10.08.2017 Investitionen des HTGF am Beispiel von Replex

Risikokapital auf der Suche nach Innovationen

Von: Robert Schindler

Interview mit Patrick Kirchhoff, CEO von Replex, und Marc Umber, Investment Manager beim High-Tech Gründerfonds (HTGF) über Investitionen in der Frühphase von Start-ups, die Lage in Deutschland und die Optimierung von IT-Infrastrukturen.

  • Marc Umber, Investment Manager beim HTGF

    "Auch wenn die ein oder andere Branche dem aktuellen Technologietrend derzeit hinterherhinken mag, Deutschland behauptet sich schon lange erfolgreich als Technologie- und Innovationsstandort." Marc Umber, Investment Manager beim HTGF

  • Patrick Kirchhoff, CEO von replex

    "Wir setzen an der wachsenden Komplexität der IT an", beschreibt Patrick Kirchhoff, CEO von Replex sein Unternehmen.

Der High-Tech Gründerfonds (HTGF) ist ein deutscher Frühphaseninvestor. Mit einem Volumen von rund 875 Millionen EUR in drei Fonds finanziert er Technologie-Start-ups und unterstützten sie bei der Umsetzung ihrer Geschäftsideen. Investoren sind sowohl das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, die KfW sowie namhafte Wirtschaftsunternehmen.

Ein Beispiel für eine Investition ist Replex: Die GmbH wurde Anfang 2016 gegründet und hat ihren Hauptsitz in Duisburg sowie weitere Standorte in Berlin, Leipzig und San Francisco. Ihre Software dient dem Management und zur Optimierung von IT-Infrastrukturen. Ziel ist es, die Kapazitäten von Servern auszuschöpfen und die Effizienz zu steigern.

Wir sprachen mit Marc Umber, Investment Manager beim HTGF und Patrick Kirchhoff, CEO von Replex.

ITM: Wie steht es um die IT- und Digital-Branche 2017 in Deutschland?

Umber: Ich würde sagen gut, aber mit Potenzial nach oben. In den letzten Jahren war Deutschland bei der Digitalisierung im internationalen Vergleich nicht auf den oberen Rängen. Nach Zahlen des Global IT Report 2016 des World Economic Forum lag Deutschland nur auf Platz 15, und damit sogar zwei Plätze hinter dem Ergebnis von 2015. Allerdings zeigt sich nach genauerem Hinschauen, dass Deutschland in der Kategorie „Business Usage“, also der Verwendung von ICT und die Technikaffinität, international auf Platz 6 liegt.

Digitalisierung und Automatisierung sind sowohl bei Großkonzernen als auch beim Mittelstand weit oben auf der Agenda angekommen. Nach einer Studie von Etventure gehört die Digitalisierung bei 50% der deutschen Unternehmen zu den Top 3 Themen. Auch wir sahen in den letzten Jahren viel Bewegung in deutschen Unternehmen und eine stärkere Ausrichtung auf Innovationen und Start-up-Kultur.

Im Rahmen des erfolgreich verlaufenen Fundraisings für unseren dritten Fonds hatten wir tiefen Einblick in die Wünsche und Nöte deutscher Unternehmen. Ob Großkonzern oder Mittelständler, die Nachfrage nach IT-Innovationen und Digitalisierung wächst. Die Bereitschaft von Unternehmen, mit jungen Innovatoren zusammen zu arbeiten, ist deutlich gestiegen.

Leider sehen wir auf der Angebotsseite aber auch, dass IT und Digitalisierung ein globales Geschäft sind und dass unsere Start-ups rasch im Wettbewerb mit internationalen Anbietern aus aller Welt stehen. Hier sind natürlich nach wie vor USA und UK sehr dominant, jedoch kommt zunehmend innovativer Wettbewerb aus Skandinavien, dem Baltikum und dem Nahen Osten.

Haben sich die Rahmenbedingungen für Gründer in den letzten Jahren verbessert?

Umber: Nach unserer Wahrnehmung haben sich die Rahmenbedingungen für Gründer deutlich verbessert. Aktuell gibt es sehr viel Risikokapital, das auf der Suche nach Innovationen ist. Zwar ging das frisch eingesammelte Kapital in Europa im letzten Jahr leicht zurück. Dennoch gab es weltweit noch nie so viel Drypowder im Venture Capital Umfeld wie heute. Dies spüren wir auch in Deutschland.

Neben den etablierten Finanzinvestoren aus Deutschland, sehen wir im Seed-Bereich verstärkt Ko-Investitionen durch High-Net-Worth Individuals und jüngere VC-Fonds. In späteren Finanzierungsrunden (Series A und aufwärts) nehmen wir eine zunehmende Präsenz von internationalen Investoren, vorwiegend aus dem europäischen Ausland sowie Corporate VCs wahr.

Kirchhoff: Ich sehe das ähnlich wie Marc. Die Innovationsfreude im Deutschland ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Besonders im IT-Umfeld, in dem wir uns bewegen, erfolgen immer mehr vielversprechende Neugründungen. Dazu trägt sicherlich auch das vermehrte Auftreten von in- & ausländischen Frühphasen-VC’s & Business Angels auf dem deutschen Markt bei, die mit immer spezialisierten Fonds einzelne Marktsegmente fokussieren.

Gerade die Software-Branche profitiert auch vom starken Wachstum der Corporate-Fonds. Durch das vermehrte Scouting innovativer IT-Lösungen als Bestandteil des Innovationsmanagements in den letzten Jahren können mehr Projekte klassischer VC-Fonds umgesetzt werden, da Ko-Investoren mit gutem Know-how bereitstehen. Wir denken, dass diese positiven Entwicklungen erst am Anfang stehen und deutsche Großunternehmen zukünftig noch enger mit Start-ups kooperieren.

Welche Rolle spielen dabei Einrichtungen wie der HTGF?

Umber: Der HTGF ist angetreten, um die sogenannte Kapitalmarktlücke im Seed-Bereich zu schließen. Die Seed-Investitionsphase, die üblicherweise nach einer ersten Angel-Finanzierung in Höhe von mehreren zehntausend, jedoch vor einer A-Runden-Finanzierung mit mehr als 1 Mio. Euro liegt, ist aufgrund ihres hohen Risikos durch den privaten Kapitalmarkt unterversorgt.

Wir investieren in technologische Innovationen, die das Potenzial haben, eines Tages große Unternehmen zu werden und Branchen nachhaltig zu verändern. Die IT- und Digitalbranche war und ist dabei eine der wichtigsten Säulen des HTGF.

Dank unserer erfolgreichen Start-ups sowie unserer Transaktionserfahrung genießt der HTGF international eine exponierte Stellung. Über die letzten zehn Jahre hat dies dazu beigetragen, die Visibilität Deutschlands als Innovations- und Start-up-Standort deutlich zu steigern. In 2015 war der HTGF laut CB-Insights auf dem 6. Platz der aktivsten Early-Stage VCs weltweit. Im Europa-Vergleich sind wir regelmäßig auf den ersten drei Rängen. Der HTGF versteht sich als Investor und Netzwerkpartner. Wir sind nicht nur Finanzierungspartner für Gründer, sondern auch oft die erste Anlaufstelle für internationale Investoren sowie Unternehmen, die den Austausch mit unseren Start-ups suchen.

Kirchhoff: Gerade für uns ist der HTGF ein Partner, der nicht nur Kapital mitbringt, sondern uns mit Know-how und einem ausgezeichneten Netzwerk zur Seite steht. Institutionen wie der HTGF bringen Expertise mit, da sie bereits das Wachstum, aber auch das Scheitern zahlreicher Start-ups miterlebt haben. Diese wertvollen Erfahrungen können sie direkt an die Gründer der aktuellen Portfoliounternehmen weitergeben.

In welchen Bereichen und Nischen ist der Standort Deutschland besonders stark?

Umber: Historisch gesehen liegt sicherlich eine besondere Stärke des Standorts Deutschland im Produktions- und Fertigungs-Know-How. Das Schlagwort Industrie 4.0 ist zwar nicht mehr ganz neu, aber die Digitalisierung und Vernetzung entlang der Wertschöpfungskette ist nach wie vor aktuell und schreitet enorm voran. Entlang der Wertschöpfungskette gibt es eine Vielzahl von Nischen, für deren Digitalisierung es einer Kombination aus IT- und Industrie-Expertise bedarf. Hier sehe ich Deutschland weit vorn.

Auch wenn die ein oder andere Branche dem aktuellen Technologietrend derzeit hinterherhinken mag, Deutschland behauptet sich schon lange erfolgreich als Technologie- und Innovationsstandort. Nicht zuletzt, weil wir ein gutes Bildungssystem haben und Forschung und Entwicklung einen hohen Stellenwert genießen. All das trägt dazu bei, sich auch in Zukunft im internationalen Wettbewerb zu behaupten.

Deutschland hat viele kreative Köpfe, sollte aber auch international weitere anziehen. Berlin konnte sich in den letzten Jahren als einer der führenden Start-up-Hubs in Europa etablieren und wird für internationale Gründer immer attraktiver. Auch andere Städte in Deutschland haben erkannt, dass man nicht nur national im Wettbewerb um kluge Köpfe steht. Ich sehe hier einen zunehmenden Trend und eine tolle Chance für den Standort Deutschland.

Eines der aktuellen HTGF-Projekte ist das Software-Unternehmen Replex. Worum geht es?

Kirchhoff: Replex ist eine Software für die Visualisierung und Optimierung der IT-Infrastruktur in Unternehmen. Rund 30 Prozent der Server in Unternehmen gelten als „Zombie-Server“, d.h. es entstehen enorme Lizenz- & Energiekosten ohne eigentlichen Nutzen. Die Digitalisierung in Unternehmen treibt dies zusätzlich voran.

Wir setzen an der wachsenden Komplexität der IT an: Als zentrale Informationsquelle für sämtliche IT-Ressourcen, ob Server, Cloud oder Virtualisierungstechnologien, liefern wir Transparenz und bieten Effizienzsteigerungen über die gesamte IT-Infrastruktur hinweg.

Replex will sich nun auf die USA konzentrieren - warum?

Kirchhoff: Auch wenn die Entwicklungen in der deutschen Gründerszene sehr positiv sind, sehen wir beim Einsatz innovativer Technologien von Unternehmen immer noch eine vorsichtige Haltung. Der Wille zur Innovation ist zwar da, oftmals hapert es jedoch bei der konkreten Umsetzung. Wir haben gemerkt, dass US-Unternehmen derzeit noch sehr viel offener gegenüber Start-ups sind und schneller agieren. Weiterhin gibt es in San Francisco mit dem Silicon Valley als IT-Hub Nr. 1 keinen besseren Standort für uns, um unser Produkt weiterzuentwickeln und neue Kooperationspartner zu finden.

Über Replex
Replex ist eine Software zum Management und zur Optimierung von IT-Infrastrukturen. Im Echtzeitverfahren werden Informationen von Cloudprovidern, von physischen und virtuellen Maschinen sowie Containern gesammelt und nutzbar gemacht. Zudem besteht die Software aus Algorithmen zur weiteren Optimierung von Ressourcen. Ziel ist es, die Kapazitäten von Servern auszuschöpfen und die Effizienz zu steigern. Die Replex GmbH wurde Anfang 2016 gegründet und hat ihren Hauptsitz in Duisburg sowie weitere Standorte in Berlin, Leipzig und San Francisco. www.replex.io 

Über den High-Tech Gründerfonds
Der High-Tech Gründerfonds (HTGF) ist nach eigenen Angaben Deutschlands aktivster Frühphaseninvestor. Mit einem Volumen von rund 875 Mio. EUR in drei Fonds finanziert er junge innovative Technologie Start-ups und unterstützten sie aktiv bei der Umsetzung ihrer Geschäftsidee. Drei Investmentteams fokussieren sich auf hardwarenahe Ingenieurwissenschaften, Life Science, Chemie und Material Science sowie Software, Media Internet. Investoren der Public-Private-Partnership sind das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, die KfW sowie namhafte Wirtschaftsunternehmen. https://high-tech-gruenderfonds.de 



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