09.06.2015 Vorsicht geboten!

Quelloffenes CMS als gutes Angriffsziel

Von: Lea Sommerhäuser

Im Interview betont Tim Neugebauer, Geschäftsführer der DMK E-Business GmbH, dass die klassischen Vorteile quelloffener CMS die Anbieterunabhängigkeit, Flexibilität in der Nutzungstiefe und Individualisierbarkeit sind. Zugleich stellt der quelloffene Code ein gutes Angriffsziel dar.

Tim Neugebauer, DMK

„Nur weil ein CMS keine Lizenzkosten verursacht, heißt dies nicht, dass es insgesamt die bessere Wahl ist“, meint Tim Neugebauer, Geschäftsführer der DMK E-Business GmbH.

ITM: Herr Neugebauer, welchen Stellenwert haben heutzutage Open-Source-Content-Management-Systeme (CMS) im Vergleich zu Standard-Content-Management-Software?
Tim Neugebauer:
Zumindest im deutschen Mittelstand haben unserer Erfahrung nach Open-Source-CMS einen erheblichen Stellenwert. Systeme wie Typo3 für PHP oder auch Magnolia im Java-Umfeld bieten hier genügend Funktionsvielfalt und bilden die gewünschten Unternehmens- und Kommunikationsprozesse gut ab. Dazu gehören vor allem ein klares und gut strukturiertes Inhaltsmanagement, Mehrsprachigkeit, Mehrdomainfähigkeit, Anbindung an Social-Media-Kanäle und einfache redaktionelle Workflows zur kollaborativen Arbeit an Inhalten.

ITM: Wie gestaltet sich das derzeitige Interesse des Mittelstands an Content-Management-Systemen auf Open-Source-Basis?
Neugebauer:
Der Mittelstand ist hier pragmatisch eingestellt. Dort, wo es inhaltliche Vorteile bringt und Kosten einspart, wird auf Open Source gesetzt. Das CMS-Umfeld ist dafür ein gutes Beispiel. Die mit CMS-Systemen abbildbaren Prozesse und Geschäftsmodellaspekte werden gegenüber anderen betrieblichen Bereichen, wie dem ERP- und CRM-Umfeld, als weniger kritisch wahrgenommen. Entsprechend ist man bereit, auf quelloffene Lösungen zu setzen. Hinzu kommt außerdem, dass sich Open-Source-CMS oftmals sehr gut gegen ihre kommerzielle Konkurrenz behaupten können. In vielen Bereichen besitzen sie sogar genuine Vorteile.

ITM: Was hält das eine oder andere Unternehmen noch von Open-Source-Modellen im CMS-Bereich ab?
Neugebauer:
Einerseits sind die Auswahlkriterien häufig viel weniger strukturiert und objektiv, als gemeinhin wünschenswert ist. Dadurch kann es passieren, dass historisch gewachsene Herstellerbeziehungen oder auch eine Empfehlung der betreuenden Digitalagentur den Ausschlag geben. Weiterhin besitzen kommerzielle Produkte oftmals noch starke Vorteile in der Produktvermarktung. Vertrieb und Marketing kommerzieller Hersteller arbeiten hier manchmal gründlicher und sorgen damit für eine Entscheidung, die aus objektiver Sicht auch in Richtung eines Open-Source-CMS hätte fallen können. Andererseits ist es so, dass proprietäre Angebote in hochspezialisierten Umfeldern durchaus ihre Vorteile haben. Die Auswahl eines CMS sollte also immer mit einer gewissen Unvoreingenommenheit und möglichst transparent stattfinden.

ITM: Welche Vorteile und Möglichkeiten bieten sich jenen Unternehmen, die auf Open-Source-CMS vertrauen?
Neugebauer:
Klassische Vorteile quelloffener CMS sind natürlich Anbieterunabhängigkeit, Flexibilität in der Nutzungstiefe und Individualisierbarkeit. In unserem Projektalltag sind diese Argumente wesentliche Auswahlgründe, neben dem Aspekt der Lizenzkostenersparnis. Hinzu kommt, dass Open-Source-CMS in der Regel stark von Communities getrieben werden. Damit wird eine Entwicklungsgeschwindigkeit erreicht, die kommerzielle Anbieter meist nicht haben. Offene Standards sorgen zudem für eine gute Integrationsfähigkeit der Software in eine bestehende IT-Infrastruktur. Zwischen quelloffenen Systemen existieren oft sogar standardisierte Schnittstellen zum einfachen Austausch von Daten. Klassisches Beispiel: Das CMS ist mit dem CRM- oder auch dem ERP-System verbunden und tauscht regelmäßig Daten aus.

ITM: Inwiefern bedeutet „Open Source“ tatsächlich Kostenfreiheit und mehr Flexibilität?
Neugebauer:
Das hängt stark vom jeweiligen Produkt ab. „Echte“ Open-Source-Lösungen, also solche, die tatsächlich von einer Community betreut werden, wie es im Typo3-Umfeld die Typo3 Association mit ihrer Community ist, ermöglichen tatsächlich Lizenzkosteneinsparung, Zukunftsfähigkeit und Flexibilität. Insgesamt muss man aber auch hier die Gesamtkosten eines Projekts inklusive Kosten für die Einführung, Individualisierung, Wartung und Betrieb in die Betrachtung einfließen lassen. Nur weil ein CMS keine Lizenzkosten verursacht, heißt dies nicht, dass es insgesamt die bessere Wahl ist.

ITM: Was sind die Nachteile und Hürden von Open-Source-CMS im Vergleich zu Standardsoftware?
Neugebauer:
Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass meist kein Unternehmen hinter der produzierten Software steht, sondern eine diffuse Menge an Menschen, die sich in einer Gemeinschaft oftmals freiwillig zur Weiterentwicklung eines Systems organisiert haben. Die Auswahl eines geeigneten Implementierungspartners ist daher im Open-Source-Umfeld sehr wichtig. Dieser gibt nicht nur vertragliche Sicherheit, sondern bringt auch die Kompetenz zur Einrichtung und Individualisierung des CMS mit. Je besser dies gelingt, desto potentiell erfolgreicher ist das Gesamtprojekt im Ergebnis.

ITM: Welche Kriterien sollte ein gutes CMS erfüllen?
Neugebauer:
Es sollte zunächst einmal die individuellen Projektanforderungen des Unternehmens gut abbilden und die potentiell zukünftig entstehenden Bedarfe realistisch abbildbar machen. Weiterhin gibt es natürlich klare Anforderungen an Sicherheit, Performanz und Skalierbarkeit. Das System sollte zudem aktuellen Funktionsanforderungen entsprechen oder diese Anforderungen über eine Plugin-Architektur schnell verfügbar machen. Zu denken ist hier an eine endgeräte-übergreifende Präsentation von Inhalten, Management mehrsprachiger Inhalte, kontextabhängige Bereitstellung von Informationen, Kampagnensteuerung, Webanalyse und viele mehr.

ITM: Wie gestaltet sich die jeweilige Kompatibilität/Integrierbarkeit zu/mit anderen Systemen?
Neugebauer:
Je besser die beteiligten Systeme selbst Gebrauch von (offenen) Industriestandards machen, desto einfacher lassen sich Prozesse integrieren und Daten austauschen. Open Source spielt auch hier seine Stärken aus: Oftmals existieren zwischen verschiedenen Open-Source-Anwendungen schon standardisierte Schnittstellen oder zumindest Basisbibliotheken, die leicht individualisiert werden können. Weiterhin lassen sich mit einem offenen Quellcode natürlich auch viel schneller neue Schnittstellen schaffen. Moderne Open-Source-CMS sind nicht nur System, sondern auch Entwicklungs-Framework für projektspezifische Programmierungen.

ITM: Welche Anforderungen stellen Open Source-CMS an die Leistungs- und Konfigurationsfähigkeit eines verwendeten Servers?
Neugebauer:
Diese Frage ist sehr stark mit den individuellen Begebenheiten der Systeme verbunden. PHP-basierte Open-Source-CMS lassen sich oftmals schneller und einfacher mit standardisierten Web-Hosting-Angeboten nutzen als java-basierte Anwendungen. Jedes System stellt jedoch eigene Anforderungen, die es vorab zu prüfen gilt. In der Regel existieren hier auf den jeweiligen Projektseiten der Open-Source-Systeme genaue Informationen zu den Anforderungen an die Serverinfrastruktur.

ITM: Wonach entscheidet sich, ob ein Open Source- oder Standard-Modell für ein Unternehmen in Frage kommt?
Neugebauer:
Die Auswahl und Einführung eines CMS sollte wohlüberlegt sein und möglichst objektiv stattfinden. Es ist hier beispielsweise eine einfache Nutzwertanalyse anzuraten. Wenn die Vorteile des Open-Source-Systems überwiegen, sollte dieses gewählt werden. Wenn Cloud-Lösungen oder andere kommerzielle Angebote das Ranking anführen, sollten diese gewählt werden. Je genauer die Analyse, desto besser die Entscheidungsgrundlage.

ITM: Wie sollten Mittelständler bei der Anbieter- bzw. Lösungsauswahl vorgehen?
Neugebauer:
KMUs sollten zunächst die individuellen Anforderungen möglichst genau erfassen und diese anhand der verfügbaren Informationen verschiedener Systeme prüfen. Das sich daraus ergebende Ranking eignet sich als Grundlage einer „Long List“. Für die oberen drei bis fünf Systeme dieser Liste kann im Rahmen einer „Short List“ eine detailliertere Betrachtung sinnvoll sein. Hier empfiehlt es sich, durch Teststellungen die kritischsten Anforderungen systemspezifisch zu überprüfen. Schließlich sollte eine Entscheidung immer im Team von beteiligten Fachabteilungen gefällt werden. Denn das, was aus IT-Sicht richtig ist, muss für das Marketing oder Produktmanagement noch lange nicht optimal sein. Der gesamte Prozess kann entweder inhouse durchgeführt oder durch einen geeigneten Dienstleister begleitet werden.

ITM: Mit welchem Aufwand ist die Einführung eines Open-Source-CMS, verglichen zu einem Standardsystem, verbunden?
Neugebauer:
Die Kosten sind abhängig vom konkreten Projekt. Sie setzen sich in der Regel aus Auswahl-, Einführungs-, Wartungs- und Betriebskosten zusammen. Bei kommerziellen Lösungen entsteht in der Regel noch ein weiterer Kostenblock: die Lizenzkosten. Der zeitliche und personelle Aufwand für die Auswahl- und Einführungsphase des Systems muss ebenfalls individuell abgeschätzt werden. Je genauer die Auswahl und je komplexer das Projekt, desto umfangreicher gestaltet sich die unternehmensinterne Beteiligung.

ITM: Wie ist es um die Sicherheit und Zukunftsfähigkeit von Open-Source-CM-Modellen bestellt?
Neugebauer:
Open-Source-CMS besitzen den Nachteil, dass sie durch ihren offenen Quellcode gute Angriffsziele darstellen. Daher ist es wichtig, dass dieser Aspekt während der Auswahl des Systems ins Kalkül gezogen wird. Die Typo3 Association stellt beispielsweise mit dem Security Bulletin einen geeigneten Mechanismus bereit, um den aktuellen Anforderungen an Sicherheit zu begegnen. Ist der gewählte Dienstleister zudem Experte im jeweiligen Feld und bildet den gesamten Betriebs- und Wartungszyklus vollständig ab, sind Open-Source-Systeme oftmals robuster als kommerzielle Lösungen. Die Zukunftsfähigkeit ist bei leistungsfähigen quelloffenen Lösungen in der Regel gegeben oder sogar wesentlich besser als bei ihren kommerziellen Pendants. Das liegt zum einen daran, dass quelloffener Code auch Veränderung zulässt. Zum anderen besitzen leistungsfähige CMS eine Extension- oder Plugin-Architektur, mit der zusätzliche Funktionen integriert werden können. Weiterhin verstehen sich diese Systeme häufig auch als Entwicklungs-Framework: Sie bieten ein standardisiertes Umfeld, über das vollkommen individuelle Entwicklungen vorgenommen und so in das System integriert werden können.

ITM: Wie gestaltet sich der Support durch den Hersteller bzw. Entwickler bei Open Source-Modellen?
Neugebauer:
Der Support im Umfeld von Open Source sollte vom Integrator kommen und damit vom Dienstleister, der das System einführt, und nicht von Seiten der Organisation, die die Software herstellt. Je nach Aufstellung des jeweiligen Dienstleistungsunternehmens finden sich verschiedene Supportoptionen. Spezialisierte CMS-Dienstleister bieten in der Regel garantierte Reaktionszeiten und standardisierte Update-und Betriebsprozesse. Oftmals entscheidet sich hier, ob die Wahl des Dienstleisters auch über die Systemeinführung hinaus einen langfristigen Erfolg verspricht.

ITM: Welcher Trend ist im CMS-Bereich abzusehen? Wohin geht es zukünftig?
Neugebauer:
Einerseits sind die letzten Entwicklungszyklen stark durch das Thema „Mobilfähigkeit“ und „Cross-Device-Funktionalitäten“ geprägt gewesen. Content-Management-Systeme müssen Inhalte geräte- und kontextabhängig ausliefern, im Idealfall auch die mobile Bearbeitung von Inhalten durch Redakteure erlauben. Ein anderer Schwerpunkt ist das Thema „Security“, also Sicherheit der Applikation vor unberechtigtem Zugriff und sonstigen webspezifischen Attacken wie DDOS, etc. Hier reicht der Bedarf über das eigentliche System hinaus. Sicherheit und Verfügbarkeit sind, wie Performanz und Skalierbarkeit, nur im komplexen Zusammenspiel zwischen Software und Hardware realisierbar. Schließlich müssen moderne CMS heute die zielgruppengenaue und personalisierte Auslieferung von Inhalten und eine leistungsfähige Kampagnensteuerung erlauben. Dabei ist das CMS auch an dieser Stelle wiederum in eine komplexe Architektur aus Systemen, u.a. CRM und Web-Analyse-Tools, einzubinden.

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