL:
Unsere Erfahrung zeigt, dass die Herausforderungen der PLM-Einführung sich in der Regel nicht branchenspezifisch ausgestalten. Es ist auch keine Frage der Investitionsbereitschaft. Zwar sind es je nach Branche unterschiedliche Prozesse, die bedient werden müssen; auch der digitale Reifegrad der Unternehmen variiert. Doch grundsätzlich ist es die Art und Weise wie PLM-Projekte angegangen werden, die Unternehmen vor Herausforderungen stellen.

Fragt man nach den größten Hemmnissen, so sind die Ursachen in vielen Fällen unklare Spezifikationen, unklare Zuständigkeiten und fehlendes Projektmanagement. Oft starten Unternehmen die PLM-Reise, ohne dass definiert wurde, wohin man letztlich möchte und genau analysiert hat, von wo man startet.

ITM: Lohnt sich die Einführung von PLM-Systemen für produzierende Mittelständler?
THIEL:
Ich bin der festen Überzeugung, dass sich die Einführung von PLM-Systemen für alle diese Unternehmen lohnt. Man muss sich nur fragen, ob und wann man den Schritt geht. Ganz klar: Die Einführung von PLM ist eine der tragenden Säulen der Digitalisierungsstrategie eines Unternehmens. Wer sich diesen Wettbewerbsvorteil nicht erschließen wird, der wird im direkten Wettbewerb mit seinen Marktbegleitern ins Hintertreffen geraten.

ITM: Warum wird das so sein?
THIEL:
Durch das Internet of Things (IoT) wachsen die physische und reale Welt immer mehr zusammen und vernetzen sich. Es wird zentral sein, aus diesen Daten zu jedem Zeitpunkt den optimalen Wertschöpfungsfluss abzuleiten.

Unabdingbar hierfür ist eine Flexibilisierung, das heißt, dynamische Gestaltung der Geschäftsprozesse über das Internet sowie agile Engineering-Prozesse. Und vergessen wir nicht die Notwendigkeit einer stabilen, standortübergreifenden Zusammenarbeit. Erst dann können all die erzeugten Big Data optimal in Entscheidungen einfließen und damit eine flexible Reaktionsfähigkeit auf Veränderungen mit sich führen.

Eine Weiterentwicklung der vorhandenen Produktdaten-Management-Lösungen und die intelligente Anbindung der ERP-Systeme sind notwendig, wenn man dem Wettbewerb standhalten möchte. Zu all dem leistet PLM den entscheidenden Beitrag: Ein digitales Engineering entlang der gesamten Wertschöpfungskette – wir nennen das SmartPLM. Der Nutzen, den man dabei realisieren kann, ist die Fähigkeit, auf individualisierte Kundenwünsche einzugehen und die Produktion dennoch rentabel zu gestalten.

ITM: Welches Vorgehen empfehlen Sie für die Einführung?
THIEL:
Speziell im Mittelstand empfehlen wir eine Einführung anhand vorkonfigurierter Pakete. Denn gerade Mittelständler können sich eins oftmals nicht erlauben: langwierige PLM-Einführungen oder Tests, bei denen der Nutzen nicht erreicht wird oder die Zufriedenheit der User erodiert.

Unser Vorgehen folgt der Strategie „ready to grow“: Es handelt sich um eine vorkonfigurierte Lösung, die 80 Prozent der typischerweise auftretenden Aufgaben schon vordefiniert beinhaltet. Die restlichen 20 Prozent werden agil, je nach individueller Kundensituation, konfiguriert.

Im ersten Schritt ist die Einführung mit einer CAD-Integration verbunden sowie mit den Kernthemen Dokumentenverwaltung, Änderungs- oder Projektmanagement und Stücklisten. Damit erhalten die Kunden eine Basisfunktionalität, mit der sie starten können. Vorab prüfen wir gemeinsam mit den Kunden, wie diese Disziplinen im agilen Teil des Pakets zu konfigurieren sind. Dazu stellen wir eine Software zur Verfügung, die es den Kunden ermöglicht, zukünftige Änderungen transparent selbst durchzuführen.

ITM: Wenn Unternehmen dieser Einführungsstrategie folgen – wären sie auf die Produkte Ihrer Plattform festgelegt? Was, wenn Zulieferer oder Partner dieses Unternehmens andere PLM-Systeme verwenden?
THIEL:
Es ist klar, dass unterschiedliche Akteure am Markt nicht auf der gleichen Architektur operieren werden. Daher ist das Thema Collaboration heute eine Kernanforderung. Als Partner von Dassault Systèmes setzen wir bei unserer Lösung u.a. auf die 3DExperience-Plattform. Es ist eine Plattform, mit der alle Unternehmensprozesse abgedeckt werden können. Die Systeme, die in der Lösung zum Einsatz kommen, haben offene Standards: Der Datenaustausch wird also jederzeit unterstützt – ob es nun 3D-Informationen oder auch Metadaten sind. Anders sind Wertschöpfungsnetzwerke nicht handlungsfähig.

ITM: Blicken wir nach vorn: Welche noch kommenden PLM-basierten Entwicklungen im Bereich Industrie 4.0 sollten Mittelständler schon jetzt im Auge behalten, um rechtzeitig gerüstet zu sein?
THIEL:
Wir stellen fest, dass z.B. Innovationen immer mehr ein Miteinander der Felder Mechanik, Elektronik, Elektrik, Hydraulik und der Software erfordern. Der methodische Ansatz im PLM wird also darin münden, einen digitalen Zwilling zur Verfügung stellen zu können. Das bedingt, dass die IT- und Software-Infrastruktur – ob lokal oder in der Cloud – immer hochverfügbar sein muss, um geschäftskritische Prozesse und Informationen immer sicher und hochverfügbar bereit zu halten. Dies sicherzustellen und zu garantieren, wird eine der weiteren kommenden Aufgaben im Zuge einer Digitalisierungsstrategie sein.

Bildquelle: Cenit

 

 

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